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Predigten

Es folgt der Hirtenbrief im Wortlaut:

Bischof Dr. Gebhard Fürst: Hirtenbrief an die Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur österlichen Bußzeit 2009

Den Glauben feiern - Über die Kraft der Liturgie in einer missionarischen Kirche

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie in jedem Jahr grüße ich Sie mit meinem Brief zum Ersten Fastensonntag. Ich tue das gerne, denn in meinen Gedanken bin ich oft bei Ihnen in den Kirchengemeinden unserer Diözese. Ich denke an die vielen Menschen, die mitwirken und ihren Beitrag leisten. Ich denke auch an die, die Verantwortung tragen in den verschieden Bereichen der Seelsorge, in den Diensten und Ämtern unserer Kirche. Ständig frage ich mich, wie wir heute Kirche sein, leben und gestalten können, damit die frohe Botschaft, die uns erfüllt und trägt, lebendig bleibt und auch andere Menschen heilsam erreichen kann.

Zusammen mit dem Glaubenszeugnis und der tätigen Nächstenliebe nenne ich hier besonders die Feier unserer Gottesdienste, die Liturgie der Kirche, ihre Riten, Gesten und Zeichen. Sie gehören in der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen zu den Ausdrucksformen, die uns heilsam erfüllen, die uns im Leben und Glauben tragen. Deshalb bedarf die Feier der Liturgie unserer besonderen Aufmerksamkeit.

Liebe Brüder und Schwestern, die österliche Bußzeit ist eröffnet: eine auch von der Liturgie besonders geprägte Zeit. Gekennzeichnet ist diese Zeit bis zum heiligen Osterfest des Kirchenjahrs von der liturgischen Farbe Violett. Hinter uns liegt schon die Feier des Aschermittwochs mit dem eindrucksvollen Zeichen der Bestreuung mit Asche und dem Deute-Wort: ‚Memento mori, bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!’

So wie bei der Aschenbestreuung bringen wir in der Liturgie in eindrucksvollen Zeichen und Gesten existentielle Tiefenschichten des menschlichen Lebens und unseres Glaubens zum Ausdruck. Wir reden nicht nur vom Glauben, wir hören nicht nur die Frohe Botschaft. Wir erleben darüber hinaus in der Gestalt der Liturgie mit all unseren Sinnen, was wir glauben. Wir sehen Gesten und Zeichen und vollziehen sie mit - z.B. im Zeichen des Kreuzes. Besonders eindrucksvoll feiern wir Liturgie am Ende der Fastenzeit, wenn wir den Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag begehen. Dann - in der Eucharistie des Gründonnerstags - sehen und erleben wir das liturgische Zeichen der Fußwaschung der Jünger durch Jesus im Abendmahlsaal. Wir feiern in tiefen Bildern, in ergreifenden Zeichen und in bewegenden Gesten den Karfreitag. Wir begehen im Zeichen des Lichtes das Osterfest mit der an religiösen Erlebnissen reichen Osternacht und feiern unter festlichem Jubel, Gesang und Musik die Freude des Ostersonntags als Feier der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus.

Liebe Schwestern und Brüder, die Liturgie unserer Kirche mit ihren geprägten Zeiten, den Sonntagen und kirchlichen Festen ist voll sprechender Zeichen und Gesten, die wir mit vollziehen. In der Liturgie erfahren wir die Botschaften unseres Glaubens für unser Leben als Christen mit allen Sinnen. Wir bringen auch selbst in der Mitfeier der Liturgie den Glauben leiblich zum Ausdruck.

Die Feier der Liturgie, durch die wir in die Botschaft des Glaubens mit hineingenommen und von ihr ergriffen werden, ist ein hohes Gut, das uns als Kirche anvertraut ist. Wir feiern ja nicht uns selbst, sondern den Glauben, der uns geschenkt ist. Schließlich loben wir Gott, der uns in Jesus Christus begegnet. Die Botschaft Gottes für uns und zu unserem Heil drückt sich in der Liturgie aus und findet darin ihre sprechende, sinnenhaft erfahrbare Form. Von der Liturgie lassen wir unser Herz bewegen und unsere Seele erheben. Weil dies alles ein solches Gut ist, tragen wir Verantwortung für die sorgsame Pflege dieses kostbaren Geschenks. Besonders diejenigen, die eigens und für unterschiedliche Arten der Feier der Liturgien beauftragt sind, bitte ich hierbei um Achtsamkeit!

Beim Gedanken an die Gemeinden unserer Diözese denke ich immer auch daran, wie sie Liturgie feiern. Ich hoffe, dass bei Ihnen von der Feier der Liturgie die Kraft ausgehen kann, Menschen zu verwandeln.

