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Texte und Reden

Rottenburg

„Leben schützende und Schöpfung bewahrende Kirche –
Bewährungsfelder christlicher Zeitgenossenschaft“

Die Kirche hat eine Verantwortung für die Schöpfung
und muss diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen.
Papst Benedikt XVI.

Meine sehr geehrten Damen und Herrn!

Ich grüße Sie alle herzlich und freue mich, Ihnen hier beim Neu-jahrsempfang in Rottenburg begegnen zu können! Im Jahr 2001 hielt ich als Bischof meine erste Rede zum Neuen Jahr. Seither pflege ich diese Tradition der Begegnung. Ich beleuchte dabei jeweils Probleme und Herausforderungen der Zeit, wie sie sich aus dem Geist des Christentums und der Katholischen Kirche darstellen. Ich beziehe zu Themen Stellung und leite daraus politisch-pastorale Schwerpunkte unseres kirchlichen Handelns ab.

Ich nutze die Gelegenheit dieser 10. Neujahrsansprache, um zwei Themen aufzugreifen, die mich von Beginn an beschäftigt haben und deren Brisanz mitnichten obsolet geworden ist. So werde ich in einem ersten Teil vor allem einer Frage von höchster ethischer Relevanz nachgehen, die ich schon 2001 thematisiert habe. Es geht um die neuen Lebenswissenschaften, die sich daraus entwickelnden neuen Biotechnologien und die bioethische Debatte. Also um einen Bereich, in dem es um den Schutz des Lebens gehen muss.
In einem zweiten Teil möchte ich im Anschluss an meinen ersten Fastenhirtenbrief aus dem Jahr 2001 zum Auftrag der Kirche, die Schöpfung zu bewahren, Stellung nehmen und dabei darstellen, was wir in der Diözese Rottenburg-Stuttgart bereits tun und mit welcher Perspektive wir das tun.
Im dritten Teil werde ich resümeeartig die Notwendigkeit ansprechen, dass sich die Kirchen in den Prozess der öffentlichen Diskussion zur Gestaltung unseres Gemeinwesens und der globalen Menschheit offensiv einbringen müssen. Und dass die Gesellschaft sich selbst schädigt, wenn sie diesen Dialog verweigert.

I. Täuschungen und Enttäuschungen bei der Erforschung menschlicher Stammzellen

Mit einem Gesetz zum Klonen menschlicher Embryonen, im Dezember 2000 vom Britischen Parlament verabschiedet, begann auch in Deutschland eine intensive öffentliche Debatte um bioethische Fragen, insbesondere im Bereich der Erforschung menschlicher Stammzellen und über die Verwendung möglicher Ergebnisse für Heilungs-Verfahren. Dabei beteiligten sich nicht nur Politiker oder Interessengruppen an der Diskussion. Vielmehr nahmen auch vom Stammzellgesetz betroffene Wissenschaftler an prominenter Stelle der gesellschaftlichen und politischen Debatte teil - mit erheblichen Folgen.
Von Beginn an ging es um den schmalen Grat zwischen verheißungsvollen Versprechungen, Notwendigkeiten der Forschung und ethischen Überlegungen. Die Heilungserwartungen kranker Menschen, die Freiheit der Forschung und die Menschenwürde müssen dabei ins rechte Verhältnis gebracht werden.
Als langjähriges Mitglied des Nationalen Ethikrates sowie als Vorsitzender der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz habe ich die Entwicklung intensiv mitverfolgt. Ich stelle Ihnen heute den Verlauf der die Öffentlichkeit heftig umtreibenden Stammzelldebatte der letzten 10 Jahre vor. Ich möchte zeigen, in welche Zusammenhänge der Schutz des Lebens hineingerät und wo er sich bewähren muss.

