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Predigten

Bioethik und Lebensschutz, Ehe, Familie und Kinder, Caritas, Soziales

Ich selbst bin erschüttert über das Ausmaß der äußerst schrecklichen Verbrechen, die Priester und Ordensleute an Kindern und Jugendlichen, begangen haben. […] Ich habe befürchtet, dass die Studie, die von der Deutschen Bischofskonferenz vor einigen Jahren in Auftrag gegeben wurde, Schlimmes zutage bringen würde. Aber die Zahlen haben mich erschreckt, ja sprachlos gemacht.

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Schrifttexte: L: Jes 50,5-9a; Jak 2,14-18; Ev: Mk 8,27-35

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie wirkt Gott in unserer Welt? Nehmen wir sein Wirken wahr? Oder lastet so viel Dunkel darüber, dass es uns nicht mehr gelingt, seinen Geist, sein Wirken wahrzunehmen? Auch die komplexen und vielfältigen Informationen, die wir über die Nachrichten erhalten, verstellen manchmal den Blick auf die oftmals kleinen und unscheinbaren Spuren Gottes.

Denken wir einfach an die die Schlagzeilen der letzten Wochen: Ausschreitungen und ausländerfeindliche Hetze in Chemnitz, der immer noch andauernde Krieg in Syrien, Terroranschläge in Afghanistan, aber auch die großen Probleme unserer Kirche:
In den vergangenen Tagen stand die katholische Kirche erneut in den Schlagzeilen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich selbst bin erschüttert über das Ausmaß der äußerst schrecklichen Verbrechen, die Priester und Ordensleute an Kindern und Jugendlichen, begangen haben. An jungen Menschen, die ihnen anvertraut waren, an Schutzbefohlenen. Ich habe befürchtet, dass die Studie, die von der Deutschen Bischofskonferenz vor einigen Jahren in Auftrag gegeben wurde, Schlimmes zutage bringen würde. Aber die Zahlen haben mich erschreckt, ja sprachlos gemacht.

Das vielfache Leid der Opfer macht fassungslos. Ich kann die Enttäuschung, ja die Wut und den Zorn verstehen, mit der die Öffentlichkeit auf diese Ergebnisse reagiert.

Glauben Sie mir, ich habe alles mir Mögliche getan und ich werde alles tun, dass solche Taten nicht vorkommen. Seit Beginn meiner Amtszeit setze ich mich mit dem Thema „Missbrauch“ auseinander. Und glauben Sie mir, es gibt keinen Fall von Missbrauch, der mir bekannt wurde, der mich nicht zutieftst getroffen hat. Um alle Fälle aufzuarbeiten habe ich bereits im Jahr 2002 eine unabhängige Kommission sexueller Missbrauch eingerichtet, die jedem gemeldeten Fall nachgeht, untersucht und archiviert. Kein begründeter Verdacht wird vertuscht und jeder Täter wurde und wird zur Rechenschaft gezogen, bestraft, aus der Pastoral herausgenommen und vom Dienst suspendiert.

Derzeit sind uns bezogen auf den Untersuchungszeitraum seit 1949 bis 1917 insgesamt 72 in der Diözese inkardinierte Kleriker bekannt, die des Missbrauchs an Minderjährigen beschuldigt werden; 45 davon sind bereits verstorben. Eine tatsächliche Täterschaft konnte nicht in allen Fällen nachgewiesen werden. Die noch Lebenden sind zur Rechenschaft gezogen worden.

Schon früh haben wir in unserer Diözese vorbeugende Maßnahmen ergriffen. Seit dem Jahr 2012 haben wir unsere Präventionsmaßnahmen verstärkt. Im Generalvikariat haben wir eine mit einer ganzen Personalstelle besetzte Stabstelle Prävention, Kinder- und Jugendschutz eingerichtet. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin ist verpflichtet ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen, ganz gleich in welcher Einrichtung oder in welchem Gebiet der Diözese er oder sie tätig ist. Auch in der Priesterausbildung ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Missbrauch verankert. Und auch künftig muss Transparenz in der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen unsere Leitlinie sein.

