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Predigten

Bibel, Kirchenjahr, Liturgie, Kirche, Ökumene, Weltreligionen

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Jes 52,7-10; Hebr 1,1-6; Joh 1,1-18

‚Willkommen sind die Schritte des Freudenboten!’, so ruft uns der Prophet Jesaja zu.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, so ist es!

Nachrichten, die uns Freude machen, hören wir gerne. Botschaften, die Freude stiften, sind uns willkommen. Denn durch Freude wird unser oft so mattes und zerrissenes Leben wieder frisch und heil.

Die heutige Nachricht, die Freude auslöst, uns erfrischt und wieder heiler macht, ist die Botschaft des Weihnachtsfestes! - Gott, der ferne, der unberührbar Heilige - von dem wir doch oft wünschen, dass er eingreifen möge in unsere armselige, unheile Welt voller Hass und Neid und Feindschaft - eingreifen, um zu heilen, was verletzt und verwundet ist, - Gott, der ferne Heilige, kommt zu uns. „Heute ist uns der Heiland geboren. Christus, der Herr!“ (Lk 2,11)

In der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zeigt sich, was wir Menschen Gott bedeuten: Er besucht uns! Und in Jesus Christus erfahren wir, was Gott für uns bedeutet: Er rettet und heilt uns!

Wir, liebe Schwestern und Brüder, sehen mit den Augen unseres Glaubens das Heil Gottes mitten in der Welt als Kind in der Krippe. Mitten in der unheilen und zerrissenen Welt, hierher, vor unsere Augen ist es gestellt, zu unserem Heil: Gott - Mensch geworden. Oder, wie Johannes sagt: ‚Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt’ (Joh 1,14).

Die vielen Wörter, die wir von Gott und über Gott wissen, die vielen Worte, die Gott Menschen in den biblischen Schriften immer und immer wieder mitgeteilt hat, diese vielen Worte sind jetzt in einem Wort zusammen gefasst. Und dieses Wort können wir nicht nur hören, wir können es schauen. Es ist leibhaftig zu uns Menschen gekommen, hat unter uns als Jesus der Mensch gewohnt. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Menschen gesprochen durch die Propheten. In dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch seinen Sohn“ (Hebr. 1,1) So spricht ganz am Anfang des Christentums der Anfang eines Gemeindebriefs von Jesus Christus.

Es ist, wie wenn wir viele liebe Worte eines lieben Menschen, der weit weg ist, in seinen Briefen an uns lesen und wir uns nach ihm sehnen – und dann ist er plötzlich da: keine vielen Worte mehr von ihm: nein er selbst steht vor uns; leibhaftig ist er da und zeigt in seinem Da-Sein wie er mich liebt.

Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden, nicht um nochmals viele Worte zu machen, sondern, um uns Menschen nahe zu sein und durch ihn heilsam an uns zu wirken: gutes uns zu tun. Er lässt uns nicht allein. In seinem Dasein erleben wir seine Liebe.

Die Freude des Weihnachtsfestes - hier hat sie ihren Ursprung.

Liebe Schwestern und Brüder,

nur schöne, erhebende Worte? Zu schön um wahr zu sein?

Wenn wir einen Moment den Film vor unserem inneren Auge zurückspulen auf die hinter uns liegenden Tage, dann kommt uns ja anderes in den Sinn. Dinge, die eigentlich nicht wirklich Freude machen.

Konnten wir denn die Adventszeit als Vorbereitungszeit auf dieses Fest der Freude verbringen? Konnten wir warten und erwarten? Konnten wir ein Licht nach dem anderen anzünden? Bis zur Ankunft?

Hatten wir Ruhe, um den Weg nach innen zu gehen, bei all diesen Äußerlichkeiten? Konnten wir eine Vor-Ahnung bekommen von dem, was die wirkliche, die wahre Weihnacht uns bringen will? Weihnachten, liebe Schwestern und Brüder, ist uns zum Design verkommen, zum schönen Schein, zur Dekoration verkommen: da und dort ein Engelchen, da und dort ein Sternchen. Ein bisschen Rosa in all dem Grau. Die echte, wahre Weihnacht ist uns zur Ware Weihnacht geworden, zum Ding, das wir kaufen sollen. Aber wir täuschen uns, wenn wir meinten, Freude sei käuflich! - Wo ist der stille Advent geblieben? Das Geklingel und Geklitzer raubt uns unser innerstes, unser Heiligstes: dass Gott unter uns Wohnung nehmen will. Dir und mir nahe sein will.

