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Texte und Reden

Das Internet-Zeitalter ist auch eine besondere Herausforderung für die katholische Kirche, der im Rahmen ihrer religiösen und gesellschaftlichen Arbeit die Vermittlung von Medienkompetenz und Medienethik seit jeher ein besonderes Anliegen ist. Insbesondere die durch soziale Netzwerke entfachte Dynamik des Wandels gesellschaftlicher Kommunikation erfordert hier ein neues Denken und neue Strategien. Was dies für das Engagement der katholischen Kirche und ihre mediale Präsenz in der Gesellschaft bedeutet, dazu äußert sich im folgenden FK-Interview Bischof Gebhard Fürst, 63. Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, ist seit 2007 Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und damit Medienbischof der katholischen Kirche. Die Fragen an Bischof Fürst stellten Dieter Anschlag und Volker Nünning.

FK: Herr Bischof Fürst, immer mehr Menschen und insbesondere jüngere sind in Deutschland in sozialen Netzwerken aktiv, vor allem bei Facebook. Hierzulande hat es der Marktführer der Social-Media-Angebote innerhalb weniger Jahre auf über 20 Millionen aktive Nutzer gebracht, das heißt, rund ein Viertel der Deutschen ist dort Mitglied. Was ist nach Ihrer Einschätzung die Erklärung dafür, dass Facebook so schnell so populär geworden ist?

Fürst: Zunächst einmal liegt das wohl daran, dass soziale Netzwerke wie Facebook ganz von selbst dazu tendieren, eine Monopolstellung einzunehmen. Denn nur wenn möglichst viele Menschen eine Plattform nutzen, erfüllt diese das Bedürfnis der Menschen, mit anderen in Kontakt zu treten und übereinander auf dem Laufenden zu bleiben. Zwei oder gar mehr in sich geschlossene soziale Netzwerke nebeneinander funktionieren einfach vom Prinzip her nicht. Mit dem Hinweis auf das Bedürfnis ist aber der Punkt angesprochen, warum überhaupt soziale Netzwerke attraktiv sind: Menschen eignen sich neue Kommunikationsmöglichkeiten nicht einfach nur aus Langeweile an. Der Mensch hat ein Bedürfnis, mit anderen in Kontakt zu treten, und schätzt die Beziehungen zu anderen. Ja, der Mensch kommt nur in Beziehung mit anderen zu sich selbst. Wir bekommen eine Ahnung von dieser Beziehungsfähigkeit und Beziehungsbedürftigkeit des Menschen, wenn wir das Verhältnis von Jesus Christus zu Gott seinem Vater betrachten und die gemeinschaftsstiftende Hinwendung Gottes zu den Menschen sehen. Die Bibel erzählt uns davon an vielen Stellen, und das gehört zur Erfahrungswirklichkeit der Kirche. Das christliche Verständnis des Menschen als Person macht gerade dieses deutlich: Der Mensch ist in Beziehung zu anderen und zu Gott er selbst. Warum aber gerade Facebook so einen Erfolgt hat, liegt nicht zuletzt in dem ökonomischen Geschick derjenigen, die dieses Unternehmen führen. Das Phänomen der zweiseitigen Märkte, hier die Nutzer, die ihre Inhalte einstellen und miteinander teilen, auf der anderen Seite ein gigantischer Werbemarkt – das ist eine wirtschaftliche Innovation mit großem Erfolg.

FK: Nun täuscht bei der Bezeichnung „soziales Netzwerk“ das Adjektiv ja auch einen Zustand vor, der eher künstlich ist in dem Sinne, dass hier persönliche Kommunikation nicht direkt geschieht, sondern über ein technisches Medium abläuft.