Ich bin dabei nicht blind gegenüber wissenschaftlichen Fakten, und ich lehne auch nicht pauschal neue therapeutische Wege zur Heilung von Patienten ab. Ich bin nicht wissenschaftsfeindlich, aber lebensfreundlich eingestellt. Diese Lebensfreundlichkeit, die ich als Schutz des Lebens verstehe, zur Geltung zu bringen, sehe ich als Aufgabe eines Bischofs an. Es geht in der Stammzellforschung und ihrer Anwendung um nicht weniger als die Geltung der Menschenwürde für den wehrlosen embryonalen Menschen vom Beginn seiner Existenz an.

In meiner Neujahrsansprache 2001 sagte ich mit Blick „auf die Situation unserer Zivilisation, dass unsere Gesellschaft in eine Phase ihrer Entwicklung eingetreten ist, in der die Erhaltung der Würde des Menschen von der Zeugung bis zum Tod eine starke Lobby braucht, damit die Humanität unserer Zivilisation keinen Schaden nimmt.“

Im Zusammenhang der Embryonenforschung und der daraus erwachsenden Biotechnologien stellen sich weitreichende Fragen: Dürfen wir Gott spielen und irreversibel in das Genom des Men-schen eingreifen? Dürfen wir embryonale Menschen für eigene Interessen ‚vernutzen’ und Menschen nach eigenen Wünschen erschaffen?

Die ethische Problematik der Stammzellforschung

Zu Beginn der Debatte um die Stammzellen ging man davon aus, dass Stammzellen – adulte und embryonale – besonders geeignet sind, schwere Krankheiten zu heilen. Adulte Stammzellen werden – ethisch völlig unbedenklich – dem ausgewachsenen Menschen entnommen. Embryonale Stammzellen dagegen werden dem menschlichen Embryo entnommen, der jedoch dabei getötet werden muss. Darin liegt die ethische Problematik. Denn menschliches Leben beginnt nach gesicherter biologischer Erkenntnis mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Die Tötung menschlicher Embryonen ist ethisch nicht vertretbar. Wo menschliches Leben existiert – so urteilt das Bundesverfassungsgericht - kommt ihm Menschenwürde zu. Die Diskussionslinien verliefen dabei stets ähnlich: Schon im Rahmen der ersten Diskussionen um die embryonalen Stammzellen wurde auf die mögliche Heilung bislang unheilbarer Krankheiten verwiesen. Parkinson, Alzheimer, Diabetes, Rückenmarksverletzungen, Herzerkrankungen könnten durch Zellersatz aus embryo-nalen Stammzellen geheilt werden. Die notwendige Tötung embryonaler Menschen wurde legitimiert durch die von der Erforschung embryonaler Stammzellen zu erwartenden Heilungen von schweren Krankheiten. Die Forschung an embryonalen Stammzellen wurde von engagierten Wissenschaftlern und auch von vielen Medien euphorisch als Königsweg zur Entwicklung therapeutischer Verfahren bei schweren Erkrankungen propagiert!

Als prominentes Beispiel darf ich einen deutschen Stammzellforscher zitieren, der schon im Jahr 2000 in der FAZ formulierte: „Uneingeschränkte Vermehrbarkeit und Pluripotenz machen embryonale Stammzellen zu einer unerschöpflichen Spenderquelle für die Transplantationsmedizin. Nervenzellen für Parkinson-Patienten, Herzmuskulatur für Infarktopfer, insulinbildende Zellen für Diabetiker und blutbildende Zellen für Leukämiekranke sind nur einige Visionen, die sich an die neue Technologie knüpfen.“

Mehrere Jahre gingen diese Heilungsversprechen durch die Wissenschaftsteile und Feuilletons aller großen Zeitungen und Magazine. Wer diese Versprechen anzweifelte oder dem Weg zu diesen Heilungszielen ihre ethische Legitimität absprach, galt als hinterwäldlerischer Gegner der Forschung und unbarmherziger Feind der berechtigten Ansprüche schwerkranker Menschen auf ein gesundes Leben. Öffentlichkeit und Politik wurden einem Trommelfeuer der Argumente ausgesetzt. Als die Debatte im Zusammenhang mit der im Interesse der Forschung angeblich unbedingt notwendigen Verlegung des Stichtags im Jahr 2006 in der Öffentlichkeit und der Presse erneut aufflammte, titelte zum Beispiel ‚Die Welt’: „Letzte Hoffnung für Millionen. Wissenschaftler fordern mehr Freiheit, um lebensrettende Therapien zu entwickeln. Heute debattiert der Bundestag über die Zukunft der Stammzellforschung.“