Der französische Dichter Paul Claudel berichtet, wie sich ihm im Alter von 18 Jahren die überwältigende Kraft der Liturgie gezeigt hat. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: „Mein mir bereits zur Gewohnheit gewordener Zustand der Betäubung und Verzweiflung blieb lange Jahre unverändert. So stand es um das unglückliche Kind, das sich am 25. Dezember 1886 in Notre-Dame de Paris begab.“ Er berichtet weiter, dass er nach der Weihnachtsmesse auch das liturgische Abendgebet der Kirche, die Vesper, besuchte. Er schreibt: „Die Knaben der Singschule in weißen Gewändern sangen gerade, und die Schüler des kleinen Seminars Saint-Nicolas-du-Chardonnet hatten eben das ‚Magnificat’ angestimmt. Ich selbst stand unter der Menge in der Nähe des zweiten Pfeilers am Choranfang. Da nun vollzog sich das Ereignis, das für mein ganzes Leben bestimmend sein sollte. In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte. Ich glaubte mit einer so starken Überzeugung, mit solch unbeschreiblicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den leisesten Zweifel offenblieb, dass von diesem Tag an alle Bücher, alles Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu erschüttern, ja auch nicht anzutasten vermochten.“

Solch ergreifende Erfahrungen in der liturgischen Feier sind nicht alltäglich, aber doch – so oder ähnlich - möglich. Vielleicht haben Sie, liebe Schwestern und Brüder, in der Mit-Feier festlicher Liturgie schon Erfahrungen des Bewegtseins, ja des Ergriffenseins machen können. Auch deshalb gibt es gute Gründe, den Zeichen und Gesten, den Bildern, den Riten und Vollzügen der Liturgie der Kirche zu trauen. Von ihnen kann eine bewegende, glaubensstärkende, ja glaubenstiftende Kraft ausgehen, die den „Zustand der Betäubung und Verzweiflung“, von dem Claudel schreibt, bei Menschen lindern, vielleicht in Wachheit und Freude verwandeln kann!

Ich frage mich aber, ob die Feier der Liturgie in unseren Kirchengemeinden überall eine solche ‚Qualität’, ein solches ‚Niveau’, eine solch festliche Gestalt hat, dass Ähnliches von ihr ausgehen kann? Wie sehr kann eine würdige Feier des Begräbnisses unseren Schmerz in Zeichen und Gesten zum Ausdruck bringen und dabei Trauernde und Betrübte trösten. Wie sehr kann sich in der Feier der Taufe eines Kindes die Freude über das Geschenk eines neuen Menschenlebens einstellen. Wie sehr kann die Feier der Trauungsliturgie die Liebe Gottes zu den Menschen und zwischen Mann und Frau sichtbar machen und erschließen?

Liebe Schwestern und Brüder, trauen wir also der Liturgie, ihren geprägten Formen, Zeichen, Gesten und Symbolen zu, was sie zu allen Zeiten bei Menschen bewirkt und ermöglicht haben: dem unsichtbaren Geheimnis des Glaubens einen sichtbaren Ausdruck zu verschaffen, Trost zu spenden, das Herz zu erheben, Menschen zu ergreifen, zu erfreuen und zu verwandeln.

Liebe Schwestern und Brüder, wir leben in einer Zeit, in der sich viel verändert. Das Kennzeichen des christlichen Glaubens-Weges ist auch die Feier der Liturgie mit ihrem großen geistlichen Reichtum. Das pilgernde Gottesvolk lebt nicht nur vom Hören des Gotteswortes, sondern besonders von der Feier des Glaubens. Dies gilt in besonderer Weise für die Feier der Eucharistie: Denn in ihr vergegenwärtigt sich für uns Menschen die liebende Zuwendung Gottes in Jesus Christus. In der Eucharistie erfahren wir uns als immer wieder neu von Gott Geliebte. Aus dieser liturgisch erfahrenen Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn Jesus Christus gehen wir gestärkt hervor, um im Glauben, Hoffen und Lieben den so erschlossenen Weg als Kirche gehen zu können.

Das Zweite Vatikanische Konzil gibt der Feier des Glaubens insgesamt einen hohen Stellenwert. In seiner Erklärung über die Liturgie heißt es: Die Liturgie ist „der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.“ (SC 10)

Liebe Schwestern und Brüder, in den eindrucksvollen liturgischen Feiern der Fastenzeit, der Karwoche und Ostertage wünsche ich Ihnen allen die Erfahrung dieser Quelle der Kraft!

Rottenburg, am Fest der Bekehrung des Apostels Paulus 2009

+ Bischof Dr. Gebhard Fürst

 

 

 

 

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