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Predigten

Hoffnung für die Heimatlosen

Was ihr für einen meiner
geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr mir getan.
(Mt 25,40)

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute begehen wir den Caritas-Sonntag. Die Caritas-Kampagne nimmt sich in diesem Jahr in besonderer Weise des Themas „Heimat“ an. Verwurzelt zu sein, Sicherheit zu spüren, das ist ein menschliches Grundbedürfnis schlechthin.

Umso mehr bewegt uns das Schicksal der Menschen, die weltweit auf der Flucht sind – heimatlos und entwurzelt. Täglich sehen wir Bilder von Menschen, die sich von Zäunen und Stacheldraht nicht abschrecken lassen, die ihr Leben riskieren, um bei uns Schutz und Sicherheit zu finden. Dabei ist das, was wir täglich über die Medien erfahren, nur ein kleiner Ausschnitt aus der unermesslichen weltweiten Flüchtlingstragödie.

Ich selbst hatte in den ersten Septembertagen Gelegenheit, in Jordanien Menschen zu begegnen, die vor dem Terror islamistischer Fanatiker geflohen sind und in den Container-Dörfern der Caritas Aufnahme gefunden haben. Die Menschen dort haben alles zurückgelassen, was einmal ihre Existenz ausgemacht hat. Vielfach haben sie auch alle Hoffnung verloren, dass ihnen noch einmal eine menschenwürdige Zukunft offen steht.

Unter dem Eindruck der unfassbaren Not der Menschen dort, aber auch derer, die den Weg zu uns nach Deutschland geschafft haben, wende ich mich heute an Sie und bitte Sie um Ihre Großherzigkeit und Ihre Solidarität mit den versprengten und entwurzelten Menschen aus aller Welt.

Ich bin mir bewusst, dass diese Bitte auf ungezählte offene Ohren und Herzen stößt. Daher ist es mir ein Anliegen, Ihnen allen ein herzliches ‚Vergelt’s Gott‘ zu sagen dafür, dass Sie sich der Menschen annehmen, die bei uns Schutz und eine neue Heimat suchen. Es erfüllt mich mit großer Freude, wie viele Dekanate, Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften, Verbände, Freundes- und Helferkreise und einzelne Christinnen und Christen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart die menschenfreundliche Aufnahme von Flüchtlingen zu ihrem eigenen Anliegen gemacht haben. Sie stellen ihnen Wohnungen zur Verfügung und kümmern sich in vielfältiger Weise um die Bedürfnisse der Flüchtlinge. Erst langsam gewinnen wir einen Überblick über die Vielfalt des Engagements in unserer Diözese.

Mit großer Wertschätzung sehe ich auch, wie sich die verbandliche Caritas in der Sorge um die Flüchtlinge engagiert. Und schließlich bin ich auch den Mitgliedern des Diözesanrats und der Diözesanleitung dankbar, dass sie zwölf Millionen Euro über die regulären Haushaltsmittel hinaus für vielfältige Hilfen für Flüchtlinge zur Verfügung stellen. Die eine Hälfte dient ihrer Betreuung hier in unserem Diözesangebiet, die andere Hälfte setzen wir für Projekte im Rahmen unserer weltkirchlichen Arbeit ein, um in den Kriegs- und Krisengebieten dazu beizutragen, dass die Menschen wieder Vertrauen gewinnen, in der eigenen Heimat zu bleiben.

All dies ist für mich ein Zeichen dafür, dass das Vorbild unseres Diözesanpatrons, des heiligen Martin von Tours, in unserer Diözese als Verpflichtung betrachtet und angenommen wird. Diese Form des Teilens, der aktiven Solidarität mit Menschen, die aus der Ferne kommen und uns zu Nächsten werden, ist ein Maßstab unserer Glaubwürdigkeit als Kirche und macht uns in unserer Gesellschaft in einer Weise präsent, die diese zu Recht von uns erwartet. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Ethik des Teilens, die zum diakonischen Selbstverständnis unserer Martins-Diözese gehört, in diesen Zeiten extremer Entwicklungen auch zu einer Herausforderung werden und zu großen Belastungen führen kann. Haupt- und ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit Tätige stoßen manchmal an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Und oft legt sich auf unsere Bereitschaft zu helfen auch der Schatten von Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Was dies alles für die Zukunft bedeutet, wissen wir nicht. Sicherlich wird sich in unserer Kirche ebenso wie in unserem gesamten Gemeinwesen manches verändern. Dies wird zur Bewährungsprobe werden. Darin liegt aber auch eine große Chance, dass wir uns besinnen auf die zentralen Werte christlicher Humanität, dass wir wachsen in der Glaubwürdigkeit, dass wir reicher werden in der Begegnung mit Menschen aus den Kirchen anderer Kontinente und aus anderen Kulturen, dass wir jünger werden durch die Aufnahme der vielen Kinder, denen wir eine bessere Zukunft eröffnen können.

Als Diözese Rottenburg-Stuttgart, als Diözese unter dem Patronat des heiligen Martin von Tours, wollen wir diesen Weg gehen. Der heilige Martin hat in seinem Leben und Wirken das Jesuswort aus dem Matthäusevangelium lebendig werden lassen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Ich bitte Sie und lade Sie ein, diesen Weg mitzugehen – im Gebet und darüber hinaus so, wie es Ihnen in Ihrer konkreten Situation möglich ist.

Damit verbinde ich auch einen konkreten Wunsch: Die Aufgabe, Flüchtlingen geeigneten Wohnraum zur Verfügung zu stellen, gestaltet sich immer schwieriger. Und in der jetzt kommenden kalten Jahreszeit wäre es für Flüchtlingsfamilien eine große Hilfe, wenn sie in beheizten Wohnungen leben und nicht mit ihren Kindern in Großzelten oder Hallen ausharren müssten. So bin ich Ihnen dankbar für jedes Angebot und jeden Hinweis auf Wohnraum. In diesen Tagen geht den Gemeinden eine Erhebung zu, die feststellen soll, was vor Ort an Hilfe und Unterstützung möglich ist. Ich bin mir sicher, dass Sie alle Anstrengungen unternehmen werden, Ihren Ideenreichtum auch weiterhin auszuschöpfen.

Nochmals danke ich Ihnen für Ihr großartiges Engagement im Geist unseres Diözesanpatrons, des Heiligen Martins!

Rottenburg, am Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus, 21. September 2015

Ihr Bischof
Dr. Gebhard Fürst

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