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Predigten

Bibel, Kirchenjahr, Liturgie, Kirche, Ökumene, Weltreligionen

Stuttgart, St. Eberhard

Schrifttexte: Apg 10,34-43; Joh 20,1-9

 „Tod und Leben da kämpften seltsamen Zweikampf“ (Wipo von Burgund, vor 1050, vgl. GL 215,2)

Liebe Schwestern und Brüder!

Alles drängt nach Leben. Leben gilt es zu gewinnen und Leben heißt Siegen. Regiert diese Maxime nicht überall? Der Wettlauf ums Leben mit dem Ziel zu gewinnen ist fester Bestandteil unserer gesamten Kultur geworden.

Aber der Wettlauf ums Gewinnen ist oft wie ein Wettlauf mit dem Tod. Jeder läuft für sich allein. Wer zu spät kommt, wird bestraft. Wer verliert, ist out und wird vergessen. Selbst der Gewinner zahlt meist einen allzu hohen Preis. Was alles opfern Menschen, um als Gewinner dazustehen!

Auf Biegen und Brechen muss das eigene Leben zum Erfolg werden, weil danach ja nichts mehr kommt. Dieses Danach ist in unserer Kultur abhanden gekommen. Menschen sehen ihr Leben nur noch in den engen Grenzen ihrer irdischen Lebenszeit. Wen wundert es, dass Leistung und Erfolg, Geld und Spaß, Macht und Prestige zu den allein regierenden Werten werden. Der unendliche Durst nach Leben und die Angst, etwas zu versäumen stürzen aber viele Menschen leicht und schnell in Panik. Die unendliche Sehnsucht nach Leben im endlichen Leben sich erfüllen wollen. Solche Wettläufe ums Leben scheitern immer.

Wo wir das Danach vergessen, misslingt uns das Heute und verspielen wir auch das Morgen. Der Verlust des Glaubens an ewiges Leben verdirbt die Gnade der Gegenwart, raubt die uns beflügelnde Lebensfreude und zerstört die Begabung zur Gestaltung der Zukunft. Ohne Danach rennen wir in den Tod. Wir werden zu Menschen und zu einer Gesellschaft, die nur noch mit sich selbst beschäftigt ist. Die zukünftigen Menschen, Kinder und Kindeskinder geraten aus dem Blick.

Ostern ist der Ausweg. Der Stein von der Todesgruft ist weggenommen. Heute erzählt uns die Geschichte des Ostermorgens von einem anderen Wettlauf. Von dem heilsamen Wettlauf zum wahren Leben. Maria von Magdala findet in der Morgenfrühe das Grab Jesu offen und leer. Sie läuft, um diese Lebenskunde den Jüngern mitzuteilen. Die beiden Jünger vergessen ihre Angst und laufen, um sich selbst ein Bild zu machen. Sie laufen zu ihrem Leben, ohne es zu wissen. Petrus und Johannes werden so selbst zu Zeugen des leeren Grabes: Und zu Zeugen des neuen, anderen Lebens.

Der Glaube an die Auferstehung, an ein Leben in Fülle, wie es Jesus vorgelebt und verheißen hat, wurzelt woanders als im Wettlauf ums Leben. Der Glaube an das neue, ewige Leben entspringt der persönlichen Begegnung mit Jesus. Johannes, von dem erzählt wird, dass er Jesus sehr nahe stand, "sah und glaubte". Maria erkennt den Auferstandenen, als dieser sie mit ihrem Namen anredet und sie auf ganz persönliche Weise berührt. Die Frauen und Männer am Grab konnten zunächst nicht glauben, was sie mit eigenen Augen zu sehen bekamen, sie konnten nicht verstehen, was sie zu hören bekamen, sie konnten zunächst die Erfahrung nicht deuten, die so entscheidend für ihr Leben jetzt und danach war: Gott lässt Jesus nicht im Tod. Er schafft neues und unvergängliches Leben. Die Grenze Tod - für uns endgültig - wird für Gott zum Neu-Beginn. Ostern ist ganz Neues geschehen. Die Grenze des Todes ist nicht mehr endgültig. Das öffnet und weitet zum neuen, zum anderen Leben.

Maria begegnet Jesus wieder, durch den sie neues Leben gefunden hat. In der Begegnung mit ihm hatte sie zum Leben zurückgefunden und aus der Beziehung zu ihm ihr Leben ganz verändert. Die Auferstehungserzählungen des Johannesevangeliums legen überall davon Zeugnis ab, dass sich unsere Hoffnung auf Lebensfülle und Lebensintensität in der Begegnung mit Jesus Christus erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder, es ist eine erstaunliche, aber höchst wunderbare Sache: Die Auferstehungserfahrung und der Glaube an ein Leben Danach, das den Tod aufbricht, macht uns Christen gerade nicht zu weltvergessenen Träumern und verantwortungslosen Schwärmern. Im Gegenteil, die Hoffnungsbotschaft des Ostermorgens verändert. Sie verändert uns, verändert die Art, wie wir mit unserem Leben umgehen und wie wir unsere Welt gestalten.

In vielen Erfahrungen unseres Alltags, in unseren Wettläufen ums Leben und ihrem Scheitern, haben sich Todesmächte breit gemacht. In unserer Verzweiflung, in unserer Traurigkeit, in unserer Mutlosigkeit, in unserer Resignation und unserem Kleinglauben. Aber seit dem Ostermorgen wissen wir: Wir brauchen diese Erfahrung nicht für das letzte Wort und für das Bestimmendste in unserem Leben zu halten. Denn Gott hat in Jesus den Kampf gegen diese bedrohlichen Mächte aufgenommen und in Jesu Auferweckung bestätigt, wofür er eingetreten ist.

Für seine Hinwendung zu den Armen und Verlassenen, für seine verzeihende Güte den Sündern gegenüber, für sein Aufstehen gegen begrabenes Leben, für seine Art den Menschen zu begegnen, für seinen Weg Frieden zu schaffen ist: Dafür ist Ostern das Gütesiegel. Jesus lebt aus Gottes Kraft vorher und danach. Das Motto des Ulmer Katholikentages ‚Leben aus Gottes Kraft’ ist ein österliches Wort. Denn wer erkannt hat, dass die erlösende Botschaft vom neuen Leben aus Gott ungeahnte Kräfte freisetzt, der kann auch sein eigenes Leben einsetzen für die Menschen und ihnen zum Heil. Hier ist jeder eingeladen, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen und aus dieser Botschaft zu leben und Hoffnung zu schöpfen. Gott lässt uns ja nicht im Stich wie er ja auch Jesus nicht im Grab gelassen hat. Mit dieser guten Botschaft können wir unser eigenes Leben und unsere Welt gestalten; können wir für mehr Gerechtigkeit und Frieden eintreten: die Mächte des Todes werden nicht die Oberhand behalten, sondern die Kräfte des Lebens. Glaube gibt uns die Kraft zur Zukunftsgestaltung. Die christliche Religion macht uns zukunftsfähig im Leben und Zusammenleben. Der Glaube an die Auferstehung schenkt und ermöglicht uns Menschen wirkliche Zukunft: morgen und über alles hinaus.

Wir alle kennen die wechselhaften Erfahrungen unseres Lebens. Unser österlicher Glaube entfaltet sich, wo wir Gott mehr zutrauen als den zerstörerischen Mächten unseres Lebens. Denn Er, Christus, unser Weg, unsere Wahrheit und unser Leben, hat den Tod überwunden: Ihm lasst uns folgen!

Amen.

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