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Texte und Reden

Stuttgart, Stella Maris

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zum zweiten Mal darf ich heute gemeinsam mit der Schirmherrin, Frau Ministerin Tanja Gönner, den Franziskus-Preis, den Nachhaltigkeitspreis der Diözese Rottenburg-Stuttgart verleihen.
Sie werden verstehen, dass diese Feier für mich wirklich ein Fest ist. Denn sie macht deutlich, dass unsere Kirche insgesamt und unsere Ortskirche, die Diözese Rottenburg-Stuttgart, nicht nur ein Ort von Krisen und Problemen und Gegenstand öffentlicher Kritik ist, sondern eine Gemeinschaft gelebten Glaubens und praktizierter Verantwortung. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

Was macht uns als Kirche heute glaubwürdig? Es ist die Besinnung auf den Kern unseres Auftrags, eine diakonische und eine missionarische Kirche zu sein. Damit meine in einem umfassenden Sinn die Diakonie, den engagierten Dienst an menschenwürdigen Lebensbedingungen, am solidarischen Miteinander aller in unserem Gemeinwesen und in der Menschheitsfamilie und an einer lebenswerten Zukunft unserer Kinder- und Kindeskinder. Dadurch sind wir im ursprünglichen Sinn des Wortes missionarisch, d. h. überzeugend, beispielgebend, ansteckend.

Ich habe vor zehn Jahren als Leitwort für meinen Dienst als Bischof das Wort aus dem Glaubensbekenntnis der Kirche gewählt: "Um unseres Heiles willen". Der ganze Satz lautet: "Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen." Es ist meine tiefe Überzeugung, dass sich das Heil, die Rettung, der Schalom in einem umfassenden Verständnis, die uns in Jesus Christus geschenkt sind, nicht nur auf uns Menschen und den Sinn unseres menschlichen Lebens beziehen. Vielmehr gilt dies der ganzen vielfach bedrohten und geschändeten und doch so wunderbaren Schöpfung, deren Teil wir sind. Uns ist heute der Blick dafür geweitet worden, dass Gottes Liebe sich in Jesus Christus in unser Menschsein, in die Schöpfung, in den Kosmos hinein inkarniert hat und die gesamte Kreatur, die heute nach einem Wort des Apostels Paulus seufzt und in Wehen liegt, in ein universales Erlösungsgeschehen hinein genommen hat.

Wir müssen Christus so groß denken wie den Kosmos, hat der französische Theologe, Philosoph und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin betont. Und er war durchdrungen von dem Glauben, dass Christus in allem Geschaffenen aufscheint.

Wenn wir dies glauben, dann wird deutlich, dass die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung nicht nur ein Ausdruck ökologischer, wirtschaftlicher, sozialer Verantwortung ist – dies alles auch! -, sondern dass sie im Letzten eine Form der Anbetung von Gottes schöpferischer und rettender Liebe ist. Sie ist als Caritas in einem sehr weiten und umfassenden Sinn dankbare Antwort auf die Caritas Christi.

Das ist die Botschaft, die wir als Christen den Menschen schuldig sind angesichts eines anscheinend allmächtigen Diktats des Verfügens, Verzweckens, Ausnutzens und Ausbeutens. Und ich bin überzeugt, dass ungezählte Menschen diese Botschaft von uns erwarten und sich davon anstecken lassen.

Das ist der Horizont, vor dem ich die vielfältigen Bemühungen um nachhaltiges Handeln, die aktive Sorge um die Bewahrung der Schöpfung sehe und würdige. Sie findet statt in unseren Kirchengemeinden, in Bildungsmaßnahmen, in karitativen und pastoralen Aktivitäten und Einrichtungen, in den Initiativen kleiner Gruppen und einzelner Personen, nicht zuletzt auch in unseren Ordensgemeinschaften. Nicht immer ist natürlich der umfassende theologische Begründungszusammenhang im Bewusstsein, wenn es um die Umsetzung von Technologien, um wirtschaftliche Investitionen, um die Suche nach kreativen Wegen integrierten nachhaltigen Handelns geht. Da sind Fachkompetenz und unternehmerische Lust gefragt, da müssen Beteiligungsprozesse organisiert und Behördenvorgaben umgesetzt werden. Aber letztlich sehe ich in dem allem eine tiefe Glaubensmotivation am Werk – ausdrücklich oder unausdrücklich -, ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber einem unbedingten Anspruch, der sich nicht in rationalen Begründungen erschöpft, so sehr er unsere Vernunft beansprucht. Ich spreche von einer Vernunft, die nicht rationalistisch ist, schon gar nicht zweckrationalistisch, sondern die sich ableitet von der Bereitschaft zu vernehmen – Vernehmen einer Botschaft, die von Liebe spricht, von einem Gott, der um unseres Heiles willen Mensch geworden ist und sich mit dem Gewand der Schöpfung gekleidet hat. Diese Botschaft verlangt unsere Antwort.