All diese schrecklichen Taten, die Menschen einander antun, die an denen, die am meisten des Schutzes bedurften, den Kindern und Jugendlichen, werfen einen düsteren, unübersehbaren Schatten über die Spuren, die Gott in unserer Welt gelegt hat.

Vor ihm, vor Gott müssen wir uns rechtfertigen für die gottlosen Taten derer, die im Dienst der Kirche standen und sich auf so schlimme Weise an Menschen, die ihnen anvertraut waren, vergangen haben.

Im heutigen Evangelium spricht Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, die vom Weg Jesu abweichen. Die drastische Formulierung haben wir soeben gehört: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Jesus rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,33-34).

Die Jesusworte geben uns eine klare Linie vor. Wer richtig lebt, wer im Sinn Jesu lebt, der kann andere nicht so erniedrigen, wie es durch einige in den letzten Jahren geschehen ist. „Er nehme sein Kreuz und folge mir nach“, hinter diesem Wort steht das persönliche tiefe Leiden und die Erinnerung an den Kreuzweg Jesu. Durch sein eigenes Leiden ist Jesus tief solidarisch mit den Opfern – mit all jenen, die selbst ein schweres Kreuz tragen. Und gleichzeitig hält er den Tätern den Spiegel vor. Er will ihnen sagen: „Seht mich an. Meine Wunden sind die Wunden der Opfer. Ich trage sie sichtbar an meinem Leib. Ich leide mit ihnen. Ich trage ihren Schmerz und ihr Leid und mache dies mir zu eigen.“ Wer zum Täter wird und sich zum Täter macht, der hat sein Leben verfehlt. Wer nur um seine eigene Existenz kreist, lebt nicht im Sinne Jesu. Wer sein Leben nicht auf Jesus und sein Evangelium ausrichtet, wird keine Lebensqualität haben.

Das heutige Evangelium sagt eindeutig: Christliches Leben steht immer im Zeichen des Kreuzes. Für die Schwachen, die Opfer ist es die unverbrüchliche Zusage, dass Gott in Jesus Christus ihren Schmerz selbst mit ihnen durchlebt. Den Tätern sagt er: „Seht welch ein Mensch vor Euch steht. Seht an mir, welche Wunden ihr euren Opfern zugefügt habt.“

Der Glaube an das Kreuz Jesu, der zum Bruder aller Menschen wird, die gelitten haben und heute noch leiden, die um ihr Leben betrogen werden, das ist der Glaube, den die Kirche verkünden soll und muss.

Jesus spricht vom Retten und verlieren des Lebens. Er will uns nicht dazu aufrufen, das Leben wegzuwerfen. Er ruft dazu auf, das eigene Leben in die Waagschale zu werfen, das Äußerste zu wagen, sein Leben einzusetzen für andere, sein Leben zu verschenken, an die Schwachen, die Hilfsbedürftigen, die Opfer.

Gerade angesichts des untragbaren und unaussprechlichen Leids der Opfer und vor allem – um ihretwillen und in ihrem Namen, ist es geradezu (über-)lebenswichtig, dass wir für die Spuren Gottes aufmerksam bleiben. Dass wir empfangsbereit bleiben für die Richtung Gottes. – Damit wir Gott nicht verwechseln mit einem unbeteiligt-fremd-distanzierten Wesen in einem diffusen Jenseits. Wie können wir auf seine wirkungsvolle Nähe vertrauen.

Gleich nachdem die Ergebnisse der Missbrauchsstudie bekannt wurden habe ich einem Schreiben an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfasst, die im Dienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart stehen. Es war mir ein großes Anliegen, auch ihnen meine Solidarität auszudrücken, weil ich weiß, dass auch sie heftig angefragt, ja angefeindet werden. Anschuldigungen konfrontiert werden. Und so möchte ich auch Ihnen, liebe Schwestern und Brüder sagen: Ich bin ihnen dankbar, für jedes Zeichen der Solidarität und für jedes Gebet für die Opfer! Gerne möchte ich Sie auch ermuntern, tragen Sie dazu bei, dass Gottes Spuren in der Welt nicht durch das Böse, das in ihr geschieht verwischt werden. Tragen Sie dazu bei Gottes Heil und das Evangelium in die Welt zu bringen. Ich stehe dabei fest an Ihrer Seite.

Amen!

 

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