Fürst: Hierzu möchte ich zwei Anmerkungen machen. Erstens sollten wir den Begriff „soziales Netzwerk“ in der Tat nicht undifferenziert anwenden. Die mit diesem Begriff gefassten Netzwerke sind digital verfasst. Das heißt, sie kommunizieren elektronisch und nicht face to face, also nicht in realer, interpersonaler Live-Kommunikation, wo Menschen einander real begegnen und einander im Sehen, Hören, Erleben in der Kommunikation ganzheitlich erfahren. Für kirchlich-pastorale Arbeit hat Letzteres als erlebte Interpersonalität eindeutig Vorrang, ohne damit die medial vermittelte elektronische Kommunikation zu unterschätzen. Zweitens möchte ich nachdrücklich auf einen von Erich Fromm verfassten, bereits 1955 unter dem Titel „Der Mensch ist kein Ding“ erschienenen Beitrag hinweisen. Ohne die heutige Internet-Kommunikation explizit im Blick haben zu können, reflektiert er darin in philosophisch-psychoanalytischer Hinsicht die Verdinglichungstendenzen in der technologisch dominierten Zivilisation und bedenkt eindrucksvoll die Gefahren, wenn ein Mensch in Kommunikationen verwickelt wird, die ihn reduzieren auf seine ökonomischen Nutzen und ihn so gebrauchen.

FK: Facebook bietet Menschen auf jeden Fall die Möglichkeit, sich schnell miteinander zu vernetzen, sich über gemeinsame Themen auszutauschen, über Distanzen und Grenzen hinweg zu kommunizieren. Diese an sich positiven Optionen sind das eine. Das andere ist die anhaltende Kritik: Das US-Unternehmen steht hierzulande seit längerem unter Beobachtung, weil es von seinen Nutzern sehr viele Daten sammelt, zusammenführt und dabei datenschutzrechtliche Belange nicht immer ausreichend beachtet. Überwiegen bei einem solchen Geschäftsmodell, das mit sehr persönlichen Informationen seiner Nutzer handelt, letztlich die Chancen oder die Risiken?

Facebook – ein gefährlicher Verführer?!

Fürst: Ich habe deutlich gemacht, dass ich zunächst in der gemeinschaftsstiftenden Funktion der Social Media Chancen sehe. Kommunikations- und Beziehungsmöglichkeiten werden enorm erweitert. Das ist positiv, denn nur dann, wenn Menschen miteinander kommunizieren beziehungsweise miteinander reden können, ist die Voraussetzung für ein gutes und gerechtes Zusammenleben gegeben. Diese grundsätzlich positive Einstellung darf aber auf keinen Fall den Blick für die Gefahren trüben, die gerade mit dem Thema Datenschutz in den Social Media verbunden sind. In diesem Sinne ist Facebook ein gefährlicher Verführer. Es verführt Menschen durch immer neue Funktionen und Bedingungen, mehr von sich preiszugeben. Facebook dreht hier die Schleuse ganz systematisch und Stück für Stück immer ein wenig weiter auf, so dass der Datenstrom der Nutzer immer schneller und ungehemmter auf die Plattform fließt. Ich will nicht ausschließen, dass dies zugleich auch eine Erweiterung der Attraktivität der Plattform für Nutzerinnen und Nutzer einschließt. Im Kern stehen dahinter aber wirtschaftliche Interessen. Im Ergebnis haben wir es mit einem Unternehmen zu tun, das über eine so unglaubliche Menge an Informationen über Menschen verfügt, wie es beispielsweise die sozialwissenschaftliche, empirische Forschung niemals hatte. Und wer die Informationen hat, der hat die Macht. Das macht mir Sorge.

FK: Und es ist trotz aller Gesetze immer schwer, Marktgiganten im Zaun zu halten.

Fürst: Jedenfalls sollten wir nicht so ohne weiteres auf die Moral der Facebook-Manager vertrauen, zumal sich die Situation mit dem Börsengang noch ändern wird: Die Anteilseigner werden zur Steigerung ihrer Rendite auf die weitere ökonomische Nutzbarmachung der Daten pochen. Die wirtschaftliche Gier, Unvorsichtigkeit der Menschen, die Ansammlung gigantischer Datenmengen – eine gefährliche Mischung. Hier ist zunächst das Recht gefordert, dem Datenhunger Einhalt zu gebieten. Aktuelle Bemühungen sogar in den Vereinigten Staaten sind in diesem Sinne ein gutes Zeichen. Ob nun die Chancen oder Risiken überwiegen, ist nicht klar auszumachen. Ich würde sagen, dass beides miteinander zusammenhängt: Wenn die Chancen und Möglichkeiten sich erweitern, steigen auch die Risiken. Das eine ist ohne das andere offenbar nicht zu haben. Dem darf man sich aber nicht so einfach ergeben, sondern vor allem die Politik muss der Situation gestaltend und regulierend gegenübertreten.