Ich bin übrigens auch überzeugt, dass nur eine solch tiefe Glaubensmotivation uns letztlich davor bewahrt, angesichts vieler Hürden, Hindernisse, Rückschläge, bürokratischer und sonstiger Widerstände und verbreiteter Gleichgültigkeit zu resignieren. Dies gibt uns auch die Zuversicht, angesichts erschreckender und unverständlicher Zögerlichkeit in Sachen Klimaschutz auf der nationalen und  internationalen politischen Ebene auf die Kraft kleinerer und größerer lokaler Anstrengungen zu setzen. Verba docent – exempla trahunt: Worte belehren, Beispiele reißen mit und stecken an. Sie kennen diese Sentenz. Das gilt für die Bewahrung der Schöpfung und die Bemühungen um nachhaltiges Handeln. Das gilt für auch vieles andere, worum wir tagtäglich ringen müssen.

Ich bin begeistert und dankbar, wenn ich sehe, auf welch hohem Niveau sich auch bei dieser zweiten Bewerbungsrunde zum Franziskus-Preis die eingereichten Projekte und Initiativen bewegen. Sie machen deutlich, dass die von mir im Jahr 2007 ins Leben gerufene Klima-Initiative in unserer Diözese eine enorme Kreativität freigesetzt hat und ermutigt, die das Anliegen der Nachhaltigkeit in einer Vielfalt ökologischer, pastoraler, wirtschaftlicher, sozialer und nicht zuletzt kultureller Aspekte durchbuchstabiert und ausdifferenziert. Dabei stellt das hier Präsentierte ja nur einen Teil – wenngleich einen hervorragend qualifizierten Teil – dessen dar, was landauf, landab in der Diözese geschieht. Das verdient höchste Anerkennung, und ich will auch diejenigen ausdrücklich ermuntern, sich künftig um den Franziskus-Preis zu bewerben, die dies bislang nicht getan haben. Vielleicht denken sie zu bescheiden über ihre eigenen Leistungen.

Vielen habe ich herzlich zu danken.

Ich denke dabei besonders an Sie, verehrte Frau Ministerin Gönner, die Sie zum zweiten Mal die Schirmherrschaft über den Franziskus-Preis übernommen haben.

Ich danke herzlich der Jury für die sicher nicht einfache Aufgabe, die Bewerbungen zu sichten und eine Entscheidung zu treffen: dem Jury-Vorsitzenden, Herrn Landtagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden Winfried Kretschmann, Herrn Professor Arno Lederer, Frau Agnes Michenfelder, Herrn Professor Dr. Günther Sabow, Herrn Professor Dr. Markus Vogt, Herrn William Vorsatz, Herrn Dr. Johannes Warmbrunn und Frau Professorin Sophie Wolfrum.

Ich bin dem Strategieentwicklungsteam der Klima-Initiative unter dem Vorsitz von Herrn Ordinariatsrat Dr. Joachim Drumm für seine kontinuierliche und erfolgreiche Arbeit sehr dankbar.

Ich danke Frau Architektin Anna Blaschke sehr für die gelungene Aufbereitung der Präsentation der eingereichten Projekte.

Ich höre gerne das Spiel von Frau Petra Kruse an der Harfe und von Frau Imma Deininger, der Flötistin, und freue mich sehr auf die weitere musikalische Gestaltung dieser Feier.

Ich danke herzlich allen, die für die organisatorische Vorbereitung dieser Preisverleihung Sorge getragen haben.

Und zuerst und zuletzt danke ich Ihnen allen, die Sie mit Ihren Bewerbungen zum Ausdruck bringen, dass Ihnen die Bewahrung der Schöpfung ein Herzensanliegen ist.

Ich wünsche Ihnen allen noch frohe Stunden in diesem Haus.

+ Bischof Fürst

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