Die öffentliche Diskussion wurde dabei – unter Verschweigen von Erfolgen mit adulten Stammzellen – mit falschen Annahmen über die Heilungspotentiale und mit unrichtigen Argumenten über die Notwendigkeit ‚frischer’ embryonaler Stammzelllinien zum Ziel der Gesetzgebung gebracht. Vor diesem inszenierten Hintergrund kam es schließlich zur Novellierung des Stammzellgesetzes von 2008 mit der Verlegung des Stichtages auf den 1. Mai 2007.

Halten wir dagegen den bisher erreichten Stand fest: Von den durch Forscher und Medien zwischen 2000 und 2008 geweckten Versprechungen bezüglich der therapeutischen Möglichkeiten der embryonalen Stammzellen ist bislang nichts wahr geworden. Es gibt nach 10 Jahren Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen keine einzige Therapie. Auch in Ländern, in denen Forscher unbeschränkten Zugang zu menschlichen embryonalen Zellen haben und Embryonenforschung ohne Einschränkung möglich ist, gibt es keine Hinweise auf in der Entwicklung befindliche Therapien, die über das Tierversuchsstadium hinausgegangen sind.

Die Erforschung adulter Stammzellen, die parallel stattfand, wurde als aussichtslos, schwierig und zu wenig erfolgversprechend bezeichnet. Von dieser ethisch völlig unbedenklichen Forschung und den sich dabei bald einstellenden therapeutischen Erfolgen wurde in breiter Öffentlichkeit nur selten berichtet.
Zudem wurde das Tumorrisiko bei Therapien mit menschlichen embryonalen Stammzellen nicht gesehen bzw. nicht angemessen dargestellt. Auch das vorgebrachte Argument, dass für die Forschung an embryonalen Stammzellen noch einige Zeit gebraucht würde, um die adulten Stammzellen besser zu verstehen, konnte nie seriös belegt werden. Schließlich stellte sich die Forderung der Ermöglichung des Imports von neuen, nach dem ersten Stichtag gewonnenen, ‚frischen’ embryonalen Stammzelllinien wegen möglicher Kontaminierung als zweifelhafte Behauptung heraus. Denn nach dem Stammzellgesetz von 2008 wurden bis heute keine Anträge für neuverfügbare und doch vorgeblich so dringend benötigte embryonale Stammzellen gestellt. Die Argumente, die schließlich zu der Gesetzesnovelle von 2008 und zur Verschiebung des Stichtages geführt haben, waren also unrichtig!
Noch zwei bemerkenswerte Nachträge:

Ein erster: Durch Erfolge beim Klonen hatte der koreanische Wissenschaftler Woosuk Hwang zunächst große Begeisterung ausgelöst. Die in renommierten naturwissenschaftlichen Zeitschriften publizierten erfolgreichen Experimente beim Klonen von Menschen stellten sich schon bald als wissenschaftlicher Betrug im großen Stil heraus! Der als renommierter Forscher im Bereich der Embryonenforschung geltende Professor wurde des wissenschaftlichen Betruges überführt und im Oktober 2009 von einem Gericht in Seoul zu 2 Jahren Haft verurteilt. Bis dahin hatte er bewusst Ergebnisse gefälscht und Bilder manipuliert, und die wissenschaftliche, öffentliche und politische Welt irregeführt. Ein solcher Vorgang hat die Glaubwürdigkeit von Naturwissenschaftlern im Bereich der Stammzellforschung insgesamt erheblich erschüttert.

