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Texte und Reden

Rottenburg

Über die Würde des Menschen und das Zusammenleben im Gemeinsamen Haus – so ist meine Neujahrsansprache 2016 überschrieben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren.

„Noch kein Jahr habe ich erlebt, in dem so viele kriegerische Konflikte, soviel Gewalt und Terror und unvorstellbare Grausamkeiten geschehen sind.“ Mit diesen Worten habe ich meine Neujahrsansprache 2015 rückblickend auf 2014 begonnen. Heute zu Beginn 2016 muss ich sagen: 2015 hat 2014 noch übertroffen. Krise über Krise in Europa, Terror, Krieg und Verderben, barbarische Gewalt weltweit und ganz nahe in europäischen Städten. Ich brauche dies nicht einzeln aufzuzählen: Was sich ereignet hat, ist jedem gegenwärtig.

Zu 100.000den wurden Menschen 2015 vertrieben und mussten aus ihrer Heimat, aus ihrem Land fliehen. Auch 2016 werden wieder viele Menschen zu uns kommen und Schutz suchen. Sie hoffen bei uns einen Lebensraum zu finden, der ihnen ein Leben in Würde und Sicherheit ermöglicht. Wie werden wir uns verhalten, wie werden wir ihnen 2016 begegnen? Für jede Begegnung mit Menschen gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde der Menschen auf der Flucht, die zu uns kommen, ist unantastbar. Daran werden wir uns in unserem Verhalten ihnen gegenüber orientieren.

Für Christen leitet sich die Menschenwürde aus dem christlichen Gottes- und Menschenbild ab. „Gott schuf den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn.“ (Gen 1,27 ) Das ist das biblische Schöpfungsverständnis. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild, sein Abbild. Diese Würde hat er sich nicht verdient, sie ist ihm von Gott gegeben. Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland hat dies „im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott“ unter den Grundrechten im Artikel 1 festgeschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Ohne diese Unantastbarkeit wird der Mensch zum Mittel für Zwecke, zum Instrument in der Hand der Stärkeren.

Wir erleben, wie die Würde des Menschen weltweit oft und oft mit Füßen getreten wird. Wie steht es um die Achtung der Würde des Menschen im Islam? Auch in Deutschland, besonders gegenüber den bei uns Schutz suchenden Menschen, ist die Menschenwürde nicht immer Maxime des Verhaltens. Brandworte, die Menschen auf der Flucht entgegengeschleudert, und Brandfackeln, die gegen Flüchtlingsunterkünfte geworfen werden, sind unerträglich, inakzeptabel und unseres Landes nicht würdig. Wir müssen dagegen aufstehen und diesem Treiben Einhalt gebieten. Christen setzen dem Hass die Liebe zu den bei uns ankommenden Menschen entgegen. Wir respektieren ihre Menschenwürde.

Menschen auf der Flucht vor Terror, Gewalt und Krieg

Menschen auf der Flucht erleben die Heillosigkeit der Welt, sie erleben das Böse, das mitten unter Menschen am Werk ist.

Im Hintergrund sehen Sie ein Bild der Heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten, gestochen vom römischen Barockklassizisten Carlo Maratta aus dem Rottenburger Diözesanmuseum.

Meine Damen und Herren, so fängt sein Leben an: Kaum war die Huldigung der Könige verklungen, da hört Josef im Traum die Stimme: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten.“ (Mt 2,13) Denn der Machthaber sucht das Kind, um es zu töten. Der Mensch gewordene Gott lebt und bewegt sich „in fleischlicher Gestalt, als Migrant unter Migranten, denen nahe, die (scheinbar) Gott fern stehen, und deren Leben teilend …“ Christen, die in der Spur des Jesus von Nazaret gehen, sind dazu berufen Notleidenden und Schutzsuchenden beizustehen, zu unterstützen und ihnen so konkrete Hoffnung zu geben.