FK: Insbesondere die zuletzt von Facebook eingeführte „Timeline“-Funktion – in Deutschland als „Chronik“ bezeichnet –, in der jeder Nutzer seinen Lebenslauf und für ihn wichtige Ereignisse aus seinem täglichen Leben in einer Zeitleiste darstellen kann, steht in der Kritik – nicht zuletzt deshalb, weil die einmal eingegebenen Daten dann bei Facebook gespeichert bleiben. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner hat diese neue Funktion als „absurd“ bezeichnet. Dass Facebook-Nutzer aufgefordert würden, „die letzten Datenlücken im Internet schnell zu schließen“, ist für die Ministerin, wie sie sagte, das Gegenteil dessen, was sie unter Medienkompetenz verstehe, nämlich sparsam mit persönlichen Daten umzugehen. Teilen Sie diese Auffassung?

Fürst: Ich sehe die neue Funktion ebenfalls kritisch. Es wird damit auf eine subtile und sehr geschickte Weise ein Raum, ein Ambiente bereitet, das die Menschen im vorhin angesprochenen Sinne verführt, mehr Daten preiszugeben. Die Subtilität und die unschuldige Ästhetik, in der die Verführung liegt, stören mich. Nutzerinnen und Nutzer werden so mit einem sogenannten Post-Privacy-Virus infiziert, mit dem Zweck, ihre Daten leichter absaugen zu können. Zurück bleibt nicht einfach nur ein Juckreiz, sondern vielleicht ein selbstentblößter und vielleicht verletzter Mensch, der irgendwann feststellt, gar nichts mehr mit seinem Profil zu tun zu haben. Sicher ist Medienkompetenz hier weiterhin das Gebot der Stunde. Aber Medienkompetenz geht über die Regel, „sparsam mit persönlichen Daten umgehen“, hinaus. Es geht doch um die informierte und autonome Nutzung durch die User. Dabei kann und sollte eine Selbstbeschränkung oder ein vorsichtiger Umgang mit persönlichen Daten ein wichtiges Element sein. Das ist jedoch nicht alles: Auch die Facebook-Timeline und das sogenannte „reibungslose Teilen“ eigener Netzaktivitäten kann moderne Bedürfnisse erfüllen. Es geht um das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte und schafft die Möglichkeit, darüber nachzudenken, wer ich bin und sein möchte. Dabei ist klar: Facebook verschiebt die Privacy-Grenze immer mehr, und das muss man kritisch beobachten. Man muss die Grenze beobachten und immer wieder neu diskutieren, wo sie verlaufen soll. Gebraucht wird aber letztlich die kritische Kompetenz, die Änderungen und Möglichkeiten bei Facebook als Verführungsmechanismen zu entlarven. Erst dann kann man sich ihnen widersetzen und das im Grunde hilfreiche Angebot informiert und autonom und verantwortlich nutzen.

Die Intensität der Kommunikation ist beeindruckend

FK: Welche Erfahrungen hat die katholische Kirche in Deutschland bislang mit Social Media und damit auch mit der Verbreitung der christlichen Botschaft über diesen Weg gemacht? Anlässlich des Deutschlandbesuchs von Papst Benedikt XVI. im September vorigen Jahres wurde beispielsweise die Facebook-Seite „Papst in Deutschland“ in Betrieb genommen.