Ein zweiter Nachtrag: Gerade die restriktiven Regelungen der Stammzellforschung in Deutschland führten zur Suche nach alternativen, ethisch vertretbaren Möglichkeiten. Hierbei ergaben sich inzwischen erfreuliche und aus meiner Sicht ethisch unbedenkliche Perspektiven. Die Erzeugung ‚quasiembryonaler’ Stammzellen, d.h. Stammzellen, die durch Reprogrammierung normaler menschlicher Zellen gewonnen werden, erübrigt vermutlich die weitere Forschung an aus menschlichen Embryonen gewonnenen embryonaler Stammzellen, um therapeutische Verfahren zu entwickeln.
Das in Deutschland geltende Verbot, menschliche Embryonen zu Forschungszwecken zu töten, hat also letztlich zu neuen Forschungsergebnissen und ethisch unbedenklichen Verfahren geführt. Deutschland gehört in der Zukunftstechnik der Reprogrammierung zu den führenden Ländern. Das Gleiche gilt für die Nutzung der adulten Stammzellen für therapeutische Verfahren. Dies ist eine lebensfreundliche und das Leben schützende Entwicklung und zugleich ein Hinweis, wie sich der intensive und beharrliche Schutz des Lebens so bewähren kann.

II. Wir bauen eine schöpfungsfreundliche Kirche

Meine sehr geehrten Damen und Herren, auch beim zweiten Thema, das ich anspreche, möchte ich mich auf einen Text aus meinem ersten Jahr als Bischof beziehen. Die mediale Prominenz, die die Problematik des Klimaschutzes nicht zuletzt durch den Gipfel von Kopenhagen erhalten hat, bildet also nur den – leider düsteren - Hintergrund, keineswegs aber den Anlass für das Thema schöpfungsfreundliche Kirche. Bereits in meinem ersten Fastenhirtenbrief im Jahr 2001 habe ich meinen Wahlspruch: ‚Propter nostram salutem – Um unseres Heiles willen’ erschlossen und dabei geschrieben: „Heute erkennen wir deutlicher als früher, dass wir unser heilendes Handeln über die Mitmenschen hinaus ausdehnen müssen auf die ganze bedrohte und zum Teil schon beschädigte Schöpfung – auf Wasser, Erde und Luft, auf die Tiere und Pflanzen. Um unser aller Heil willen müssen wir unser gestörtes Verhältnis zur Schöpfung heilen. Wir müssen unsere Beziehung zur Natur, wo sie zerstörerisch ist, in ein heilendes Verhältnis umwandeln.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
zunächst mit Sorge und dann mit großer Enttäuschung habe ich wie viele Menschen den Verlauf und das Debakel des Weltklimagipfels in Kopenhagen verfolgt. Wir wissen, dass ein Scheitern der internationalen Anstrengungen, den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, mittel- und langfristig zu katastrophalen Konsequenzen führen wird. Wenn wir weiter so rücksichtslos handeln wie bisher, drohen von Menschen bewohnte Regionen überflutet zu werden. Lebensgrundlagen werden zerstört, Meere kippen um und das Leben im Wasser stirbt. Das sind leider keine apokalyptischen Bilder mehr, sondern manches davon ist in den Bereich des Möglichen, ja sogar des Wahrscheinlichen getreten - es sei denn, wir Menschen besinnen uns und greifen hier ganz im Sinne des Auftrags Gottes, die Schöpfung zu bewahren, rettend ein.
Das Christentum hat mit seinem Schöpfungsglauben und der daraus gespeisten Ethik ein großartiges Sanierungs- und Sinnpotential, um zu einem heilsamen Verhalten zu finden, durch das wir die ökologische Krise, in die wir hineingeraten sind, bewältigen und sinnvoll lösen können. Auch hierbei ist es mir wichtig, dass wir als Kirche unser Glaubenspotential zur Geltung bringen, indem wir den Problemen unserer Zeit auf Augenhöhe, mit Sachverstand und Kompetenz begegnen. Zugleich aber ist es auch an der säkularen Kultur und Gesellschaft, Bereitschaft zu entwickeln, diese Sinn- und Handlungsressourcen aufzunehmen.

