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Predigten

Dom St. Martin Rottenburg, 13. November 2016

Schrifttexte: L.: Jes 61,1-3; Ev.: Mt 25,31-40

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

sicherlich kennen Sie ihn: den heiligen Martin von Tours. Martin ist ein Heiliger, der Jung und Alt begeistert. Jedes Jahr um seinen Namenstag herum, dem 11. November, ziehen ihm zu Ehren bereits die Allerkleinsten mit ihren bunten Laternen fröhlich durch die dunklen Straßen.

Worin aber, liebe Schwestern und Brüder, liegt der Sinn seiner Botschaft, die uns heute noch so tief bewegt, dass wir dafür auf die Straße gehen? Martin von Tours trat ein für die Hilfsbedürftigen seiner Zeit. Er hatte ein offenes Herz für die Armen, die Bedrängten, die Ausgestoßenen und Verlorenen. Leidenschaftlich suchte er, Auseinandersetzungen friedlich, im Geist der Versöhnung zu schlichten.

Im Zentrum seines Lebens steht vor allem ein Ereignis, das bis heute als großes Bei-Spiel für barmherziges Handeln gilt: In einer kalten Winternacht teilt der römische Offizier Martinus vor den Toren der Garnisonsstadt Amiens seinen Soldatenmantel mit einem frierenden Armen. Er rettet ihm so das Leben. Kurz darauf erscheint Martin im Traum Jesus Christus mit dem halben Mantelstück bekleidet. Jesus Christus selbst war es, der ihm in der Gestalt des Bettlers begegnete. Sein barmherziges Handeln mündet in die Christuserfahrung. In der Liebe zum Notleidenden erfährt Martin selbst die Gegenwart Jesu Christi. So wird aus dem Schenkenden im Teilen selbst ein Beschenkter.

Die Erzählung des Martin von Tours ist deshalb heute noch so aktuell, weil sie uns daran erinnert, diejenigen wahrzunehmen, die in unseren Tagen selbst an Körper und Seele frieren. Martin fordert uns auf zu teilen: Kleidung, Nahrung und Arbeit, aber auch Aufmerksamkeit und Wertschätzung; ja - auch Wohn-Raum.

An Martin von Tours – liebe Schwestern, liebe Brüder – wird deutlich: Wer aus dem Geist der Botschaft des Evangeliums Jesu Christi lebt, hinterlässt heilsame Spuren an seinen Mitmenschen. Dies galt zu Lebzeiten des heiligen Martin ebenso, wie das heute gilt. Er ist uns Vor-Bild, weil in ihm die Botschaft Jesu lebendig und wirksam wurde: Hungrige speisen, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Obdachlose beherbergen … (Mt 25). Martin handelte im Geist des Evangeliums. Er wurde so schnell selbst zum Vor-Bild für die Christusnachfolge. Martin war der Erste, der wegen seines Lebenszeugnisses als Heiliger verehrt wurde: als Brückenbauer, als Heiland und Friedensstifter seiner Zeit.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, Martin von Tours ist eine der frühesten und prägendsten Gestalten unseres europäischen Kontinents. Mit dem gesamten Lauf seines Lebens, in allem, was er für die Menschen tat, steht Martin für ein Europa, dessen Herzstück und Pulsschlag das friedliche und solidarische Miteinander ist. Bereits 1992, vor 25 Jahren, wurde Jacques Delors, der damalige Präsident der Kommission der Europäischen Gemeinschaft, gefragt, was Europa am dringendsten benötige:: „Wir müssen Europa eine Seele geben“, lautete seine Antwort.

Der heilige Martin wirkt auf uns wie eine inspirierende Erzählung in einer Zeit, in der wir uns in Europa neu vergewissern müssen, wohin es mit uns gehen soll. Gehen wir die Einbahnstraße von Geld und Leistung über alles? Gehen wir weiter den Weg sozialer Ungerechtigkeiten? Kommen wir in die Sackgassen des Fanatismus, gar des Nationalismus? Bleiben wir bei Gewalt gegen Flüchtlinge: sind stumm und sehen weg? Oder gehen wir auf Wegen des Miteinanders, der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe – ganz im Geist des Martin von Tours?

Liebe Schwestern und Brüder, in unserer globalisierten Welt brauchen wir ein weltoffenes, friedliches, solidarisches und einiges Europa – um der Menschen willen. Wenn wir aus christlichem Geist leben und handeln, wird es uns gelingen, den Menschen hier in Europa und in vielen Teilen der Welt ein menschenwürdigeres und lebenswerteres Leben in Freiheit und Geschwisterlichkeit zu ermöglichen. Der Heilige Martin von Tours als Ikone der Nächstenliebe für ein vereintes Europa, als leuchtendes Vorbild gegen Hass und Gewalt, für Friede und Menschenwürde, möge uns dabei leiten.

Amen.

Der Pontifikalgottesdienst anlässlich St. Martinus wurde live im ZDF gesendet.

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