Fürst: Um mit einer Schlagzeile zu antworten: „Eine Million Klicks für den Papst“. Das ist ein toller Erfolg. Bereits im Frühjahr 2011 zeichnete sich das Interesse in den sozialen Medien für den Papstbesuch ab. Verschiedene private Facebook-Seiten wie „Papst in Deutschland – Wir sind dabei“ oder „Papst im Eichsfeld“ gingen online. Es war ein wichtiger Schritt, dass angesichts von über 20 Millionen registrierter deutscher Facebook-Nutzer auch die verfasste Kirche auf Facebook zum Austausch über den Papstbesuch einlädt. Verschiedene am Papstbesuch 2011 beteiligte Akteure – Deutsche Bischofskonferenz, die Erzbistümer Berlin und Freiburg und das Bistum Erfurt – hatten deshalb im Frühjahr 2011 beschlossen, auf Facebook ein gemeinsames Angebot zu machen. Das dialogische Angebot war ein wichtiger Bestandteil der Medienstrategie zum Papstbesuch in Deutschland. Es bot sich die Chance, Menschen zu erreichen, die über die klassischen kirchlichen Kommunikationsmittel nicht angesprochen werden. Aktuelle Studien zeigen, dass die Zahl derer, die sich generell nur noch über Facebook informieren, kontinuierlich steigt. Das gilt besonders für junge Menschen. Auf diesen Trend wollten wir reagieren. Aufgabe der gemeinsamen Seite war es, die Aktivitäten der verschiedenen Player zu bündeln und für die Facebook-Community fruchtbar machen. Im Look orientierte sich das Angebot am Corporate Design der offiziellen Website www.papst-in-deutschland.de. Unter der Leitung von katholisch.de, dem offiziellen Internet-Portal der katholischen Kirche in Deutschland, wurde die Community von einem siebenköpfigen Team moderiert. Das Facebook-Projekt „Papst in Deutschland“ mit über 4600 Fans in der Spitze wurde in vielerlei Hinsicht zum Erfolgsprojekt: Zum einen hat kaum eine andere katholische, deutschsprachige Facebook-Fan-Seite in so kurzer Zeit so viele Follower bekommen. Die Intensität der Kommunikation und Interaktion ist beeindruckend. Eines ist aber auch klar: Eine gute Kommunikation in der Community braucht kompetente Moderatorinnen und Moderatoren, die den Fans Themen und Nachrichten liefern, und die dafür sorgen, dass die Seite keine Spam-Müllhalde wird.

Netzpolitische Dynamik durch die Piratenpartei

FK: Die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz hat im Juni vergangenen Jahres ein umfangreiches „Medienethisches Impulspapier“ veröffentlicht. Es trägt den Titel „Virtualität und Inszenierung – Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft“. Darin hält die Kommission, deren Vorsitzender Sie sind, auch fest, dass die digitalen Kommunikationsmedien nicht nur die Bildungspolitik verändern werden, sondern auch die anderen Politikfelder. Als Reaktion auf diesen Umstand plädiert die Kommission für eine sogenannte „querschnittsorientierte Netzpolitik“. Können Sie das präzisieren? Was macht eine solche Politik konkret aus?

Fürst: Die Idee dahinter ist, dass Netzpolitik, also die politische Gestaltung des Internets in der Demokratie, nicht einfach eindimensional gelingen kann. Das Internet ist kein technisches Artefakt, das uns so einfach zur Gestaltung vorliegt. Wir haben es doch eher mit einem umfassenden Lebensraum zu tun, indem sich immer mehr Menschen bewegen. Fragen der Netzpolitik sind auch Fragen der Wirtschafts-, Bildungs- und Sozialpolitik. Die Piratenpartei bringt eine netzpolitische Dynamik in die Politik. Dabei muss aber klar bleiben, dass eine Integration von netzpolitischen Fragen mit anderen Politikfeldern geschehen muss. So wird dann automatisch deutlich, dass die Idee eines freien Internets nicht nur bedeutet, dass Redefreiheit und informationelle Selbstbestimmung gewährleistet sein müssen. Menschen müssen überhaupt erst einmal von ihren persönlichen Voraussetzungen her in der Lage sein, diese Freiheit zu nutzen. Dann ist man schnell bei Bildungs- und Verteilungsfragen.

FK: Und das heißt dann für das konkrete Handeln der Politik?

Fürst: Grundsätzlich ist zu sagen: Politik muss in Sachen Internet viel mehr autonome Gestaltungsenergie entwickeln und nicht immer nur situativ etwa auf eine neue Datenschutzbestimmung reagieren. Das ist sicherlich nicht einfach und lässt sich nur umsetzen, wenn dem Thema Internetpolitik mehr Aufmerksamkeit in der Parteipolitik und in der Arbeit der Ministerien gegeben wird. Notwendig ist dazu natürlich auch eine internationale Zusammenarbeit der Staaten, die aber der demokratischen Legitimation wegen transparent und partizipationsorientiert angelegt sein muss. Aktuelle Erfahrungen zeigen, dass Internetpolitik ohne die Einbeziehung der Netzgemeinde nicht möglich ist und auch nicht möglich sein darf. Das zivilgesellschaftliche und politische Engagement der jungen Netzgemeinde sollte vielmehr als wichtige Ressource für demokratisch rückgebundene Netzpolitik begriffen werden.