Eine schöpfungsfreundliche Kirche kann so einen diakonischen Dienst an der Zukunft der Menschheitsfamilie, für die Qualität ihres Lebens und für eine heilsame Beziehung zur Natur, Umwelt, Schöpfung leisten. Eine schöpfungsfreundliche Kirche handelt auf diese Weise für die Bewahrung der Schöpfung als Lebensraum für kommende Generationen. Sie überzeugt so durch ein dem Frieden und der Gerechtigkeit dienendes Handeln.
Denn als Kirche reden wir nicht nur in programmatischen Beiträgen und Entwürfen über Möglichkeiten des Klimaschutzes, sondern wir setzen unsere Überzeugungen wirkungsvoll und beispielhaft, konkret und anstiftend in Maßnahmen um. Die pastorale Leitidee einer schöpfungsfreundlichen Kirche ist eine wesentliche Dimension im Gesamtgefüge unseres Glaubens und Handelns. Ein schöpfungsfreundliches Bewusstsein und die praktizierte Schöpfungsverantwortung sind dabei eingebettet in eine lange Tradition unserer Diözese und der Kirche insgesamt.

Entwicklungslinien in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

„Wer den Klimawandel bekämpfen will, hat in Kopenhagen nur eines gelernt: Vergesst die Politik! Man muss selber etwas tun!“ Ein Artikel in der FAZ vom 20.12.2009 war so überschrieben. Als Diözese Rottenburg-Stuttgart tun wir schon lange etwas, wir werden dieses Handeln aber nochmals intensivieren und durch globalisierte Vernetzung stärken. Dass unsere Diözese eine Klima-Initiative mit vielfältigen und ehrgeizigen Zielen durchführt, ist keine Anpassung an ein modisches Thema, sondern ein Zeichen dafür, dass wir im Zusammenhang mit der globalen Umweltkrise als Kirche unsere Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und die Zukunft kommender Generationen ernst nehmen und gestalten.

Bereits 1989 wurde ein Umweltbeauftragter der Diözese bestellt. Schon früh hat sich die Diözese Rottenburg-Stuttgart programma-tisch klar festgelegt und die Bewahrung der Schöpfung zu einem pastoralen Schwerpunkt erklärt. In den Pastoralen Prioritäten heißt es in der Großpriorität „Aufstehen für das Leben“: „Wir wollen zum Wohl der Schöpfung handeln, indem wir nachhaltiges Handeln im persönlichen Lebensbereich sowie in Kirche und Gesellschaft stärken. Konkret heißt das: Wir wollen den Verbrauch von fossilen Energien reduzieren und die Erzeugung und Nutzung regenerativer Energien fördern. Wir wollen als Gemeinden und kirchliche Vereinigungen am Programm ‚Kirchliches Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement’ teilnehmen.“

Auch der Diözesanrat wirkt an dieser Thematik seit vielen Jahren konstruktiv und intensiv mit und hat vor allem durch seinen Aus-schuss ‚Nachhaltige Entwicklung’ als beharrlicher Anwalt der Nachhaltigkeit in der Diözese wichtige Impulse gegeben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn wir also heute sagen, wir wollen als Kirche schöpfungsfreundlich handeln, dann ist dies auch die Verwirklichung dieser pastoralen Priorität der Diözese. Ich selbst habe als Bischof das Thema stets intensiv verfolgt und entsprechende Maßnahmen unterstützt und forciert. Auf meinen Hirtenbrief 2001 habe ich bereits hingewiesen, im Jahr 2002 ließ ich ein Photovoltaikdach auf dem Bischofshaus installieren, bewusst als ein Beispiel, dem sich bis heute zahlreiche Kirchengemeinden, Stiftungen und, was mich besonders freut, auch zahlreiche Schulen in kirchlicher Trägerschaft angeschlossen haben. Und vor zwei Jahren haben wir eine umfassende Klima-Initiative vorgestellt.