Als Bischof bin ich dankbar, dass unsere Dekanate und Kirchengemeinden sowie die Verantwortlichen im Bischöflichen Ordinariat sowie der Diözesancaritasverband mit seinem weit verzweigten Netzwerk an regionalen Strukturen, dass kirchliche Verbände, Ordensgemeinschaften und Stiftungen das ihnen Mögliche tun. Und nicht zuletzt denke ich dankbar an Tausende ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, die sich vor Ort dafür einsetzen, dass Flüchtlinge nicht nur mit dem Lebensnotwendigen versorgt werden, sondern darüber hinaus auch persönliche Zuwendung und kompetente menschliche und sachgerechte Hilfe erfahren.

Dies zu initiieren und zu unterstützen ist uns als Kirche vor allem deshalb möglich, weil wir neben dem großen persönlichen Engagement auch über eine solide Basis an finanziellen Ressourcen verfügen, die wir schnell und flexibel für die nötigen Maßnahmen zur Flüchtlingshilfe einsetzen können. Seit November 2013 hat die Diözese insgesamt über den neu eingerichteten  Fonds „Weltkirchliche Arbeit/Flüchtlingshilfe“ zusätzlich zu den regulären Mitteln insgesamt 18,4 Millionen Euro bereitgestellt. Davon 9,2 Millionen für Flüchtlingshilfen innerhalb der Diözese. Die andere Hälfte wird im Rahmen der weltkirchlichen Arbeit für Hilfsmaßnahmen in Krisengebieten und zur Vermeidung von Flucht eingesetzt.

Was allen große Sorgen bereiten muss, ist die hohe Zahl an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Nicht wenige sind traumatisiert und bedürfen therapeutischer Hilfe sowie persönlicher Begleitung zur Bewältigung des Alltags. Ihnen, den Verwundbarsten, muss unsere besondere Fürsorge gelten.

Integration der Menschen, die zu uns kommen, kann nur Erfolg haben, wenn es uns gelingt, von der frühkindlichen Erziehung und der schulischen Bildung bis hin zur Hochschul- und Erwachsenenbildung auf die spezielle Situation der Flüchtlinge und Migranten zugeschnittene Angebote zu entwickeln. Unter Federführung der Bischöflichen Schulstiftung wird derzeit ein Konzept zur Betreuung und Verbesserung der Bildungschancen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Flüchtlingsfamilien erarbeitet. Dabei sollen die katholischen Schulen mit exemplarischen Projekten vorangehen. Künftig wird ein interdisziplinär zusammengesetztes Arbeitsteam für Flüchtlingshilfen im Bischöflichen Ordinariat den Bedarf noch effizienter analysieren und Hilfen initiieren, damit so Projekte noch gezielter gefördert werden können.

Durch die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen wird Deutschland nicht nur in kultureller, sondern auch in religiöser Hinsicht vielfältiger. Für den interreligiösen Dialog ergeben sich daraus neue und besonders anspruchsvolle Aufgaben. Integration wird nur gelingen, wenn wir als Verantwortungsträger in Kirche und Gesellschaft, den Muslimen nicht angstvoll und ablehnend begegnen. Wir müssen Austausch und Begegnung zwischen den Religionen fördern. Religion kann auch zur Kraft der Versöhnung der Menschen verschiedener Kulturen werden. Das voranzutreiben ist eine Aufgabe der christlichen Kirchen. Aber auch die Muslime hier in Deutschland müssen dabei konstruktiv mitwirken.

Wir alle, die politisch Verantwortlichen, die Zivilgesellschaft, die Kirchen, die Muslime, müssen sich endlich auf Europa als Wertegemeinschaft besinnen, in die das christliche Bild vom Menschen eingeschrieben ist und bleibt. Wichtig ist auch, dass sich bereits Integrierte ihrer Aufgabe als Brückenbauer für diejenigen bewusst werden, die neu zu uns kommen. Allerdings können keine Gruppierungen und Aktivitäten geduldet werden, die Verhaltensweisen vermitteln oder gar aufdrängen, die mit der Rechtskultur in Deutschland nicht vereinbar sind. Solch erschreckenden Vorkommnissen wie in der Silvesternacht am Hauptbahnhof in Köln muss energisch vorgebeugt werden.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart wird ihren Kurs in der Flüchtlingsfrage im Jahr 2016 weiterführen und die Hilfen verstärken. Wir werden weiterhin nach unseren Kräften helfen: tatkräftig, mit Mut und Energie, aber auch mit Aufmerksamkeit und Augenmaß.