FK: Welche Rolle spielt in diesem Gesamtkomplex der Jugendmedienschutz? Gerade via Internet, sei es über einen PC oder über Smartphones, können Kinder und Jugendliche schnell mit Seiten in Kontakt kommen, die nicht für sie geeignet sind. Etwa mit gewaltverherrlichenden und pornografischen Inhalten. Um den Jugendmedienschutz zu verbessern, haben Sie Ende vorigen Jahres auf der 6. Jugendmedienschutztagung von ARD, ZDF und den beiden Kirchen für klarere Strukturen bei den gesetzlichen Vorschriften plädiert. In welche Richtung muss das bestehende Regelungssystem geändert werden? Wo sehen Sie vorrangig Verbesserungsbedarf?

Fürst: Es gibt auf der einen Seite schwer jugendgefährdende Inhalte, die nach unserem Strafrecht – beispielsweise Paragraph 131 Gewaltverherrlichung oder Paragraph 184 Pornografie – eindeutige Verstöße sind, bei denen wir aber die Schwierigkeit haben, unser deutsches Recht durchzusetzen, etwa weil die Anbieter ihren Sitz im Ausland haben. Hier sind verstärkte internationale Anstrengungen vonnöten. Auf der anderen Seite muss man die Inhalte sehen, die eine Beeinträchtigung von Kindern oder Jugendlichen in bestimmten Altersgruppen darstellen. Auf diesen Bereich konzentrieren sich die aufwändigen Prüfverfahren bei den Selbstkontrolleinrichtungen und technische Maßnahmen wie Jugendschutzprogramme. Das grundlegende Problem ist, dass das System des Jugendmedienschutzes mit den verschiedenen Kontrollorganen so komplex geworden ist, dass nur noch ein Fachmann den Überblick behalten kann. Wir können mit dieser Vielfalt der Institutionen nur dann leben, wenn die Abstimmung optimiert und die Prüfkriterien und nach Möglichkeit auch die Prüfverfahren angeglichen werden. Ein zweiter Punkt ist die Vermittlung der Prüfergebnisse. Wir brauchen eine verstärkte Aufklärung über die schädigenden oder beeinträchtigenden Inhalte. Altersziffern allein reichen nicht aus. Wenn Eltern oder Jugendliche sich danach richten sollen, müssen sie nachvollziehen können, welche möglichen Gefährdungen es gibt.

FK: Durchdringt Jugendmedienschutz als Anliegen die Gesellschaft möglicherweise nicht mehr so stark, wie es sein sollte?

Fürst: In diesem Zusammenhang möchte ich die Einbindung gesellschaftlich relevanter Gruppen anmahnen. Jugendmedienschutz ist aus kirchlicher Sicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine breite Basis der Anerkennung erreichen wir nur, wenn gesellschaftlich relevante Gruppen einbezogen sind. Bei der FSK, der ältesten Selbstkontrolleinrichtung, ist eine Beteiligung der öffentlichen Hand noch in jedem Prüfausschuss gesichert, bei neueren Selbstkontrolleinrichtungen, die seit 2003 anerkannt worden sind, ist das leider nicht mehr in gleichem Maße der Fall.

Ein Bewusstsein für die Risiken vermitteln

FK: Das eine ist, die gesetzlichen Vorschriften neu zu strukturieren, also das Rechtssystem mit Blick auf einen zeitgemäßen Jugendmedienschutz zu überarbeiten. Halten Sie es darüber hinaus auch für notwendig, präventive Maßnahmen auszubauen, um den Jugendmedienschutz zu verbessern? Welche Maßnahmen wären hier notwendig?

Fürst: Die Kirchen fordern seit langem, dass die unverzichtbaren gesetzlichen Regelungen durch präventive Maßnahmen ergänzt werden müssen. Das bedeutet verbesserte Angebote im Bereich der Medienkompetenz. Dabei kommt es uns von kirchlicher Seite primär darauf an, dass es nicht nur um die Vermittlung von Wissen und praktischer Kompetenz im Umgang mit Medien geht, sondern um die Vermittlung einer ethischen Perspektive. Dabei müssen wir sowohl die Kinder und Jugendlichen im Blick haben wie auch die Eltern und Multiplikatoren, die nicht nur selbst eine Medienkompetenz entwickeln müssen, sondern auch Strategien, wie sie mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen müssen, um denen ein Bewusstsein für die Risiken vermitteln zu können.

