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Predigten

Schöpfung, Umwelt

Fellbach

Schrifttexte: Jes 55,6-9; Phil 1, 20ad-24.27a; Mt 20,1-16a

Liebe Schwestern und Brüder,

Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.' (Phil 1,22b) Ein Satz, wie geschrieben für unsere Zeit, die uns vor viele Möglichkeiten' und vor ebenso viele Ausweglosigkeiten stellt. Eine Zeit, die uns Menschen einreden will, wir hätten unendliche Fähigkeiten, und die uns gleichzeitig in Abgründe hineinschauen läßt, vor denen wir erschauern und die uns mit mehr Fragen als Antworten konfrontiert. Verliert der 'Mensch auf der Überholspur', mit dem wir uns im Rahmen der Forumsveranstaltung beschäftigten, nicht den lebensnotwendigen Blick in den Rückspiegel? Verlieren wir jedes Maß aus dem Blick, das uns als Menschen auszeichnet? Mir scheint, dass in vielen Bereichen unsere Moral nicht mit unseren technischen Möglichkeiten Schritt gehalten hat. So stehen wir angesichts mancher technologischer Angebote vor der Wahl und unter dem Druck, entscheiden zu müssen. 'Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.'

Und an dieser Stelle gibt uns der Apostel Paulus eine Antwort, die uns vielleicht auch weiterhelfen kann, so weltfremd sie uns zunächst auch erscheinen mag: "Für mich ist Christus das Leben, und Sterben ist ein Gewinn". Wem können wir denn das nahe bringen? Wer könnte denn dazu - ehrlich! - ja sagen? Wer nimmt das so ernst?

Was ist unser Leben wirklich? Für mich ist Christus das Leben? Wer kann das so sagen? Ist unser Leben nicht vielmehr der Versuch, soviel Glück wie möglich zu erleben, ja, aus den Jahren, die wir haben, herauszuschlagen?

Fangen wir einmal bei den Jungen und Mädchen, den Schülern an: Wofür lebt ihr? Mal ohne Beschönigung. Für einen guten Schulabschluss, dann soll es eine gute Lehr- oder Studienstelle und später eine schöne Arbeit sein, wo man weiterkommt und Aussichten hat. Vielleicht hat mancher von euch auch schon die fernere Zukunft im Auge: Einen Partner finden, mit dem man sich versteht, eine Familie gründen... Wo ist denn da Christus? Ist Christus da das Leben?

Und die mittleren Jahrgänge, wofür leben die? Stehen mitten im Leben, haben schon viel erreicht, aber auch von manchen Träumen Abschied genommen. Das Häuschen ist gebaut, oft gar ein Haus... Kinder sind da, die Ehe ist erprobt und hat sich vielleicht sogar bewährt. Man hat sein gutes Auskommen, kann sogar etwas zurücklegen, sich etwas leisten: Urlaub, neues Auto alle 2 Jahre... Man könnte zufrieden sein, ist es aber nicht. Die Wünsche bleiben. Noch dies und das anschaffen. Das noch werden und jenes noch erreichen: Wo ist denn da Christus? Ist Christus da das Leben?

Und die Alten? Die dürfen wir gerade bei diesen Fragen nicht vergessen, ich will sie auch direkt ansprechen: Wofür leben sie? Es treibt sie vielleicht nichts mehr voran, sie sind zur Ruhe gekommen, erwarten nicht mehr allzu viel. Ein bisschen Resignation macht sich langsam breit. In stillen Stunden zieht man vielleicht Bilanz: Das hat man aus seinem Leben machen wollen - und was ist daraus geworden? Was gilt denn die Erfahrung der Alten? Die Jungen werden sagen: Was wollt denn ihr!? Da sind wir doch lieber still, halten unseren Mund, behalten unsre Mahnungen für uns, unsere Warnungen, unseren Rat und unsere Hilfe. - Nur: Wo ist denn da Christus? Ist Christus da das Leben?

"Für mich ist Christus das Leben und das Sterben ist ein Gewinn!" Wer will das hören? Wer - wenn wir ehrlich sind - will sich darauf einstellen oder gar sein Leben danach ausrichten? Also bietet uns Paulus keine Antwort auf die bedrohliche Frage: 'Was soll ich tun?' Gehen wir wieder nach Hause, so wie wir gekommen sind? Unverändert, ohne etwas mitzunehmen, ohne Mut, ohne Kraft, ohne Hoffnung und vor allem, ohne den Willen, unser Leben, unseren Alltag einmal neu zu gestalten?

Nein, wir wollen den Satz noch einmal hören: "Für mich ist Christus das Leben und das Sterben ist ein Gewinn!" Oder wie Paulus es dann formuliert: 'Lebt vor allem so, wie es dem Evangelium Christi entspricht!'