Als weiteres zentrales Thema möchte ich die Bekämpfung von Flucht-Ursachen ansprechen. Bis weit in die Zukunft hinein wird dies eine wichtige Aufgabe von Politik, Staat, Gesellschaft und Kirche bleiben. Im Libanon, in Jordanien, Nordostsyrien, im Nordirak helfen wir kräftig im Sinne der Vermeidung von Flucht aus der Heimat.

Noch einmal möchte ich in den Verwirrungen und Gewalttaten dieser Zeiten auf die Botschaft des Weihnachtsfests verweisen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden“,  rufen die Boten Gottes (Lk 2,14). Im Kind im Stall von Betlehem ist der Friedensbringer aus Gott geboren unter uns angekommen: Jesus von Nazaret. Als 30jähriger wird Jesus von Nazaret auf dem Berg den versammelten Menschen zurufen: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben.“ (Mt 5,5) – „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes und Töchter Gottes genannt werden.“ (Mt 5,9) Der, dessen Geburtsfest wir festlich gefeiert haben, setzt nicht auf Gewalt, von ihm geht der Geist des Friedens aus. Jesus der Stifter der christlichen Religion ist Friedensstifter, der gewaltlose Botschafter Gottes. In seine Spur sind Christen gewiesen.

Im innerreligiösen ebenso wie beim interreligiösen Dialogs müssen wir immer wieder neu die Frage nach dem je eigenen Verhältnis zur Gewalt zu stellen. Dies gilt für das Christentum ebenso wie in diesen Tagen besonders für den Islam.

Das Gemeinsame Haus - die ökologische Krise und die Pastoral einer schöpfungsfreundlichen Kirche

Ich komme zu etwas – scheinbar – ganz anderem, zum Thema: Die ökologische Krise und die Pastoral einer schöpfungsfreundlichen Kirche.

Bild: Unser blauer Planet

Seit wir zum Mond gefahren sind, ist unser großartiger Planet Erde der Menschheit ganz neu in den Blick gekommen: der blaue Planet als unser Gemeinsames Haus. Auf dieser Insel des Lebens im All vollzieht sich eine gefährliche ökologische Krise. Sie zu meistern, ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

Aber, werden manche fragen, warum befasst sich die Kirche mit der ökologischen Krise? Gehört das nicht in die Verantwortung der Politik? Meine Damen und Herren, Christen glauben „an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Dies bekennen sie im Credo. Und Gott, der Schöpfer des Universums, beauftragt die Menschen im zweiten Schöpfungsbericht der Bibel, den Garten, in den sie hineingesetzt sind, zu bewahren, zu pflegen und zu kultivieren. „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und behüte“ (Gen 2, 15) heißt es dort.

Wenn wir uns als schöpfungsfreundliche Diözese verstehen, dann wollen wir angesichts globaler Umwelt-Zerstörung auf der Erde kompetent das in kirchliches Handeln umsetzen, was unter den gegenwärtigen Umständen von uns als an Gott den Schöpfer der Welt glaubenden Christen gefordert ist: nämlich bei der Bewahrung und heilsamen Gestaltung der Schöpfung mitzuwirken. Zum Wohl der Schöpfung zu handeln ist heute mehr denn je notwendig. Wir sind Zeugen und Betroffene einer andauernden und sich verstärkenden ökologischen Krise. Diese wird eindrucksvoll thematisiert in der von Papst Franziskus im Sommer 2015 veröffentlichten Enzyklika „Laudato Si‘: Über die Sorge um das Gemeinsame Haus“. Sie hat weltweit, auch bei uns im Land, höchste Aufmerksamkeit erfahren.