FK: Im Februar hat die KJM, die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten, zwei Software-Filterprogramme als geeignet eingestuft, um Kinder und Jugendliche, wenn sie im Internet surfen, vor entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten im Netz zu schützen. Allerdings funktionieren diese Programme bislang nur bei Windows-Computern. Auf Smartphones können sie überhaupt noch nicht eingesetzt werden. Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht solche Filterprogramme in einem Gesamtkonzept zum Jugendmedienschutz?

Eine Art „Task Force“: Medienethische Arbeitsgruppe

Fürst: Jugendschutzprogramme sind in ihrer Wirksamkeit immer nur begrenzt. Abgesehen davon, dass sie nicht für alle Gerätetypen geeignet sind, bleibt auch bei PCs eine Lücke, denn für die Anerkennung bei der KJM reicht eine Treffsicherheit von 80 Prozent bei der Filterung von problematischen Angeboten aus. Eltern können sich also nie allein auf die Jugendschutzprogramme verlassen. Das Hauptproblem scheint mir jedoch zu sein, dass die Jugendschutzprogramme zunächst einmal für die Anbieter Vorteile bringen. Wenn diese ihre Angebote kennzeichnen, so dass sie von den anerkannten Jugendschutzprogrammen ausgelesen werden können, fallen für sie andere Beschränkungen, beispielsweise zeitliche Grenzen oder Vorsperrungen, weg. Das bedeutet aber, dass zunächst einmal mehr problematische Angebote im Netz sind. Die Verantwortung wird dann allein den Eltern überlassen, die die Jugendschutzprogramme installieren und entsprechend programmieren sollen. Dies werden dann vielleicht die ohnehin verantwortungsbewussten Eltern tun, aber wir wissen doch aus verschiedenen Untersuchungen, dass es viele Eltern gibt, die sich nicht um den Medienkonsum ihrer Kinder kümmern. Da helfen auch keine Jugendschutzprogramme. Ich kann nicht erkennen, dass mit diesen Programmen eine Verbesserung für das Schutzniveau insgesamt erreicht wird.

FK: Die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz hat angekündigt, sich künftig verstärkt mit medienethischen Fragestellungen auseinandersetzen zu wollen. Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb Sie sich dazu veranlasst sehen, hier nun noch aktiver zu werden?

Fürst: Unser Engagement in diesem Bereich ist nicht neu. Die verstärkte Initiative geht zurück auf den Studientag „Kirche und Medien“ bei der Herbstvollversammlung 2008 der Bischöfe. Dort haben wir uns intensiv mit dem gewandelten Mediennutzungsverhalten befasst. Fazit der Diskussion war, dass deutlicher als bisher kirchliche medienethische und medienpädagogische Angebote notwendig sind. Wir haben daraufhin in der Publizistischen Kommission beraten, welche Angebote unterbreitet werden können, die den Menschen helfen, die Auswirkungen des raschen Medienwandels aus einer medienethischen Perspektive einzuordnen. Dabei stand eines im Vordergrund: Es müssen Angebote sein, die den Menschen eine Orientierung geben, um mit den Herausforderungen kompetent umgehen zu können. Eine erste Initiative war im vorigen Jahr unser medienethisches Impulspapier „Virtualität und Inszenierung – Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft“. Darin plädieren wir für einen Ausbau der Medienkompetenz als Schlüsselkompetenz im Umgang mit der digitalen Mediengesellschaft. Ziel einer umfassenden Medienkompetenz ist es, die Menschen zu einem verantwortungsvollen, bewussten und authentischen Umgang mit Medien zu befähigen. Verbesserte Medienkompetenz ist grundlegend für ein friedliches Zusammenleben der Menschen, denn die meisten Risiken wie digitale Sucht, Datenmissbrauch, Gewaltverherrlichung oder Cybermobbing sind verhaltensbasiert und lassen sich alleine durch Angebotsverbote und Einschränkungen nicht zuverlässig vermeiden. Aus diesem Grund fordern wir in unserem Impulspapier einen Ausbau der Medienpädagogik in der Jugendarbeit, in der Erwachsenenbildung und auch in der Seniorenarbeit.

FK: Wie wollen Sie sich hier in die öffentliche medienethische Diskussion einbringen?

