header_bischof.jpg

Predigten

Medien, Kunst, Kultur

Stuttgart, St. Maria

Schrifttexte: Phil 2,6-11; Joh 3,13-17

Liebe Schwestern und Brüder hier in St. Maria, liebe Gäste des Begegnungstages in Stuttgart!

Unser Begegnungstag beginnt mit dieser Eucharistiefeier, und das ist gut so, denn hier ist der Ursprung und das Ziel allen kirchlichen Lebens.

Und so möchte ich die Stunde nutzen, um uns den Grund bewußt zu machen, der uns weit über diesen Tag hinausträgt und leben läßt. Der Tag steht ja ein wenig unter dem Thema, was eine christlich-kirchliche Kultur ausmacht. Ich werde hierzu heute Nachmittag noch einige programmatische Perspektiven vorstellen.

Fast aber scheint es so, als würde uns das heutige kirchliche Fest der Kreuzerhöhung mit seinen Schrifttexten nochmals ins Stammbuch schreiben, was denn zuerst und zuletzt jede kirchliche Kultur bestimmen, leiten und prägen muss. Es ist die Heilszusage Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet ist; es ist der Blick auf Kreuz und Auferstehung, der unseren Glauben an Erlösung begründet; es sind die Frohbotschaft, die uns verkündet ist, und das Zeugnis von der Hoffnung, zu dem wir berufen sind. Schauen wir daher am Fest der Kreuzerhöhung nochmals intensiver auf die Schrifttexte, die unseren Blick auf das Kreuz Jesu Christi lenken. Im Textabschnitt der Lesung sitzt der Apostel Paulus im Gefängnis und schreibt an die Gemeinde, der er sich am stärksten von allen verbunden fühlt.

Er sorgt sich, dass sich die alten Gesetze von oben und unten wieder durchsetzen, dass der Egoismus sich breit macht. Er fordert sie daher auf: "Seid unter euch so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus entspricht!" Paulus schließt  dann ein der Gemeinde damals bekanntes Lied an, das in wenigen Zeilen das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu zusammenfasst: "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich selbst und wurde wie ein Sklave. Sein Leben war das eines Menschen, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Kreuz, ja zum Tode am Kreuz.‘

Ein dichter Text, in dem das ganze Leben, Anliegen und Wesen Jesu verborgen ist: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein. Er gibt seine Vorrechte auf. Sich und sein Leben gibt er hin. Hingabe ist immer ungeteilt und ganz. Darum gipfelt seine Hingabe an jenem letzten Abend in dem Brot, das er teilt, wenn er sagt: "Das ist mein Leib." Das bin ich ganz. Da, nehmt es hin.

Wer hingibt, kommt von sich selber los, aber er gibt sich dabei nicht auf. Mancher und manche von uns weiß von dem Schmerz zu erzählen, der ihr oder ihm dabei zugefügt wurde. Aber Hingabe und Liebe halten aus. Hingabe berechnet nicht. Liebe berechnet nicht, sie verhält sich nicht buchhalterisch. Denn diese Wahrheit hat sie verstanden: Der Mensch ist nicht bei sich zu Hause, sondern bei dem, der ihn liebt. So verwandelt er dann alle Begriffe und Verhältnisse: Der Knecht wird zum Dienenden, Erniedrigung wird zur Erhöhung. Denn diese Hingabe belohnt Gott. Darum hat Gott ihn auch erhöht, ihm einen großen Namen gegeben, dem, der sich erniedrigt hatte. Gott wird aktiv. So kann der Evangelist Johannes zurecht schreiben: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,17)

Verstehen wir aber, wie der christliche Weg der Erlösung und Rettung verläuft, begreifen wir, was die Botschaft gerade auch für uns heute bedeutet? Alles geht darum, im Vertrauen auf Christus gegen das egoistische Haben-wollen das Hergeben-Können und gegen das angstbesetzte Behalten-Müssen das Schenken-Wollen zu stellen. Hier geht es um Gottes Tun und Verhalten, und es geht um seinen Christus, den Gottes- und Menschensohn.