Dabei sollen vor allem durch einen ‚Nachhaltigkeitsfonds’ in Höhe von über 12 Millionen Euro Gemeinden und kirchliche Einrichtungen zu klimaschonenden und energieeffizienten Investitionen ermuntert werden. Erst kürzlich konnte eine Zweijahresbilanz dieser interdisziplinären ‚Klima-Initiative’ vorgelegt werden. Besonders das Siedlungswerk unserer Diözese setzt sich ebenso wie das Bischöfliche Bauamt für vorbildliches ökologisches Bauen ein. Die Ligabank fördert zwischenzeitlich im Kontext dieser Klimainitiative 25 Photovoltaik-Anlagen.

Dabei ist der oft gehörte Slogan ‚global denken und lokal handeln’ nur die eine Seite der Medaille. Genauso wichtig ist es heute, sich in den Aktivitäten wirkungsvoll zu vernetzen. Die 2009 gegründete ‚Stiftung Weltkirche in der Diözese Rottenburg-Stuttgart’ gibt hier durch ihren Namen die Perspektive vor. Denn gerade in Zeiten der Globalisierung und weltweiten Vernetzung ist es unerlässlich, Ortskirche und Weltkirche, die Anliegen vor Ort und die Sorge um die ganze Welt zusammen zu sehen. Weltkirche in der Ortskirche – Ortskirche in der Weltkirche: nur so handeln wir überzeugend als missionarische Kirche. Wie wirkungsvoll das sein kann, möchte ich an einem Beispiel zeigen:

Die Diözese Muvattupuzha in Indien und Mithradham

Wegen meines langjährigen Engagements in der Akademie in ökologischen Fragen wurde ich nach meinem Amtsantritt als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart angefragt, das Protektorat über Mithradham zu übernehmen. Mithradham ist das erste ‚Zentrum für erneuerbare Energie’ auf dem indischen Subkontinent. Bis heute übe ich unter anderem gemeinsam mit Professor Ulrich von Weizsäcker diese Schirmherrschaft aus. Meine diesjährige Pastoralreise führt mich in den nächsten Tagen nach Südindien, wo dieses Zentrum liegt. So schließen sich nun manche Kreise bzw. können erheblich erweitert werden. Denn ein Fokus der Reise wird der weitere Ausbau einer schöpfungsfreundlichen Kirche sein. Ich werde die in diesem Zusammenhang vorbildhafte Diözese Muvattupuzha in Kerala besuchen und eben das dort liegende Zentrum Mithradham. Ich freue mich, dass mich neben anderen auch der Sprecher des Diözesanrates, Herr Dr. Johannes Warmbrunn, dorthin begleiten wird.

Indiens Rolle auf dem Weltklimagipfel von Kopenhagen war eher negativ. Die Katholische Kirche auf dem indischen Subkontinent will dagegen im Bereich ökologischer Nachhaltigkeit beispielgebend vorausgehen. Wir können, wenn wir diese Kontakte nutzen, einen Beitrag leisten für eine schöpfungsfreundliche Kirche Indiens. Aber wir  wollen auch vom Einfallsreichtum Mithradhams und dessen interessanten Pilotprojekten lernen!

