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Texte und Reden

Pressegespräch, 18. Juni 2015, 12.30 Uhr, Rottenburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist für mich eine große Freude, diese Enzyklika, Laudato si’, in Händen zu halten! Die klaren und wunderbaren Gedanken von Papst Franziskus berühren mich sehr – sein Anliegen ist auch mein und unser Anliegen in der Diözese: Unser Ziel ist es, das Verständnis für eine ganzheitliche Ökologie zu fördern. Der Gedankengang der Enzyklika Laudato si’ entwickelt sich um eben dieses Konzept einer ganzheitlichen Ökologie herum, die als Paradigma die grundlegenden Beziehungen des Menschen zusammenfasst: die Beziehung zu Gott, mit sich selbst, mit den anderen Menschen und mit der Schöpfung.

Schöpfungsfreundliche Kirche

So haben wir als Diözese das Thema Nachhaltigkeit und Umwelt schon lange als pastorale Priorität. Wir freuen uns daher über richtig kräftigen Rückenwind durch Papst Franziskus. Er stärkt die bereits vor acht Jahren in unserer Diözese begonnene Klima-Initiative. Was sie bisher bewirkt hat, dazu erfahren Sie gleich mehr.

„Schöpfungsfreundliche Kirche“ ist alles andere als nur ein Label, das wir uns anstecken, weil es sich in diesen Zeiten schickt, etwas für die Umwelt zu tun. Klimaschutz kann für Christen kein x-beliebiges Thema sein, es hat vielmehr höchste Priorität. Die Bewahrung der Schöpfung ergibt sich als Auftrag aus den Grundlagen des christlichen Glaubens an Gott, den Herrn des Himmels und der Erde. Das Glaubensbekenntnis der Christen beginnt mit den Worten: „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Wir können also nicht an Gott als den Schöpfer der Welt glauben und zugleich unsere Mitwelt, die Natur und ihre Schätze, die Umwelt, das Klima zugrunde richten. Papst Franziskus weist zu Recht darauf hin, dass die Zerstörung der Schöpfung Sünde ist.

Heiliger Franziskus als „Pate“ der Enzyklika

Papst Franziskus hat mit dem Titel Laudato si’ ein Zitat aus dem Sonnengesang des Heiligen Franziskus gewählt – „Gepriesen seist Du Herr“. Das erinnert an die Erde als gemeinsames Haus, das „wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt“ (1). „Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat“ (2)

Niemand hätte besser als Franz von Assisi „Pate“ dieser Enzyklika sein können: Er hat nicht nur einen liebenden Blick für die Schöpfung, sondern immer auch einen für die Armen und Schwachen. Papst Franziskus formuliert es mit folgenden Worten: „An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind“ (10).

Daher ist diese Enzyklika keineswegs, wie von manchen erwartet, auf umweltpolitische Aspekte beschränkt. Laudato si’ fragt im Kern danach, welche Welt wir denen hinterlassen wollen, die nach uns kommen und die gerade aufwachsen. Diese Frage führt unweigerlich zu den Fragen nach dem Sinn unserer Existenz und unserer Werte: „Wozu gehen wir durch diese Welt, wozu sind wir in dieses Leben gekommen, wozu arbeiten wir und mühen uns ab, wozu braucht uns diese Erde?“ (160) Wenn wir uns diesen tiefer gehenden Fragen nicht stellen, so mahnt der Papst, wird die Sorge um die Umwelt keine wirksamen Ergebnisse hervorbringen. Wir Menschen stehen nicht über der Schöpfung, wir sind ein Teil von ihr.

Die Frage nach der Umwelt ist also letztlich eine Frage nach dem Menschsein. Diese Frage muss sich jeder auf dieser Welt stellen – daher richtet der Papst seine Enzyklika dieses Mal an jeden Einzelnen. Wir brauchen eine gelebte Nachhaltigkeitskultur. Zwischen den sozialen und den Umweltfragen besteht ein enger Zusammenhang. (Armut, Hunger, Klima-Wandel, Flüchtlingsströme…) Dabei tragen die Länder in den westlichen Industrieländern besondere Verantwortung. Die Menschen dort müssen ihren Lebensstil überdenken und ändern. Eine Haltung der Buße und der Umkehr tut uns und der gesamten Schöpfung gut.