Gott in Jesus Christus handelt in unserer Welt anders als wir es für natürlich, üblich und verständlich halten. Jesu Tun und Handeln führt in eine Richtung, die uns eigentlich gegen den Strich geht. Gerade die Begegnung mit dem Christus Gottes befreit uns zu einem Denken, zu einem Glauben und Handeln, das dem Handeln Gottes entspricht. Es ist dies die christliche Bestimmung, von der Jesus von Nazareth erzählte, die er beispielhaft vorlebte, die Paulus und auch der Evangelist Johannes zu verkündigen versuchten und die Menschen wie der Heilige Franziskus, Elisabeth von Thüringen oder unser Diözesanpatron, der Heilige Martin, konkret gelebt, für uns vorgelebt haben.

Liebe Schwestern und Brüder, wir können so „gesonnen“ sein wie Gott selbst, wir können als Menschen so miteinander leben, wie Jesus selbst gelebt hat. Wir können trotz unserer engen Gedanken in unserem engen Herzen groß sein im Geben und Vergeben. Dafür ist der Blick auf Jesus Chris-tus, die Geschichte seines Leidens und Sterbens, aber eben auch die Geschichte seiner Auferstehung das wichtigste Zeugnis und zugleich die wichtigste Hilfe. Dieser Weg, den Christus mit uns auch durch die Tiefen unseres Lebens geht, führt uns auch zu uns selbst und läßt uns doch nicht bei uns selbst bleiben. Der Weg Christi führt nicht von unten nach oben, nicht von den kleinen Anfängen zu den großen Erfolgen, nicht durch die Mühen zu den großen Siegen, bei denen doch viele auf der Strecke bleiben und nur wenige auf die höchsten Stufen gelangen. Der Weg Jesu Christi führt von den Reichen zu den Armen, aus dem Licht durch das Dunkel, vom hohen Roß auf den Rücken des Esels.

Dieser Weg führt von den jubelnden Massen in die Einsamkeit der Folter und in die schreckliche Verlassenheit am Kreuz. So wird das Schwache nicht vom Harten überwunden, sondern das Harte und Böse unterliegt den Sanftmütigen. Auf dem Wege Jesu Christi heißt es nicht: Immer schneller, immer höher, immer perfekter, immer lauter, immer besser als die anderen, sondern auf dem Wege Jesu werden Menschen leiser und einfacher, geduldiger, hingebender und so stärker, nicht ohne die anderen, sondern mit den Mitmenschen und Nächsten. Kann dies unser Weg werden oder führt er uns dorthin, wohin wir nicht wollen und nicht passen?

Jesus geht den Weg zum Kreuz. Und er geht diesen Weg, um uns Menschen nahe zu sein und nahe zu bleiben. Er geht diesen Weg, damit wir Gott nahe kommen und Gott nahe bleiben. So besteht für jeden von uns noch Hoffnung, das neue, das bleibende Leben zu finden. So ist uns eine unverlierbare und unverletzliche Würde gegeben, die niemand beugen und brechen kann.

Es ist gut und notwendig, dass wir alle uns konsequent daran erinnern, was Jesus Christus verkündigte und was er vorgelebt hat. Es ist die Grundbestimmung, an der wir in der Welt und für die Menschen zu erkennen sind. Es ist das prägende Merkmal, das auch jeder Kultur, die sich denn christlich-kirchlich versteht, ausmacht. Wie wunderbar, wenn dies als zentrale Botschaft von hier und heute ausgeht: Christliche Gemeinde, das sind die Menschen, die radikal und immer wieder aufbrechen, hinabsteigen und sich konsequent dem anderen, der es nötig hat, zuwenden. Christen, das sind die Menschen, die ihr Leben für andere leben und es so anders und neu wiederfinden.

Amen.

Archiv