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Predigten

Bioethik und Lebensschutz, Ehe, Familie und Kinder, Caritas, Soziales

Friedrichshafen, Evangelische Schlosskirche

Lesung: Ps 23,1-4

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Ein eindrucksvolles Bronzerelief ziert das Grab von Käthe Kollwitz. Für ihr eigenes Grabmal hat die große Künstlerin, die in Berlin begraben ist, ein besonderes Motiv gewählt. Sie beschrieb es in einem Brief selbst so: Das Relief zeigt „zwei große mütterliche Hände, die einen Hinübergehenden in ihren Mantel hüllen“ Die Gesichtszüge des Sterbenden wirken ruhig und entspannt. „Ruht im Frieden seiner Hände“ (zit. nach Goethe), so hat Käthe Kollwitz die Darstellung genannt.

Hoffnungsvoller, so meine ich, kann man das Abschied nehmen vom irdischen Dasein kaum darstellen. Viele Jahre ihres Lebens war Käthe Kollwitz von der Unsicherheit über ihr eigenes Ende wie gelähmt. „Werde ich wirklich alt?“ sorgt sie sich als junge Frau. Ein anderes Mal schreibt sie: „Schlimm ist es, dass ich manchmal an meine Arbeiten nicht mehr glaube. Früher sah ich nicht zur Seite, jetzt fühle ich mich angreifbar, bin manchmal verzagt.“

Was hat im Leben von Käthe Kollwitz diese Wendung bewirkt, dass sie die Hände Gottes, als Begleiter für Ihren letzten Weg geschaffen hat?

Hände sind ein wunderbares Symbol für Eingreifen Gottes in das Leben: Wenn ein Mensch geboren wird, sind die Hände der Eltern die ersten, die das Neugeborene umschließen. Bei der Geburt übergibt Gott den Menschen in die Hand derer, die ihn künftig beschützen, ihn begleiten und lieben werden.

Wenn wir unsere Hände gebrauchen, drücken wir Beziehungen aus. Es gibt liebende und umsorgende Hände. Es gibt haltende und auch zupackende Hände… Von Gottes Händen dürfen wir uns getragen fühlen. „Herr, Dir in die Hände“, so lautet deshalb auch das Leitwort der „Woche für das Leben“.

In der kommenden Woche werden wir besonders das Ende des Lebens in den Blick nehmen: Vor allem Alte, Schwache, Schwerstkranke und Sterbende sind auf die Hände anderer angewiesen. Menschen, die andere beim Abschied nehmen begleiten, erzählen immer wieder davon, wie wichtig es für Sterbende ist, eine Hand halten zu können, spüren zu können, da ist jemand, der mich führt und mich hält, auch wenn für mich die Zeit gekommen ist, loszulassen. Im Sterben steht die Beziehung Gott-Mensch auf einem besonderen Prüfstand. „Was bist Du mir, Gott, was bin ich Dir?“ – Das ist in dieser Lebensphase die entscheidende Frage für viele. „Ich bin da!“ So offenbart sich Gott im Dornbusch.

„Der Herr ist mein Hirte“, so beschreibt der Psalmist sein Vertrauen zu Gott (Ps 23,1). Führen, behüten, halten, all das sind auch Aufgaben eines Hirten. Ein Hirte kennt seine Schafe sehr genau, er legt Hand an, leitet und begleitet sie bei Tag und bei Nacht. Seine besondere Sorge gilt den Kranken und Verletzten. Ein guter Hirte würde ein krankes Schaf niemals zurücklassen oder es seinem Schicksal überlassen, um mit den Gesunden weiterzuziehen.

Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Geführt-Sein und Geleitet-Sein, das ist die Erfahrung des Psalmisten. Psalm 23 ist ein poetischer und in seinen Bildern sehr dichter Text. Sein Beter vertraut. Auch wenn sein Leben ihn in große Tiefen führt, muss er sich nicht alleine den Weg durch die Finsternis bahnen. Gott führt ihn mit seinem Stab, sein Arm reicht weit. „Du bist mein Hirte, muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn Du bist bei mir!“ (Ps 23,4)

Liebe Schwestern und Brüder,

In Würde sterben, diesen Wunsch hat sicherlich jede zu jeder von uns. Wenn wir vom Sterben in Würde sprechen geht es dabei auch um die Frage, ob Ärzte Schwerstkranken dabei helfen dürfen, dem Leben kontrolliert und selbstbestimmt ein Ende zu setzen – z.B. bei unheilbarer Krankheit und deutlich begrenzter Lebenserwartung. Die Angst vor dem Sterben, vor unerträglichen Schmerzen, Atemnot, Kontrollverlust und hilflosem Ausgeliefertsein, hat viele dabei fest im Griff. All das ist verständlich und all das sind Gründe für den Ruf nach Hilfe zum Sterben. Die Erfahrung zeigt, dass der Wunsch nach einem kontrollierten und schnellen Tod meist von Menschen geäußert wird, die sich noch nicht in der letzten Sterbephase befinden. Meist wachsen gerade denen, die krank sind, ungeahnte Kräfte zu, vor allem dann, wenn sie spüren, da ist jemand, der hilft mir mit dem Sterben umzugehen. Palliative Maßnahmen und die vielen Begleiterinnen und Begleiter in den stationären Hospizen und in ambulanten Hospizgruppen können diese letzte Wegstrecke erleichtern und Angst und Panik lindern. Dies ist Hilfe im Sterben.

Als Christen trägt und hält uns ein großes Vertrauen. Das Vertrauen erwächst aus dem Zuspruch den wir erfahren, weil wir uns in Gottes Hand geborgen wissen. Gott selbst ist in Jesus Christus Mensch geworden. Er hat hier in dieser Welt gelebt wie wir, er hat gelitten und ist gestorben. Am Kreuz hat Jesus sein Leben in die Hände Gottes gelegt: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Die Botschaft Jesu von seinem Tod und seiner Auferstehung lassen uns Gottes Hand genau dann spüren, wenn wir beginnen loszulassen – wenn wir uns von Gott führen lassen und IHM die Freiheit lassen, die Wendung des Lebens zu bestimmen.

Sterben in Würde besteht vor allem darin, auch in der letzten und vielleicht schwierigsten Lebensphase das eigene Geschick in Gottes Hände zu legen. Er wird uns führen und Ruhe bringen. Dass seine Zeit in Gottes Händen liegt, spürte der Kirchenvater Augustinus ganz tief. Immer wieder sprach und schrieb er davon So konnte Augustinus in tiefer Gewissheit beten:

„Aus Gottes Hand empfing ich mein Leben, unter Gottes Hand gestalte ich mein Leben, in Gottes Hand gebe ich mein Leben zurück.“ Und so dürfen auch wir vertrauen und beten: „In deine Hände leg ich voll Vertrauen meinen Geist“.

Amen!

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