Auf dem weltweiten Klimagipfel, der im vergangenen Dezember in Paris stattfand, sollten Maßnahmen beraten und beschlossen werden, um diese ökologische Krise zu meistern. Entsprechend groß waren die Erwartungen. Zusammen mit der EKD verfasste die Deutsche Bischofskonferenz im November 2015 eine Erklärung zur UN-Klimakonferenz in Paris und formulierte Erwartungen. Unter anderem steht dort: „Von Paris muss eine neue Dynamik ausgehen. Deutschland und Europa können hier eine Vorreiterrolle übernehmen.“ Christen sollten sich redlich bemühen, ihrer Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung im gesellschaftlichen Handeln und im persönlichen Lebensstil gerecht zu werden. Auch das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken hat sich geäußert und gewarnt: „Wenn wir diese Chance in Paris verpassen, dann sprechen wir demnächst über bis zu 400 Millionen Klimaflüchtlinge, von denen sich auch viele auf den Weg nach Europa machen werden.“

Nun hat die Weltklimakonferenz in Paris ein beachtliches Abkommen zustande gebracht. In der Frage der Reduzierung der Erderwärmung wurden die Erwartungen sogar übertroffen. Dieses neue Klimaabkommen wird eine Energiewende im Weltmaßstab einleiten. Als Globalergebnis zusammengefasst lässt sich sagen: Die internationale Gemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die globale Erwärmung auf deutlich weniger als zwei, wenn möglich auf 1,5 Grad zu begrenzen. Der Höhepunkt der Emission soll so schnell wie möglich erreicht sein. Langfristiges Ziel ist es, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Emissionsausgewogenheit herzustellen. Diesem Abkommen des Klimagipfels in Paris müssen jetzt Taten folgen. Und alle, auch die Kirchen, sind in die Pflicht genommen, das ökologische Handeln verstärkt weiterzuführen.

Aber wir fangen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart nicht am Nullpunkt an. Ganz im Gegenteil: Wir können anknüpfen an viele Jahre intensiven Handelns im Interesse einer schöpfungsfreundlichen Kirche. Lokal antworten wir auf die globale ökologische Krise. Die Klima- und Nachhaltigkeits-Aktivitäten der Diözese Rottenburg-Stuttgart und die entsprechenden Investitionen sind beachtlich. Die Diözese praktiziert seit Jahren schöpfungsfreundliches Handeln. So haben wir das Thema Nachhaltigkeit und Umwelt schon seit 2003 als Zeichen der Zeit erkannt und unter dem Namen „Zum Wohle der Schöpfung handeln“ als pastorale Priorität festgesetzt. In diesem Zusammenhang haben wir die Sache und das Wort „schöpfungsfreundliche Kirche“ entwickelt.

„Schöpfungsfreundliche Kirche“ – inzwischen zum Markenzeichen unserer Diözese geworden – ist alles andere als nur ein schickes Label. Klimaschutz kann für Christen kein x-beliebiges Thema sein, es hat höchste Priorität. Die Bewahrung der Schöpfung ergibt sich als Auftrag aus den Grundlagen des christlichen Glaubens an Gott. Das Glaubensbekenntnis der Christen beginnt mit den Worten: „Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Wir können also nicht an Gott als den Schöpfer der Welt glauben und zugleich unsere Mitwelt, die Natur und ihre Schätze, die Umwelt, das Klima zugrunderichten.

Wir wollen weiter Impulse setzen und Vorbild sein. 2003 richtete der Diözesanrat den Ausschuss „Nachhaltige Entwicklung“ ein. 2007 starteten wir eine umfassende Klima-Initiative, die in Dekanaten und Kirchengemeinden, in Verbänden, Stiftungen und anderen Einrichtungen engagiert aufgegriffen wurde. Alle Jugend- und Tagungshäuser der Diözese halten sich – um nur ein Beispiel zu nennen - seit Herbst 2015 an ein Umweltmanagement-System mit hohen Standards. Erste Erfolge sind zu verzeichnen: die CO2-Emissionswerte sind nach dem Einbau von Pellets-Heizungen in unseren Häusern auf ein Zehntel (!) des vormaligen Emissionswertes gesunken. Unsere Erfahrungen haben wir auch mit der Weltkirche geteilt. Es gibt eine Vielzahl von weltkirchlichen Hilfsprojekten unserer Diözese, in denen ökologische und soziale Nachhaltigkeit Priorität haben.

