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Texte und Reden

Bildung, Wissenschaft, Arbeitswelt, Wirtschaft und Ethik

Weingarten

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

‚Es fehlt unter uns Europäern von heute nicht an solchen, die ein Recht haben, sich in einem abhebenden und ehrenden Sinne Heimatlose zu nennen ... Denn ihr Los ist hart, ihre Hoffnung ungewiß, es ist ein Kunststück, ihnen einen Trost zu erfinden – aber was hilft es! Wir Kinder der Zukunft, wie vermöchten wir in diesem Heute zu Hause zu sein!‘

Mit diesen Sätzen beschreibt Friedrich Nietzsche in seiner Aphorismensammlung ‚Die fröhliche Wissenschaft‘ eine Situation, die uns meiner Ansicht nach mitten ins Zentrum des Themas hineinführt. Ohne hier ausführlich den Abschnitt interpretieren zu können, möchte ich doch darauf hinweisen, dass ihm neben der luziden Beschreibung der Gegenwart doch auch bis in den Ton hinein gelingt, neben den Chancen auch die Schwierigkeiten zu beschreiben, vor die uns die Entwicklungen stellen.

Sie erwarten von mir Ausführungen zum Thema ‚Säkularisation und Säkularisierung aus der Sicht heutiger Kirchenleitung‘, und ich möchte dies in mehreren kurzen Schritten tun. Ich möchte zunächst (nochmals) die Begriffe präzise zu fassen versuchen, anschließend in einigen Thesen eine Einschätzung der Phänomene versuchen, um schließlich noch kurz weiterführende Perspektiven anzudeuten, ehe wir dann in das gemeinsame Gespräch miteinander kommen können.

1. Definitionen

In der Literatur werden die Begriffe Säkularisationund Säkularisierung im Sinne von Verdrängung der Religion bzw. der christlichen Kirchen aus dem öffentlichen in den privaten Raum häufig synonym verwendet. Säkularisation meint nicht eine Welt ohne Religion, sondern eine Welt, in der keine religiöse Instanz - einfach weil sie Instanz ist - um ihrer selbst willen akzeptiert wird. Sie muß sich vielmehr - wie andere Instanzen auch - mit Hilfe des Argumentes einbringen. Unter Säkularisation wird dann zunehmend der Entzug kirchlichen Hoheits-, Besitz-und Nutzungsrechte durch den Staat ohne Zustimmung der Kirche verstanden. In den Geisteswissenschaften steht Säkularisierung für die Freisetzung weltlicher Verhaltens- und Bewusstseinsstrukturen aus dem Einflussbereich religiös bestimmter Vorstellungen, sie meint den Prozeß der Verweltlichung von Staat und Gesellschaft und die Lösung von der Kirche, Säkularisation dagegen einen konkreten Prozeß der Aufhebung der weltlichen Herrschaft der Kirche, insbesondere die Aufhebung der Hochstifte und Klöster zu Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Vor solchem geschichtlichen Hintergrund kann es nicht verwundern, wenn aus dem Blickwinkel der Betroffenen diese Prozesse als solche des Unrechts erfahren und be- bzw. verurteilt wurden.

(Als zusätzlicher Begriff ist zudem noch der Säkularismus abzugrenzen, eine Geisteshaltung, zu der die Säkularisierung geführt hat und in der sich der Mensch ausschließlich auf den Bereich des Profanen beschränkt.)

Ein genauerer Blick auf das Phänomen der Säkularisierung führt uns nun allerdings bereits in die eigentlich spannende gedankliche Auseinandersetzung.

2. Verständnismöglichkeiten

Säkularisierung bezeichnet also einen Prozeß, bei dem sich das Welt- und Selbstverständnis des Menschen zunehmend ohne Rückgriff auf das Angebot christlicher Sinndeutung vollzieht, andererseits zentrale gesellschaftliche Bereiche autonomisiert und ausdifferenziert werden. Parallel zu einer gesamtgesellschaftlichen Segmentierung wird die Kirche auch zu einem spezifizierten, nur mehr partiellen Bereich innerhalb der modernen Gesellschaft. Man kann also durchaus von einem zu Entkirchlichung und Entchristlichung führenden Prozeß sprechen.

Interessanterweise ist es aber nun zugleich allein sprachlich so, dass Säkularisierung auch das Weiterwirken bzw. die Übernahme ursprünglich religiöser oder christlicher Sprachformen, Vorstellungsgehalte und Verhaltensweisen bezeichnet. (Ein illustratives Beispiel ist die Verwendung und Abwandlung ursprünglich religiöser Themen und Bilder in Literatur oder Kunst, die sich dezidiert als ‚unchristlich‘ oder eben säkular bezeichnen würde.) Auffällig also: Der eine Begriff Säkularisierung bezeichnet zwei gegenteilige Bewegungsrichtungen, die sich eigentlich auszuschließen scheinen. Ich konstatiere dies zunächst nur und gehe noch einen zweiten, mehr inhaltlichen Schritt weiter.

Es ist in der Vergangenheit durchaus versucht worden, die Säkularisierung zum Ausgangspunkt theologischer Theoriebildung heranzuziehen. Auch hier ist wieder eine interessante Umkehrung der Gedankenrichtung zu beobachten, bei der die eine Bewegung von einer ‚antichristlichen Abfallsbewegung‘ zu einem Unternehmen mutierte, das geradezu als Folge christlichen Glaubens verstanden wurde. Hierbei wird der Ursprungsort einer nun legitimen Säkularisierung im christlichen Glauben und dem durch ihn ermöglichten Weltverständnis erblickt. Es sei insbesondere der Glaube an die Menschwerdung Gottes und sein Kommen in die Welt gewesen, der indirekt zur Heraufführung einer bloß weltlichen Welt geführt habe. Ich nenne als theologische Gewährsleute dieser These einerseits Friedrich Gogarten und andererseits Johann Baptist Metz.

Wenn diese These natürlich auch auf Anhieb überzeugt und einigen Charme zu entwickeln versteht, überholt sie doch die Moderne sozusagen nochmals und beerbt sie ihrerseits, so möchte ich ihr doch entgegensetzen, dass sie doch eine etwas zu einlinige, vereinfachende Konstruktion der Prozesse, die zur Neuzeit geführt haben, bietet. Weiter wäre anzufragen, warum das Christentum einer jahrhundertelange ‚Inkubationszeit‘ benötigte, um zum vollen Durchbruch seiner biblischen Intention, eben in Gestalt der Säkularisierung, zu gelangen. Angesichts der Tatsachen und der komplexen faktischen Entwicklung erscheint die These vielmehr als nachträgliche Legitimation eines Prozesses, der zuvor vorwiegend abgelehnt und bekämpft wurde.

Die Problematisierung dieser These bedeutet nun aber nicht, dass die Säkularisierung nun Theologie und Kirche nicht heilsam an Aufgaben und Themen erinnert, die ihre ureigenen sind.

3. Ausblicke

In einer säkularisierten Welt ist Religionsausübung nicht mehr eine kollektive Pflicht, sondern wird zu einer persönlichen Entscheidung, welche die Mitglieder einer Gesellschaft freiwillig und bewußt treffen oder eben nicht treffen. Doch muß man unterstreichen: Eine säkularisierte Welt ist nicht notwendigerweise eine Welt ohne Religion. Religiöse Motive und moralische Vorstellungen sind weiterhin vorhanden, vielleicht sogar in einem starken Ausmaß. Aber sie werden nicht mehr autoritär aufgezwungen, sondern müssen ihre Überzeugungskraft beweisen wie andere gesellschaftlichen Kräfte und Ideen auch. Säkularisierung erinnert Theologie und Kirche hiermit an ein Zentrum, nämlich dass ihr Glaube den Gründen der Vernunft durchaus offen gegenübersteht. ‚Seid jederzeit bereit, jedem Rechenschaft abzulegen über den Grund der Hoffnung, die euch bewegt!‘ (1 Petr 3,15) Ein Glaube, der anstoßen läßt von den Motiven der Säkularisierung, erinnert sich an diese in ihm liegende Bereitschaft und auch Fähigkeit, sich, seine Themen und Begründungen argumentativ in den verschiedenen Diskursen einzubringen.

Aber ich möchte noch einen zweiten Punkt benennen, mit dem ich wieder auf den eingangs zitierten Nietzsche-Text zurückkomme. In diesem war neben aller nüchternen Situationsbeschreibung die durchaus bang gestellte Frage durchgeklungen, wie denn ein solch moderner Mensch noch einen Halt, einen Trost finden könne. Nun hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass gerade nichttheologische oder agnostische Zeitgenossen ganz ähnliche Fragen stellen. Am deutlichsten hat dies vielleicht zuletzt Jürgen Habermas getan, der auf die Defizite hinweist, unter denen säkulare Mensch zu leiden habe. (Transzendenz, Letztbegründungsprobleme, Schuld)

Habermas hat am 14. Oktober 2001 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels den notwendigen Dialog zwischen der säkularen Welt und der Religion angemahnt. Am 11. September sei – so seine Formulierung - die "Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion (...) explodiert." In diesem Kontext wendet er sich gegen "einen unfairen Ausschluss der Religion aus der Öffentlichkeit". Ein solcher Ausschluss würde "die Gesellschaft von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden."

Ich formuliere die Konsequenz daraus mit eigenen Worten: Die säkulare Gesellschaft und Kultur unserer Tage ist nicht auf der Höhe der Zeit, wenn sie und ihre Vertreter nicht in der Lage oder Willens sind, ihrerseits auf Augenhöhe mit dem kulturellen und humanen, dem sozialen und spirituellen Potential der christlichen Religion und zu kommunizieren.

Die Politiker und Kulturschaffenden, die Medienvertreter, die Intellektuellen und die Wissenschaftler möchte ich deshalb fragen: Versäumt ihr nicht Substantielles, wenn ihr das Hoffnungs- und Handlungspotential der christlichen Religion und ihre ethosbildende Kraft vergesst oder überseht und in eurem Denken und Handeln außen vor lasst? Seid ihr da wirklich auf der Höhe der Zeit?

Unsere säkulare Kultur ist eingeladen, erneut in den konstruktiven Dialog mit der christlichen Religion einzutreten und auf Augenhöhe mit ihr zu kommunizieren. "Der egalitäre Universalismus, aus dem die Idee von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative." Auch das übrigens Sätze von Jürgen Habermas.

Ich komme zum Schluß und fasse zusammen: Die Herausforderung, vor die uns die Säkularisierung heute stellt, ergehen an Kirche und säkulare Gesellschaft gleichermaßen. Die Kirche wird herausgefordert, sich zu besinnen und ihr Eigentliches engagiert, konzentriert und weltnah zu entfalten. Gegenüber der säkularen Situation hat die Kirche, ‚gerade weil sie diese Gesellschaft nicht integralistisch, doktrinär und rechtlich, in ihren konkreten Entscheidungen manipulieren kann, eine ganz neue Aufgabe, die man vielleicht als prophetisch qualifizieren könnte.‘ (Rahner)

Die säkulare Gesellschaft aber steht vor der nicht geringeren Aufgabe, sich nicht vorschnell und selbstzufrieden in einem biederen Säkularismus einzurichten und sich so von den wichtigsten Lebensquellen abzuschneiden.

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