Zur Vorbereitung meiner Reise war vor einigen Wochen der dortige Bischof, Mar Kakanatt, hier und hat dabei die Diözese Rottenburg-Stuttgart um Kooperation gebeten. Über seine eigene Diözese sagte der Bischof: „Die Schöpfung und ihre Bewahrung ist das Gebot der Stunde für die indische Katholische Kirche. Meine Diözese ist bereit, als Aushängeschild für ökologische Nachhaltigkeit durch die Förderung erneuerbarer Energien und Öko-Erneuerung zu agieren. Entwicklungsvisionäre in aller Welt sehen voraus, dass Indien bis 2020 eine führende Industrienation sein wird. Dies erfordert massive Energie- und Rohstoffvorräte. Viele Gebiete Indiens sind ökologisch schon zerstört. (…) Daher ist eine optimale Nutzung erneuerbarer Energien die Notwendigkeit der Stunde in Indien, um die Natur zu bewahren und Umweltverschmutzung zu vermeiden.“ Soweit Bischof Kakanatt. Seine Diözese steht ein für den Schutz, die Bewahrung und die nachhaltige Bewirtschaftung von natürlichen Ressourcen. Die optimale Nutzung von nicht-konventionellen Energieressourcen und Öko-Erneuerung werden gefördert, um ökologische Nachhaltigkeit zu sichern. Mithradham, das vom Orden der Karmeliter getragene Zentrum für erneuerbare Energie, liegt in unmittelbarer Nähe des Diözesanzentrums, so dass hier eine enge und wechselseitig fruchtbare Kooperation möglich ist. Mithradham selbst ist die erste Institution dieser Art in Indien, die ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben wird und somit eine enorme Vorbildfunktion besitzt. Wir werden in Mithradham auch das Internationale Seminar ‚Protection of the Creation’ besuchen und dabei die Klima-Initiative der Diözese Rottenburg-Stuttgart vorstellen. So kann konkret die Vernetzung und wirkungsvolle Zusammenarbeit zum Wohle der Schöpfung gelingen.

Die Katholische Kirche bietet mit ihrer weltweiten Vernetzung auch die nötige institutionelle Infrastruktur, um notwendige Synergieeffekte möglich zu machen. Gerade in einer Zeit internationaler Zusammenarbeit können die Kirchen für die Zukunft der Welt einen entscheidenden Beitrag leisten: inhaltlich, von der Motivation und Sinnstiftung her, die im Schöpfungsglauben liegt, aber eben auch durch praktisches Mitwirken und exemplarisches, schöpfungsfreundliches Handeln.

Papst Benedikt XVI. und eine schöpfungsfreundliche Kirche
Ich bin froh und dankbar, dass sich Papst Benedikt XVI. in jüngster Zeit hierzu bei verschiedenen öffentlichen Anlässen nachdrücklich geäußert hat. Er überschreibt seine Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2010: „Willst Du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung.“ Auch in seiner diesjährigen Neujahrsansprache erinnerte der Papst daran, dass die Bewahrung der Schöpfung eine ‚unerlässliche Bedingung für den Frieden’ sei und rief zu einem ‚ökologischen Mentalitätswechsel’ auf. Darum überrascht es nicht, dass er aufgrund des Zusammenhangs von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auch in seiner Sozialenzyklika ‚Caritas in veritate’ nachdrücklich zu Fragen des Klimaschutzes Stellung bezieht und dabei eindrucksvolle Formulierungen findet, die in der Öffentlichkeit leider kaum gewürdigt wurden. Angesichts der drängenden Herausforderungen ruft Benedikt der Kirche ihre Verantwortung für die Schöpfung in Erinnerung.

Zugleich fordert er, dass alle auf internationaler Ebene Verantwortlichen gemeinsam aktiv werden für den Schutz der Umwelt, der Ressourcen und des Klimas. „Diese Verantwortung ist global, weil sie (…) die ganze Schöpfung betrifft, die wir den neuen Generationen nicht ausgebeutet hinterlassen dürfen.“ Der Zusammenhang zwischen sozialer und ökologischer Verantwortung wird von ihm mehrfach herausgearbeitet. Der Einsatz für die Schöpfung sei eine entscheidende Dimension weltweiter Friedensarbeit und, so der Papst: „Er stellt für uns eine Verantwortung gegenüber den Armen, den künftigen Generationen und der ganzen Menschheit dar.“

Eine Formulierung des Papstes ist mir hierbei besonders wichtig, denn er spricht in einem Satz das Anliegen aus, das ich Ihnen in diesem Abschnitt vorstellen wollte. Papst Benedikt schreibt: „Die Kirche hat eine Verantwortung für die Schöpfung und muss diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen.“
Damit komme ich zum Schluss meiner Ansprache und versuche, ein gedankliches Resümee zu ziehen:
 