Abschließend möchte ich die Nachhaltigkeitsbemühungen der Diözese noch mit einigen Zahlen belegen. Im Jahr 2007 hat der Diözesanrat die Einrichtung eines Nachhaltigkeitsfonds beschlossen und diesen mit über 12 Millionen Euro zur Förderung energieeffizienter Baumaßnahmen ausgestattet: je hälftig für die Kirchengemeinden und für Maßnahmen der Diözese. Dieser Fonds wurde seither jährlich weiter aufgestockt. Für den Bereich Kirchengemeinden ergab sich dadurch ein Gesamtzufluss von 17,5 Millionen Euro. Bis zum Jahresende 2014 haben die Kirchengemeinden gut 73 Millionen Euro für 476 entsprechende Maßnahmen aufgewandt; fast 13 Millionen wurden aus Nachhaltigkeitsfonds bewilligt. Rund 45 Prozent der Maßnahmen betrafen Einrichtungen der Kinderbetreuung. Aktuell gibt es 188 Standorte in der Diözese mit Photovoltaikanlagen, darunter 58 Kirchen.

Meine Damen und Herren, wir werden in unseren Nachhaltigkeitsbemühungen nicht nachlassen! Die Sorge für das Gemeinsame Haus, unseren blauten Planeten, unser einziges Haus zum Leben, treibt uns an. Um dem Abkommen von Paris Taten folgen zu lassen, setzt die Diözese 2016 auf die Weiterentwicklung ihres ökologischen Engagements zu einem integrierten Klimaschutzkonzept.

Klimaschutz und ökologisches, nachhaltiges Verhalten ist auch eine wirksame Strategie zur Bekämpfung von Ursachen für Flucht. Dazu möchte ich einen Abschnitt aus der Enzyklika Laudato Si' von Papst Franziskus zitieren, in dem der Zusammenhang von Armut, Hunger, Umweltzerstörung und Flucht aufgewiesen wird. Er schreibt: „Der Klimawandel ist ein globales Problem.  … Viele Arme leben in Gebieten, die besonders von Phänomenen heimgesucht werden, die mit der Erwärmung verbunden sind, und die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie … besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten. …  So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, … das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern. …  Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden…“, so Papst Franziskus.

Meine Damen und Herren, als schöpfungsfreundliche Kirche können wir mithelfen, die derzeitig großen Flüchtlingsströme zu beeinflussen, die durch die Zerstörung der Umwelt im Binnenbereich der Länder entstehen und über die Länder hinaus in wohlhabendere und mehr Lebensqualität ermöglichende Länder streben. Im Gemeinsamen Haus hängt alles zusammen.

Leben teilen, Gott begegnen - Martinsjahr im Martinsland

Bild: Martinusbild aus dem Diözesanmuseum

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 2016 feiern wir in der Diözese Rottenburg-Stuttgart das Martinsjahr. Unter dem Leitwort „Leben teilen – Gott begegnen“ werden wir an vielen Orten in besonderer Weise an unseren Diözesanpatron, den heiligen Martin von Tours, erinnern und den Geist, aus dem er lebte, uns vergegenwärtigen. Sein Bild steht vor uns. Ohne Frage war der Heilige Martin ein Christ von herausragendem diakonischem, Gott und den Menschen dienendem Profil. Als Martinsdiözese lassen wir uns von ihm inspirieren.

In vielen Teilen der Welt sind heute Christen in großer Bedrängnis. Sie leiden unter Verfolgung und Unterdrückung. Ähnlich erging es den Christen der ersten Jahrhunderte. Erst wenige Jahre vor der Geburt Martins  – vor 1.700 Jahren – brachte die konstantinische Zeitenwende im 4. Jahrhundert für Christen die staatliche Anerkennung und damit die erste Phase ohne Verfolgung und Unterdrückung. Die noch junge Kirche stand nun vor einer großen missionarischen Aufgabe. In diese Situation hinein wurde Martin geboren.  Mit seinem Leben und seinem Wirken hat er den Grundstein für ein missionarisches Handeln gelegt, in dem Glaube und Tat eng miteinander verbunden sind. Martin überbrückte die Distanz zum frierenden Bettler und trat so - zunächst wohl ganz unbewusst - in die Nähe zu Jesus Christus, den er in der bedürftigen und erbarmungswürdigen Gestalt des Bettlers erkennen durfte. Schon bald wurde die Szene der Mantelteilung zu einem realen Symbol für die barmherzige Liebe. Sein selbstloses Handeln lässt die gleiche Würde eines jeden Menschen sichtbar werden: die uns alle verbindende gottgegebene Menschenwürde.