Können wir heute noch hören – die Schritte der Freudenboten? Noch Sehen? Noch Empfinden? Noch Weihnachten besingen und feiern?

Dabei gibt es wahrhaftig viel zu besingen, viel zu feiern, viel zu hören, zu sehen, zu empfinden. Und die, die gekommen sind zur Christmette in der heiligen Nacht und Sie heute zur Feier des Hochfestes, Sie wollen hören und sehen, singen und feiern und Weihnachten empfinden, spüren mit allen Sinnen, die uns Gott gegeben hat. Hören und sehen wir, dass wir feiern können.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, malen wir uns die Geburt Jesu nicht zu romantisch aus: Jesus ist in bitterer Armut geboren. Maria und Josef mit dem Kind fern der Heimat, untergekommen gerade noch in einem Stall.

Und doch spüren wir alle das Wunderbare, das von jener Heiligen Nacht ausgeht. Woher kommt dieses Wunderbare der Weihnacht?

„Alles dies – schreibt ein Dichter in seinem Gedicht über Maria -

Alles dies / Kam vom Gesicht ihres Sohnes,

der leicht war / Gesang liebte / Arme zu sich lud

Und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben

Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

Der Glanz von Weihnachten, der in den armseligen Stall von Bethlehem hineinleuchtet, rührt vom späteren Leben und Handeln des Menschen Jesu her. Obwohl Jesus arm geboren ist, hat er Reichtum nicht angestrebt. Er brauchte ihn weder zum Glücklichsein, noch um bei anderen etwas zu gelten. - Wir erleben es leider oft nicht so.

Bei Jesus ist es anders, ganz neu: Obwohl er zur niederen Schicht gehörte, hat er nicht auf die herabgeschaut, die nach menschlichen Maßen noch unter ihm waren. 

Bei Jesus ist es anders, ganz neu: Er glaubte an Gott, der Niedrige erhöht. Er wußte sich in Gottes Augen ganz wertvoll. Auch bei anderen Armen wusste er um die Königliche Würde jedes Menschen. Und weil er die Geringsten wie Könige behandelt hat, änderten sie sich und wurden selbst königliche Menschen.

Jesus hat – auch das ganz anders, ganz neu - auf Versöhnung gesetzt und die Liebe zu den Feinden vorgelebt. Obwohl er viele Enttäuschungen erlebte, blieb er seinem Glauben und seiner Hoffnung treu. Sie trugen ihn durch den Tod zum neuen Leben.

Bei Jesus also geht es um den Menschen, dass er Heil erfahre mitten im Leben.

Weil der erwachsene Jesus so war - deshalb fällt auch auf seine armselige Geburt im Stall schon dieser wunderbare Glanz. Es ist der Glanz, das Licht von Ostern. Indem wir endgültig erkennen, wer Jesus war: der lang ersehnte und immer wieder neue erflehte Gesandte Gottes: Ja, sein eigener Sohn für uns zum Heil.

Gerade weil das Weihnachtsfest so schnell niedlich und kitschig wird, gilt es für uns Christen, dem Weihnachtsgeheimnis, so unfassbar es ist, glaubend auf die Spur zu kommen. Mit der Geburt Jesu ist Neues, ganz Anderes in die Welt gekommen, wirklich eine Zeitenwende eingetreten: Gott ist Mensch geworden, leibhaftig. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt Jesus später denen, die ihm folgen. Wer Jesus Christus sieht, schaut Gott. So wie er kann nämlich nur Gott lieben. Glauben wir ihm seine Liebe. Lassen wir uns von ihm lieben. Das Christkind in der Krippe und erst recht der Mann aus Nazareth will uns im Innersten berühren. In ihm erfahren wir heilsame Berührung des Menschen, Freude durch Gottes Liebe.

Schenken wir diese Liebe weiter an unsere Mitmenschen. Seine Liebe weiterzuschenken, ist das schönste Weihnachtsgeschenk – für andere und für jeden selbst.

Besseres kann ich Ihnen und mir nicht wünschen am Fest der Menschwerdung Gottes. Deshalb tue ich es: Gesegnete Weihnachten!

Amen.

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