III. Religion als öffentliche Angelegenheit

Die Botschaft des Papstes am 1. Januar 2010 zum Weltfriedenstag: „Willst Du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung“, richtet sich nicht nur an die Kirche, sondern an alle Menschen guten Willens. Diese Botschaft aber wird nur ankommen, wenn die Menschen ihr offen und mit dem Zutrauen gegenüberstehen, dass hier Wichtiges zur Bewältigung der globalen Herausforderung gesagt wird. Beide Seiten sind mir wichtig: Damit christliche Religion öffentlich wirken kann, muss sie sich in ihrer gesellschaftlich-kulturellen Relevanz und mit Kompetenz verständlich machen wollen und können. Andererseits muss auch Religion gehört werden wollen und ihr muss zugetraut werden, dass in ihr sinnstiftende Ressourcen für die Gestaltung des zukünftigen Zusammenlebens liegen. Im Kontext meiner Rede waren das die Bewahrung der Schöpfung und der Schutz des Lebens.

Der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnende Philosoph Jürgen Habermas hat sich immer wieder mit eben der Thematik Religion und Gesellschaft beschäftigt: Es geht um die Frage des gelingenden Dialogs zwischen den Sinnressourcen, die die Religion anbietet, und es geht um die unbedingte Notwendigkeit für die säkulare Gesellschaft, zum eigenen Wohl diese Angebote auch abzurufen und zu nutzen. „Die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ist fließend. Deshalb sollte die Festlegung der umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen.“
Habermas ist sich sicher, – ich gebrauche seine Worte – „dass moderne Gesellschaften – wenn sie das Humane stärken wollen – im-mer auch auf ein Verständnis und eine Übersetzung der Potentiale religiöser Traditionen angewiesen sind.“ Deshalb ist es wichtig, dass Religion und säkulare Welt immer in einem Wechselverhältnis zueinander stehen. Sie sind „immer auch auf ein konstruktives Miteinander angewiesen, besonders, um die drängenden gesellschaftlichen Fragen, wie z.B. der Bioethik, anzugehen.“ Im Umkehrschluss ist es daher unabdingbar, „dass religiöse Äußerungen nicht aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt werden dürfen.“ Denn „die Demokratie ist auf moralische Haltungen angewiesen, die aus vorpolitischen Quellen stammen, beispielsweise aus religiösen Lebensentwürfen.“

Wenn der säkulare Staat zu seinem Funktionieren und wirklichen Gelingen unbedingte Voraussetzungen (Böckenförde) braucht, die er selbst aber nicht schaffen kann, darf er die Träger, Bewahrer und Überbringer dieser Voraussetzungen nicht daran hindern, diese auch wirkungsvoll einspeisen zu können. Er muss sie vielmehr fördern und alles dazu beitragen, damit der Dialog zum Wohle aller Menschen, im Sinn des Humanums in der Gesellschaft, zum Schutz des Lebens und zur Bewahrung der Schöpfung gelingt. Andernfalls schadet sich die Gesellschaft selbst und beschädigt vor allem die humane, soziale, gerechte und ökologische Qualität des Zusammenlebens. Der Dialog von religiösem und säkularem Bewusstsein erscheint so als das Gebot praktizierter Zeitgenossenschaft von Kirche und Staat!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die christliche Religion ist heute mehr denn je gefragt. Die Kirche wird gebraucht als Leben schützende und Schöpfung bewahrende Größe für das Projekt einer humanen Zukunft. Als Christen und als Kirche werden wir gerade in der säkularen Gesellschaft gebraucht. Und wir haben durch unsere Botschaft und unser Handeln einen wesentlichen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, den wir engagiert, kompetent und durchaus auch selbstbewusst einbringen können und sollen.

Meine Damen und Herren, was ich vorgetragen habe, ist eine wichtige Dimension der missionarischen Kirche, zu der wir unterwegs sind.
Ich danke für Ihre aufmerksame Geduld und wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Neues Jahr 2010!

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