In den darauffolgenden Jahrhunderten sahen die Christen in der selbstlosen Tat des heiligen Martins das Ideal des christlichen Lebens. Bis heute liefert er uns den Schlüssel zum Verständnis eines Lebens im Sinne Jesu Christi. Schon bald nach seinem Tod im Jahr 397 wurde Martin als Heiliger verehrt. Sein Ruf als wohltätiger und glaubwürdiger Nachfolger Christi verbreitete sich schnell in ganz Europa. Der Heilige Martin steht für ein Europa, das vom christlichen Geist durchdrungen wird. Martin fragt nicht nach der Herkunft des Notleidenden. Er hilft dem Armen, in dem sich ihm Christus selbst zeigt. Und er hilft zukünftig den Armen, Schwachen, Kranken und Notleidenden aller Art, weil er ab dem Ereignis vor den Toren Amiens in ihnen Christus selbst erkennt, ja in ihnen Christus begegnet.

Heute müssen wir bitter erfahren, dass ein Europa, das sich nicht auf gemeinsame Werte beruft, ein leeres Gerüst ist. Zieht jeder Staat nur sein eigenes Wohl als Maßstab heran, ist der europäische Gedanke zum Scheitern verurteilt. Deshalb hat schon Jaques Delors, von 1985 bis 1994 Präsident der Europäischen Union, eine Rückbindung zur christlichen Religion und ihrer eindeutigen Option für die Schwachen und gegen eine Gesellschaft des Egoismus gefordert.

Im Jahr 2005 hat der Europarat den Martinusweg, die „Via Sancti Martini“, in die Liste der europäischen Kulturwege aufgenommen und somit das Zeichen gesetzt: Martin ist ein Wegweiser für Europa. Ich denke, einen besonderen Symbolgehalt erhält die Begegnung mit dem Bettler gerade dadurch, dass sie auf der Straße stattfindet. Dieser Ort – die Straße – fordert in ganz eigener Weise heraus. Straßen, Wege, sind besondere Orte der Begegnung mit Menschen und auch mit Gott.

Besonders freut es mich deshalb, dass der Martinsweg, der den Geburtsort des Heiligen Martin in Ungarn mit seiner Grablege im französischen Tours verbindet, bei vielen Pilgern immer größeren Zuspruch findet. Allein auf dem Gebiet der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist das jetzt vorhandene Wegenetz insgesamt 1.200 Kilometer lang und verbindet die 80 Kirchen, die unter dem Patronat der heiligen Martin stehen. Der Pilgerweg verbindet auch besondere Orte und Einrichtungen der Barmherzigkeit zu den Armen und den Schwachen miteinander. Im Jubiläumsjahr im Oktober 2016 zusammen mit Erzbischof  Stephan Burger von Freiburg eröffnen wir die von unserer Diözese wesentlich initiierte und gestaltete Mittelroute des europäischen Martinsweges von Szombathely in Ungarn durch Österreich und Deutschland nach Tours in Frankreich.

Martin von Tours prägt und gestaltet auf vielfältige Weise die Pastoral der Martins-Diözese. Den Gläubigen und den kirchlichen Berufen, Diensten und Ämtern in unserer Ortskirche gibt er Orientierung und Weisung: Wendet euch den Schwachen und Bedrückten aller Art zu, sucht die Verlorenen, unterstützt die Unglücklichen. Allerorts finden sich deshalb Orte und Einrichtungen der Barmherzigkeit, Orte der leiblichen Werke der Barmherzigkeit.