Fürst: Zur Vorstellung des Impulspapiers haben wir 2011 ein medienethisches Fachgespräch veranstaltet, um die Anregungen und Empfehlungen des Papiers in den medienethischen Diskurs um die Chancen und Risiken der digitalen Mediengesellschaft einzubringen. Das Fachgespräch war mit rund 120 Teilnehmern gut besucht. Journalisten und Multiplikatoren aus dem Bildungsbereich beteiligten sich intensiv an der Diskussion. Das Format hat sich bewährt, weitere medienethische Fachgespräche sind vorgesehen. Wir haben bisher eine gute Resonanz auf unser Impulspapier erhalten. Es gibt bis heute zahlreiche Interviewanfragen und Einladungen zu Symposien als Reaktion. Damit die Debatte weitergeführt wird, haben wir in der internationalen Fachzeitschrift „Communicatio Socialis“ eine wissenschaftliche Diskussion angestoßen. In der aktuellen Ausgabe haben Experten, anknüpfend an die Empfehlungen und Forderungen des medienethischen Impulspapiers, Beiträge zu den Themen soziale Netzwerke, Medienpädagogik, Datenschutz, Gewalt in den Medien, Mediatisierung, Inszenierung und Pastoraltheologie veröffentlicht und eine Evaluierung des Impulspapiers vorgenommen. Die Hinweise der Fachleute bieten wiederum Anknüpfungspunkte für eine weitere medienethische Befassung in der Publizistischen Kommission. Zur kontinuierlichen Beförderung unseres Anliegens, die Anregungen und Empfehlungen des Impulspapiers in die medienethische, medienpolitische und bildungspolitische Debatten einzubringen, hat die Kommission am 1. Dezember 2011 eine medienethische Arbeitsgruppe eingerichtet. Sie setzt sich aus Vertretern der Bereiche Journalismus, Wissenschaft und Medienrecht an katholischen Fakultäten oder Institutionen zusammen.* Aufgabe der medienethischen Arbeitsgruppe ist es, die medienethische Diskussion zu verfolgen und kirchliche Positionen zu erarbeiten. Am 15. März werden wir erstmals tagen. Ziel unseres Austausches ist es, Themen für die medienethische Diskussion und mögliche Formate für deren öffentlichkeitswirksame Präsentation zu identifizieren. Die medienethische Arbeitsgruppe ist als eine Art „Task Force“ gedacht. Bei aktuellen Anlässen soll die Expertise des Beratungsgremiums rasch eingeholt werden.

Clearingstelle Medienkompetenz

FK: In ihrem Impulspapier hatte die Publizistische Kommission auch angedacht, ein Institut für Medienkompetenz ins Leben zu rufen. Nun hat sich die Kommission dafür ausgesprochen, eine Clearingstelle Medienkompetenz einzurichten. Heißt das, es wird noch länger als erwartet dauern, bis es zu einer Institutsgründung kommt? Oder ist die Clearingstelle gewissermaßen die Vorstufe für ein solches Institut?

Fürst: Es gibt keine Wartephase mehr, und die Clearingstelle ist auch kein „Probelauf“. Vielmehr wird die Clearingstelle die Aufgaben, die die Publizistische Kommission dem in ihrem Impulspapier als Selbstverpflichtung der Deutschen Bischofskonferenz angeregten Institut für Medienkompetenz zugedacht hat, vollumfänglich erfüllen. Es handelt sich letztlich um eine Umbenennung aus redaktionellen Gründen.

FK: Wen wollen Sie mit der Clearingstelle erreichen und was soll sie leisten? Könnte es in die Richtung gehen, das Arbeitsfeld der Medienethik, in Zusammenhang auch mit dem Gebiet der Medienkompetenz, besser zu systematisieren und besser operationalisierbar zu machen?