Klima-Initiative und aktuelle Nachhaltigkeits-Projekte in der Diözese

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart müht sich auf vielen Ebenen seit Jahren um schöpfungsfreundliches Handeln. Sie tut das nicht, um in der Öffentlichkeit gut auszusehen, sondern aus tiefer Glaubensüberzeugung. Wir wollen Impulse und in gewisser Weise Vorbilder geben, wohl wissend, dass wir immer wieder an Grenzen stoßen. Bereits 2002 habe ich das Dach des Rottenburger Bischofshauses mit Fotovoltaik zur klimaneutralen Energiegewinnung ausstatten lassen, 2003 richtete der Diözesanrat erstmalig den Ausschuss „Nachhaltige Entwick- lung“ ein. 2007 starteten wir eine umfassende Klima-Initiative, die in Dekanaten und Kirchengemeinden, in Verbänden und Einrichtungen engagiert aufgegriffen wurde.

Unsere Erfahrungen haben wir auch mit der Weltkirche geteilt. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsprojekten, in denen die ökologische und soziale Nachhaltigkeit Priorität hat. So fördert die Diözese Rottenburg-Stuttgart in Indien das Nachhaltigkeitszentrum Mithradam, das vollkommen klimaneutral wirtschaftet und auf dem Subkontinent als Vorzeigeprojekt gilt. Vor fünf Jahren durfte ich in Indien vor Bischöfen und Fachleuten über die Beiträge unserer Diözese zum Umweltschutz sprechen. Ganz aktuell und bundesweit einzigartig: In diesem Herbst werden alle Jugend- und Tagungshäuser sowie die beiden Hotels der Diözese nach EMAS („Eco-Management and Audit Scheme“) zertifiziert sein. Dann halten sich alle diese als kirchliche Eigenbetriebe geführten Häuser an ein Umweltmanagement-System mit hohen Standards. Erste Erfolge sind jetzt schon zu verzeichnen: Beispielsweise sind die CO2-Emissionswerte nach dem Einbau von Pellet-Heizungen in unseren Jugend- und Tagungshäusern in Cleebronn, Rot an der Rot und Leutkirch auf ein Zehntel des vormaligen Emissionswertes gesunken.

Abschließend möchte ich die Nachhaltigkeitsbemühungen der Diözese noch mit einigen Zahlen belegen:

Im Jahr 2007 hat der Diözesanrat die Einrichtung eines Nachhaltigkeitsfonds beschlossen und diesen mit über 12 Millionen Euro zur Förderung energieeffizienter Baumaßnahmen ausgestattet (6 Millionen für die Kirchengemeinden, 6 Millionen für Maßnahmen der Diözese). Dieser Fonds wurde seither jährlich weiter aufgestockt. Für den Bereich Kirchengemeinden ergab sich dadurch ein Gesamtzufluss von 17,5 Millionen Euro.

Bis zum Jahr 2014 haben die Kirchengemeinden gut 73 Millionen Euro für 476 entsprechende Maßnahmen (Reduzierung Energieverbrauch, regenerative Energiequellen, energetische Untersuchung von Kirchenheizungen, Kleinmaß- nahmen bei Sakralgebäuden und Denkmälern) aufgewandt; fast 13 Mio. Euro wurden aus Nachhaltigkeitsfonds bewilligt. Rund 45 % der Maßnahmen betrafen Kinderbetreuungseinrichtungen.

Aktuell gibt es 188 Standorte in der Diözese mit Fotovoltaikanlagen, darunter 58 Kirchen. In 9 kirchlichen Gebäuden sind derzeit 22 Pellet- Heizungsanlagen eingebaut.

Ich kann Ihnen zusichern, dass wir in unseren Nachhaltigkeitsbemühungen nicht nachlassen werden! Die Sorge für das gemeinsame Haus, unser einziges Haus, sie treibt uns an.

 

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