Und da schauen wir in das heutige Evangelium und werden dort von jenem letzten Satz am Ende regelrecht erschüttert und ganz neu orientiert: 'Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten!' Was für ein Satz! Und zugleich viel mehr als ein Satz, weil diesen Satz und seine gesamte Botschaft Jesus Christus mit Leben erfüllt hat. Mit seinem Leben, mit seinem Reden und seinem Handeln, mit seinen Gleichnissen und seinen heilsamen Wundern, ja mit seinem Sterben, seinem Tod und seiner Auferstehung.

Wir haben also allen Grund, die Worte des Paulus ernst zu nehmen, und in unserem Leben so zu leben, wie es dem Evangelium Christi entspricht. Denn das macht uns so hoffnungsvoll und so aussichtsreich, dass da Jesu Leben und Gottes Wort dahinter steht. Die Sätze haben die Chance, bei uns anzukommen: Wir können so werden, wie Gott uns sieht und haben möchte!

Die Jungen unter uns könnten entdecken: Es ist nicht alles im Leben, seinen Weg zu machen, voranzukommen, seine Pläne, Wünsche und Träume zu erfüllen. Vor allem: Was uns die Gesellschaft, die Medien und die Werbung vorgaukeln, ist oft schöner Schein. Denken wir an den Konsum: Es macht nicht glücklich, alles zu haben, wovon wir träumen. Es bringt uns nicht die Zuneigung der anderen, höchstens ihren Neid. Die neuen Turnschuhe, das Motorrad, der neue Computer macht uns interessanter, aber nicht liebenswerter. Die anderen meinen nicht dich, wenn sie von dir schwärmen, sie meinen, was du hast!

"Für mich ist Christus das Leben": das meint vielleicht, diese Dinge durchschauen und dann etwas anderes probieren. Deine Freunde nicht beurteilen nach dem, was sie "bringen" und "haben". Jesus hätte gefragt, was die anderen brauchen. Frage doch auch du einmal so. Hinter der Fassade deiner Kameraden, die mit Mofa und eigener Videoanlage protzen, kommt dann vielleicht einer zum Vorschein, der einmal ein Lob braucht, eine Ermunterung, ein gutes Wort: "Du gefällst mir. Ich finde dich gut!" So könnte das anfangen, dieses Leben, wie es Christus entspricht.

Die, in den mittleren Jahren könnten damit beginnen: Mit der Bescheidung. Einmal klar sehen, was man alles erreicht hat. Dann vergleichen. Ach, nicht einmal mit denen in den Ländern der dritten Welt! Auch bei uns gibt es ja arme Leute. Und ich meine auch nicht nur die Güter. Machen wir uns doch deutlich, was Arbeitsplatz, Familie, Kinder haben, Liebe empfangen und so vieles mehr eigentlich bedeutet! Reich sind wir!

"Für mich ist Christus das Leben", das meint vielleicht: Alles das sehen, ihm dafür danken und dann - teilen! So weh der Gedanke auch tut. Lassen wir uns doch einmal nahe gehen, dass andere so viel entbehren. Wir können helfen, für andere Leben zu ermöglichen. Geben wir doch von uns, was uns daran hindert. So könnte das anfangen, dieses Leben, wie es Christus entspricht.

Und die Alten? Sind die wohl auch noch gemeint? Ja, denn ist euer Reichtum denn nicht eure Erfahrung? Wollt ihr die für euch behalten? Wie sollen die jungen Leute denn dann wissen, was wirklich wichtig ist im Leben? Was trägt. Womit man alt werden kann. Sagt jetzt nicht: Ach, die Jungen wollen es doch nicht hören! Sagt ihr es ihnen denn so, dass sie es annehmen können? Liebevoll, werbend, dass sie spüren, hinter diesem Rat, dieser Mahnung, stehen Zuneigung und Wärme. Und habt auch Mut, von euren Erfahrungen mit Gott zu erzählen: Wie ihr ihn in euren Lebensgeschichten erlebt oder auch manchmal vermißt habt. Das wäre nicht der kleinste "Dienst" für andere: So könnte das anfangen, dieses Leben, wie es Christus entspricht.

'Was soll ich wählen. Ich weiß es nicht.' Mit diesen Fragen hatte ich begonnen und habe versucht, mit jenem besonderen Satz von Paulus eine Antwort zu entwerfen, die ein Leben radikal verändern kann. Natürlich werden auch in einem Leben, wie es Christus entspricht, Fragen und Schwierigkeiten bleiben. Christus nimmt uns nicht ab, unser Leben hier und heute zu gestalten. Aber wer ein Leben führt, wie es dem Evangelium Christi entspricht, wird dabei viele gute Erfahrungen und Freude erleben und die Erfahrung machen, auf seinem Weg getragen zu sein.

Und dann kann es schon geschehen, dass einer auch das ganz ernsthaft sagt: "Sterben ist mein Gewinn!" Wer möchte denn nicht ganz bei dem Herrn sein, für den er jetzt schon lebt? - Aber fangen wir konsequent, ruhig und getrost mit dem an, was zuerst kommt: "Christus, der ist mein Leben!"

Amen.

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