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Texte und Reden

Stuttgart, Stella Maris

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Gäste!

In zwei Tagen, am 23. September 2014, beginnt in New York ein Sondergipfel zum Klimawandel, den UN-Generalsekretär Ban-Ki-Moon bereits vor einem Jahr angekündigt hatte. Zu dem Gipfel sind Verantwortliche aus Regierungen, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft eingeladen, um sich gemeinsam und mit konkreten Aktionen für eine CO2-ärmere Welt zu engagieren. Der bevorstehende Gipfel soll den Weg zu einem neuen internationalen Klima-Vertragswerk ebnen, das dann im kommenden Jahr auf der UN-Klimakonferenz in Paris verabschiedet werden soll. Für solche konkrete Beschlüsse ist es höchste Zeit, wenn man die neuesten alarmierenden Zahlen der UN-Weltorganisation für Meteorologie WMO ernst nimmt.

Erst vor wenigen Tagen war in der Presse zu lesen, wie alarmierend hoch der CO2-Gehalt in der Atmosphäre trotz aller Warnungen ist – so hoch, wie noch nie! Um den Menschen und die gesamte Schöpfung zu schützen, ist schnellstens ein Umdenken vom Gesetzgeber, aber auch von uns allen gefordert. Denn, dass schnelles, entschiedenes Handeln unmittelbar Konsequenzen für die Verbesserung des Weltklimas hat, zeigen ebenfalls die aktuellen Werte. So hat die Verminderung ozonschädigender Chemikalien – wie FCKW – dazu geführt, dass die Ozonschicht doch nicht so löchrig ist, wie vor einigen Jahren prognostiziert. Wir wissen auch, dass ein Scheitern der internationalen Anstrengungen, den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, mittel- und langfristig zu katastrophalen Konsequenzen führen wird. Wenn wir weiter so rücksichtslos handeln wie bisher, drohen von Menschen bewohnte Regionen überflutet zu werden. Lebensgrundlagen werden zerstört, Meere kippen um und das Leben im Wasser stirbt.

Dennoch: In den letzten Jahren wurde einiges geleistet, um den Schutz der natürlichen Umwelt, der Schöpfung Gottes zu verbessern. So ist der Ausstieg aus der im Krisenfall nicht beherrschbaren Kernenergie in Deutschland bereits beschlossene Sache und daran sollte in jedem Fall festgehalten werden. Und darüber hinaus besteht in der Bundespolitik Konsens zur „Energiewende“. Auch sind die Nachhaltigkeitsstrategie und das Klimaschutzgesetz für Baden-Württemberg Initiativen, die wir sehr begrüßen und unterstützen.

Christliche Verantwortung für die Schöpfung

„Bewahrung der Schöpfung“, meine sehr geehrten Damen und Herren, ist auch für die Kirche keine Leerformel. „Bewahrung der Schöpfung“ ist in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – neben der Gerechtigkeit und dem Frieden – fester Bestandteil des kirchlichen Vokabulars geworden.

Schöpfung ist nicht einfach identisch mit der natürlichen Umwelt. Denn Schöpfung bedeutet, dass Natur nicht einfach für uns verfügbar ist, sondern dass sie einen göttlichen Ursprung hat und ein Geschenk aus Gottes Fülle und Liebe ist. Die biblischen Schöpfungserzählungen sind nichts weniger, als ein Plädoyer für die Freiheit des Menschen. Den „ersten Freigelassenen der Schöpfung“ nennt der Philosoph Johann Gottfried Herder den Menschen. Aus dieser Freiheit erwächst für den Menschen allerdings ein Auftrag: „Macht euch die Erde untertan“ heißt es im ersten biblischen Schöpfungsbericht. (Gen 1,28) Und in diesem Zusammenhang möchte ich einen anderen Aspekt der biblischen Schöpfungserzählungen heranziehen. Im zweiten Schöpfungsbericht des Buches Genesis heißt es: „Gott, der Herr nahm (…) den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ (Gen 2,15) Der Mensch ist nicht Gestalter der Schöpfung. Er ist ihr Hüter und Bewahrer. Er hat einen Grundauftrag; und er hat auch einen Auftraggeber, dem er Verantwortung schuldet. Der Mensch ist nicht „Shareholder“ der Schöpfung, sondern „Treuhänder“, „Gärtner“, und in der Verantwortung einer höheren Instanz. Diese Instanz ist Gott – der Schöpfergott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Jesu Christi.

Zum nachhaltigen Handeln sind wir als Christen deshalb besonders angefragt. Wir sind herausgefordert, unseren eigenen Lebensstil zu überdenken und zu prüfen, auf welche Weise Privathaushalte und Institutionen zur Reduzierung des Energieverbrauchs und zur Verringerung des CO2-Ausstoßes beitragen können. Denn für Christen ist es eine zentrale Frage der Glaubwürdigkeit, wie weit wir unseren Glauben an den Schöpfergott und unsere Dankbarkeit für die Schöpfung in konkretes umweltgerechtes Verhalten umsetzen.

Nichts weniger steht auf dem Spiel, als eine Zukunft, in der auch künftig ein Leben in Frieden und in Menschenwürde möglich ist. Denn die Verhaltensmuster, nach denen der Mensch die Umwelt behandelt, beeinflussen die Verhaltensmuster, nach denen er sich selbst behandelt, und umgekehrt.[1] Nie zuvor war die Natur so stark in die sozialen und kulturellen Abläufe integriert. Was ich damit meine, möchte ich an folgenden Konkretionen verdeutlichen: Die fortschreitende Wüstenbildung und die Verelendung mancher Agrargebiete ist auch Ergebnis der Verarmung der dort wohnenden Bevölkerungen. Durch gezielte und nachhaltige Unterstützung jener Bevölkerungen schützt man auch die Natur. Und wie viele natürliche Ressourcen werden durch Kriege zerstört! Und auch anders herum: Wie viele Konflikte werden gerade wegen der lebensnotwendigen Ressourcen geführt? Ein friedliches Einvernehmen über die Nutzung der Ressourcen kann die Natur und zugleich das Wohlergehen der betroffenen Gesellschaften schützen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die Kirche hat eine Verantwortung für die Schöpfung und muss diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen! Darum betrachte ich es als konsequenten Ausdruck meiner Verantwortung als Bischof, dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart bereits im Jahr 2003 ein Handlungsziel ihrer pastoralen Prioritäten in diesem Verantwortungsbewusstsein für die Schöpfung formuliert hat. Es trägt die Überschrift: „Nachhaltiges Handeln im persönlichen Lebensbereich sowie in Kirche und Gesellschaft.“ An Konkretisierungen dieser Selbstverpflichtung auf das Prinzip Nachhaltigkeit wird darin explizit genannt

  1. den Verbrauch von Energien und natürlichen Ressourcen reduzieren,
  2. die Erzeugung und Nutzung regenerativer Energien fördern
  3. ,nachhaltige Landwirtschaft und Erzeugung gesunder Lebensmittel einfordern,
  4. die Teilnahme von Gemeinden und kirchlichen Vereinigungen am Programm „Kirchliches Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement“.

Bereits im Jahr 2002 habe ich mit der Installation einer Photovoltaikanlage auf meinem Rottenburger Bischofshaus bewusst ein initiales Zeichen gesetzt. Täglich erzeugt „meine“ Photovoltaikanlage 42,5 kW/h „sauberen Strom“ – ein kleiner Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung, aber ein wichtiges Signal.

Die Klima-Initiative
Seit sieben Jahren ist die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit einer sogenannten Klima-Initiative auf dem Weg zu einer schöpfungsfreundlichen Kirche. Mit der Klima-Initiative hat unsere Diözese eine umfassende, integrierte und interdisziplinäre Strategie entwickelt. Das Gesamtkonzept umfasst sämtliche innovative und intelligente Konzepte der Energienutzung und Energieerzeugung, sowie die Motivierung und Schulung zu energiebewusstem Verhalten, die geförderte Nutzung regenerativer Energien und eine nachhaltige Mobilitätsgestaltung.
Über einen  15,6 Mio. Euro umfassenden Nachhaltigkeitsfonds stellt die Diözese beträchtliche Finanzmittel für Investitionen in Klimaschutz und Energieeffizienmaßnahmen bei diözesanen Immobilien und in den Kirchengemeinden bereit. Als herausragendes und gelungenes Beispiel der Gebäudesanierung möchte ich an dieser Stelle unser Ordinariatsgebäude in Rottenburg erwähnen, das im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Das neue Ordinariat ist mit einer modernen Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung ausgestattet, die im Vergleich zu herkömmlichen Heizungen und Klimaanlagen pro Jahr 490 Tonnen weniger Kohlendioxid ausstößt. Zudem verfügt der Gebäudekomplex über Brauchwasserzisternen. Vorhandenes Baumaterial wurde wiederverwendet. Auch die Dämm- und Leuchtmittel entsprechen den effizientesten energetischen Standards.
Viele unserer kirchlichen Einrichtungen beteiligen sich am Umweltaudit. In Kürze werden alle kirchlichen Tagungshäuser, neben vielen weiteren Einrichtungen[2] und Kirchengemeinden nach der europäischen EMAS-Norm zertifiziert sein. Des weiteren wird die Diözese ihr Engagement für einen effizienten und klimafreundlichen Einsatz von Energie in den Kirchengemeinden verstärken und bietet den Gemeinden den Einstieg in ein Energiemanagement an.
In wenigen Wochen werden wir wieder den Franziskus-Preis verleihen, mit diesem mit 10.000 Euro dotierten Preis zeichnen wir seit 2008 alle zwei Jahre besonders vorbildliche Projekte und Initiativen aus.
Dass unser Engagement für die Schöpfung nicht an den Grenzen unserer Diözese Halt macht, zeigt unser Engagement im Rahmen unserer weltkirchlichen Arbeit. So ist – um ein Beispiel zu nennen – die Hauptabteilung Weltkirche des Bischöflichen Ordinariats am Auf- und Ausbau des Erneuerbare-Energien-Zentrums „Mithradam“ im südindischen Bundesstaat Kerala beteiligt – einer der ersten Institutionen dieser Art in Indien, die ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben wird. Nach wie vor besitzt Mithradam eine weitreichende Vorbildfunktion für die gesamte Region. Ich selbst hatte die Gelegenheit, im Rahmen meiner Pastoralreise nach Südindien im Jahr 2010, das Projekt persönlich zu besuchen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

soeben habe ich aufgezeigt, warum uns als Kirche, als Christen in dieser Welt, der verantwortliche Umgang mit der Schöpfung so sehr am Herzen liegt. Wir sind von Gott in die Verantwortung genommen und lassen uns gerne in die Verantwortung nehmen. Verantwortung, das bedeutet Antwort. Antwort auf ein wunderbares Geschenk – die Schöpfung. Antwort bedeutet aber auch Dank! Ein dankbarer Umgang mit der Schöpfung und ihrer Lebensfülle ist sowohl eine Frage des Glaubens, als auch des vernünftigen Denkens. Ich habe als Bischof den Wahlspruch „Propter nostram salutem – um unseres Heiles willen“ gewählt. Heute erkennen wir immer deutlicher, dass um unseres Heiles willen auch heißt: Handeln zum Wohl für die ganze bedrohte Schöpfung. Dies sichtbar zu machen, dafür sind wir als Christen und als Verantwortungsträgerinnen in Kirche, Gesellschaft und Politik in besonderer Weise verantwortlich!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Anmerkungen

[1] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in Veritate, 2009, Art. 51.

[2] Priesterseminar, Bisch. Jugendamt, Einrichtung des DiCV.

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