Papst Franziskus hat für das Jahr 2016 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Das Martinsjahr verbindet sich gut mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. In der Stuttgarter Konkathedrale St. Eberhard habe ich am 3. Advent die Heilige Pforte der Barmherzigkeit geöffnet. Insgesamt 30 Klöster, Kirchengemeinden und andere Orte der Pastoral sind dem Aufruf des Papstes gefolgt und haben selbst Pforten der Barmherzigkeit geöffnet. Martin lebte und wirkte die leiblichen Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde und Obdachlose aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und die Toten würdig begraben. Wie aktuell sind doch diese Werke der Barmherzigkeit - eines besonders in diesen Tagen: Fremde und Obdachlose aufnehmen und sie beherbergen. All diese Taten gehören zur Praxis menschlich-christlicher Solidarität. Ihren speziellen Charakter erhalten sie aber durch das Jesus-Wort in der Weltgerichtsrede im Matthäusevangelium, das Jesus selbst den „Werken der Barmherzigkeit“ hinzufügt: „Das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,40) sagt er. Jesus selbst identifiziert sich mit denen, die der Barmherzigkeit bedürfen. In diesem Sinne wollen wir im Martinsjahr auf den Martins-Wegen pilgern und uns an signifikanten Orten die Werke der Barmherzigkeit vergegenwärtigen: In den Kleiderkammern und Tafelläden ebenso wie in Krankenhäusern, Altenheimen und Hospizen, in Obdachlosenunterkünften und in Flüchtlingsheimen.

Meine Damen und Herren, 2016 ist also Martinsjahr im Martinsland. Wir werden an zahlreichen Orten feiern mit einem bunten und auch musikalisch reichhaltigen Programm. Zwei große Wallfahrten führen zum Geburtsort von Martin nach Szombathely und zur Grablege des Heiligen nach Tours. Wer sich auf den Spuren des Martin bewegt und sich von ihm zum Handeln inspirieren lässt, macht das Martinsland im Martinsjahr lebendig. Alle, die sich in den Kirchengemeinden, Einrichtungen Verbänden, Vereinen  und Gruppen oder auch persönlich als Einzelne der Not ihrer Mitmenschen annehmen, formen das Gesicht einer wahrhaft zeitgenössischen, diakonischen Kirche, einer Kirche, die die Zeichen der Zeit erkennt und aus dem Geist des Evangeliums handelt.

Meine Damen und Herren, wir erleben derzeit in der Weltgesellschaft, im Gemeinsamen Haus, das uns beherbergt, so noch nie dagewesene krisenhafte Entwicklungen. Die großen Herausforderungen unserer Zeit hängen miteinander zusammen: Die Flüchtlingskrise, die ökologische Krise, die  Gewalt-Krise durch IS & Co, aber auch die Finanzkrise und die Krise der Europäischen Union. Alle diese Krisen entspringen im Letzten aus einer globalen Krise der Orientierung.

Die christliche Religion mit ihrer biblischen Rückbindung und dem ihr eigenen Gottes- und Menschenbild, gibt Orientierung, Motivation und Kraft. Sie ist Hoffnungszeichen und Hoffnungsmacht in der globalen Krise. Der Heilige Martin ist als „Ikone der Nächstenliebe“ selbst Hoffnungszeichen und Hoffnungsmacht - auch in seiner Einstellung zu Gewalt und Krieg. Nicht nur während des Martinsjahrs im Martinsland können wir von diesem ersten europäischen Heiligen lernen.

Meine Damen und Herren! Allen, die im Jahr 2015 durch ihr Engagement mitgewirkt haben an der Verkündigung des Evangeliums, der heilsamen Botschaft für alle, danke ich von Herzen. Ich freue mich mit ihnen zusammen, das Jahr 2016 zu gestalten.

So wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, Ihnen, liebe Damen und Herrn, die Sie gekommen sind, ein gesegnetes neues Jahr 2016. Mit einem besonderen Segenswunsch möchte ich abschließen: Gott möge Papst Franziskus segnen. Franziskus wünsche ich beste Gesundheit, Geistesgegenwart und Tatkraft, auf dass er noch lange seine Erneuerung der Kirche aus der Kraft des Heiligen Geistes weiterführen kann. Beten wir für ihn.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.

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