Fürst: Die Clearingstelle soll zunächst einmal als ein Service-Angebot für Multiplikatoren wie für „Endverbraucher“ die bestehenden Aktivitäten bündeln und an zentraler Stelle kommunizieren. Zum Zweiten soll die Clearingstelle durch die Kommunikation kirchlicher Aktivitäten nach innen wie nach außen zur Profilierung kirchlicher Medienpädagogik beitragen. Als Drittes steht die Vernetzung bestehender Aktivitäten – sowohl inner- wie außerkirchlich – als subsidiäre Zuarbeit für die kirchlichen Akteure in Diözesen, Verbänden und Einrichtungen an. Es ist also eine der zentralen Aufgaben der Clearingstelle, die kirchlichen Angebote zur Medienkompetenzförderung und Medienbildung nicht nur intern, sondern auch mit anderen relevanten Einrichtungen und Trägern zu vernetzen. Wir versprechen uns davon neben dem fachlichen Austausch und einer für alle Beteiligten gewinnbringenden Zusammenarbeit in einzelnen Projekten vor allem eine verbesserte Wahrnehmung des Propriums katholischer Medienbildung, ohne uns dabei auf eine „Werteagentur“ reduzieren zu lassen. Und schließlich ist als Viertes geplant, mit Kooperationspartnern Praxisprojekte durchzuführen und zu evaluieren, um zu einer Art Best-Practice-Sammlung zu kommen.

Fundierter Wertestandort

FK: Nach welchen Kriterien wird die Clearingstelle arbeiten, und wie ist sie personell ausgestattet?

Fürst: Zunächst wird sie ad experimentum für drei Jahre unter der Leitung von Professor Andreas Büsch an der Katholischen Hochschule Mainz arbeiten. Dazu konnten wir mit der Trägerin der KH Mainz eine Vereinbarung erreichen, dass er für diesen Zeitraum im Umfang einer halben Stelle freigestellt wird. Er wird unterstützt von zwei studentischen Mitarbeitern. Die Arbeit der Clearingstelle wird regelmäßig von der Publizistischen Kommission und einem eigens einzurichtenden Beirat begleitet.

FK: Sie haben in diesem Gespräch für eine verstärkte Vermittlung von Medienkompetenz plädiert, hier ist die katholische Kirche auch seit langem schon engagiert. Gibt es in diesem Zusammenhang Pläne, in kirchlich getragenen Einrichtungen entsprechende Angebote auszubauen? Wird es künftig zum Beispiel Medienkunde etwa im Theologie-Studium und in der pastoralen Ausbildung als verpflichtendes Fach geben?

Fürst: Abgesehen davon, dass auch die Hochschulen und deren Ausbildungsgänge natürlich letztlich Ländersache sind: Unbestreitbar haben wir hier noch einen hohen Bedarf in der Ausbildung auch unserer derzeitigen wie künftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Denn Menschen, die in einer derart mediatisierten Gesellschaft wie der unseren in der Pastoral tätig sein wollen, müssen sich sicher in und mit den digitalen Medien bewegen können, um dort zu sein, wo auch ausweislich aller aktuellen Studien zum Thema die Menschen sind. Allerdings denke ich dabei weniger an ein exklusives Fach als vielmehr an eine Querschnittsaufgabe: Die Vermittlung von Medienkompetenz muss in bestehende Ausbildungsteile integriert werden. Da gibt es sicherlich noch viele Möglichkeiten, die bisher nicht genutzt werden. Doch ich sehe auch, dass in diesem Bereich in Initiative etlicher Lehrender vor allem in der Praktischen Theologie in den letzten Jahren schon einiges geschehen ist. Bei alldem spielt natürlich die medienethische Perspektive eine wichtige Rolle: Medienkompetenz ist ja schon von der Grundlage des Begriffs her nicht wertneutral zu haben; die miteinbegriffene kritische Kompetenz sagt ja zwingend, dass ich einen fundierten Wertestandort haben muss, von dem aus ich ethisch verantwortet Medien rezipiere und produziere.

9.3.12/FK

*    Anmerkung der Funkkkorrespondenz: Mitglieder der medienethischen Arbeitsgruppe sind Prof. Andreas Büsch (Katholische Hochschule Mainz), Alexander Filipovic (Westfälische Wilhelms-Universität Münster), Christiane Florin („Rheinischer Merkur/Christ & Welt“, Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“, Bonn), P. Alfons Friedrich (Don-Bosco-Verlag, München), Matthias Kopp, (Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn), Uta Losem (Katholisches Büro in Berlin), Gunda Ostermann (Redaktionsleiterin katholisch.de, Bonn) und Msgr. Wolfgang Sauer (Geistlicher Direktor des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses/ifp, München). Mit der Geschäftsführung ist Ute Stenert (Referentin für Presse- und Verlagswesen im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz) beauftragt worden.

Wir danken der Funkkorrespondenz für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung.

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