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Texte und Reden

Medien, Kunst, Kultur

Ulm, 95. Katholikentag

Sehr geehrter Herr Prof. Schuck, sehr geehrter Herr Prof. Leicht, sehr geehrte Sängerinnen und Sänger, meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich heiße ich Sie alle hier willkommen zu einer der wohl außergewöhnlichsten Veranstaltungen im Rahmen des Katholikentags. