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Texte und Reden

Stuttgarter Zeitung: Herr Bischof Fürst, die Digitalisierung verändert zunehmend Alltag und Arbeitswelt – sieht die Kirche darin eher einen Fluch oder einen Segen?

Fürst: Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft damit umgeht. Von einem Fluch würde ich schon deshalb nicht sprechen, weil die Digitalisierung dann als etwas Unabänderliches erschiene, das quasi über die Menschheit hereinbricht und von dieser nicht zu beeinflussen ist. Ich rede daher von einem Prozess, der starke negative Auswirkungen haben kann, wenn wir nicht kompetent, handlungsmutig und aufmerksam die Entwicklung in die richtigen Bahnen lenken.

Stuttgarter Zeitung: Welche Gefahren sehen Sie?

Fürst: Die Digitalisierung durchdringt alle Bereiche unseres Lebens von Wirtschaft bis Politik, Kultur, Familie und Freizeit. Eine ungehemmte Entwicklung könnte  dazu führen, dass die Algorithmen herrschen und letztlich alles bestimmen. Der Mensch verlöre seine Freiheit und seine Würde. Seine Urteilsfähigkeit wäre beschädigt. Das wäre eine Katastrophe, ein zivilisatorisches Desaster. Politik und Wirtschaft sind sich aber einig, dass Deutschland nicht bremsen, sondern bei der Digitalisierung Gas geben muss. In diese Richtung zielt zum Beispiel die Digitalisierungsinitiative der Landesregierung. Natürlich ist es wichtig, dass Europa, Deutschland und Baden- Württemberg nicht den Anschluss verlieren. Wir sind ein rohstoffarmes Land. Unsere größten Ressourcen sind unser Know How und unser Erfindungsgeist sowie die Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen. Dennoch braucht es Regeln. Man muss genau Chancen und Risiken gegeneinander abwägen. Ich empfinde es als sehr arrogant, wenn die Wirtschaft oder die Unternehmen Leuten Fortschrittsfeindlichkeit vorwerfen, weil diese Fragen haben und Bedenken vorbringen. Solche Manager müssen aufpassen, dass sie bei der Digitalisierung nicht am Ende gewissermaßen Opfer ihrer eigenen Kinder werden.

Stuttgarter Zeitung: Wie meinen Sie das?

Fürst: Die durchdigitalisierte Wirtschaft braucht zum Beispiel zur Abwicklung des Börsengeschehens keine Menschen mehr, und das Management eines durchdigitalisierten Unternehmens könnte von einem Großalgorithmus übernommen werden.

Stuttgarter Zeitung: Welche Fehlentwicklungen beklagen Sie konkret?

Fürst: Ich halte es zum Beispiel für höchst problematisch, wie Informationen, die Suchmaschinen liefern, gesteuert, selektiert und in die verschiedenen Kanäle verteilt werden. Steht die Verlässlichkeit der Kommunikation infrage, sind der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Außerdem sind wir durch Big Data auf dem Weg zum gläsernen Konsumenten, ja zum gläsernen Menschen. Selbst die intimsten Daten sind bald zentral speicher- und abrufbar. Dann wissen die Serverbetreiber, wie lange ich mich wo aufhalte, wohin ich fahre, was ich esse, trinke und im Fernsehen anschaue oder wie warm das Wasser in meiner Badewanne ist. Diese Datensammelei könnte zur totalen Überwachung und Kontrolle des Menschen führen. Deshalb müssen wir alle Hebel in Bewegung setzen, dass jeder selbst über seine Daten verfügen und Freigaben erteilen oder ablehnen kann.

Stuttgarter Zeitung: Von den Risiken der Digitalisierung erzählen Sie viel. Was ist mit den Chancen?

Fürst: Es hat in der Arbeitswelt immer wieder Technologiesprünge gegeben. Oft haben diese Schübe zu Entlastungen und Erleichterungen geführt und sogar Freiheitspotenziale für den Menschen erschlossen. Teilweise geschieht dies auch durch die Digitalisierung.

Stuttgarter Zeitung: Durch künstliche Intelligenz könnten Maschinen auch Jobs von höher Qualifizierten wie Bankberatern, Journalisten oder Anwälten übernehmen. Wie soll die Gesellschaft darauf reagieren?

Fürst: Wenn es so kommt, dann läuft dies auf eine Entmenschlichung unserer Kultur hinaus. In so sensiblen Bereichen, wie Sie sie aufzählen, darf die Verantwortung nicht an Maschinen und letztlich damit wiederum an anonyme Algorithmen übertragen werden. Es müssen Personen dafür gerade stehen, wie jemand bei weitreichenden Entscheidungen beraten wird oder welche Informationen in Medientexten weitergegeben werden.

Stuttgarter Zeitung: Sollen weitere Jobs für Roboter tabu sein?

Fürst: In Japan haben die Menschen ja offenbar keine Bedenken gegenüber Pflegerobotern. Ich meine aber, dass Pflege auf die Begegnung von Person zu Person ebenso wenig verzichten kann wie die medizinische Therapie. Diese ist undenkbar ohne das Gespräch mit einem Arzt, der einem menschenzugewandten Ethos verpflichtet ist. Ansonsten weiß niemand, was alles noch möglich wird. Uns bleibt nur, die Entwicklung zu gestalten. Dabei sind die wesentlichen Orientierungspunkte: die Würde des Menschen, seine Unverfügbarkeit und die Achtung seiner Privatsphäre. Die Personalität und die Gemeinschaftsfähigkeit des Menschen dürfen nicht zerstört werden.

Stuttgarter Zeitung: Die Digitalisierung macht es leichter, Arbeitszeiten flexibler und damit selbstbestimmter zu gestalten. Anderseits fällt die Grenzziehung zum Privatleben schwerer.

Fürst: Ich sehe diese Entwicklung skeptisch. Der soziale Austausch, dass kooperative Miteinander der Beschäftigten leidet, wenn die Arbeit zum Beispiel zuhause am Computer erledigt wird. Das führt tendenziell zu Vereinzelung und Selbstausbeutung, getarnt durch Selbstverwirklichung.

Stuttgarter Zeitung: Das heißt, Sie verteidigen das geltende Arbeitszeitgesetz?

Fürst: Soweit gehe ich nicht. Natürlich wird es Anpassungen der alten Vorschriften geben, aber dies muss maßvoll geschehen. Dabei sind die Gefährdungen im Blick zu halten, und die Trennung von Arbeit und Privatleben muss bleiben.

Stuttgarter Zeitung: In Roboterautos, aber auch in anderen Bereichen werden intelligente Maschinen ethische Entscheidungen treffen müssen. Wie beteiligt sich die Kirche an der Entwicklung von Kriterien dafür?

Fürst: Wir werden uns daran mit möglichst viel Sachkompetenz und Engagement beteiligen. Letztlich dürfen Maschinen nicht Entscheidungen über Leben und Tod fällen.

Stuttgarter Zeitung: Sollte die Kirche Beratungen zum Umgang mit Digitalisierung anbieten?

Fürst: Bisher gibt es so etwas nicht. Doch das ist eine gute Idee. Dies werden wir uns überlegen.

Das Gespräch führte Michael Trauthig.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung.

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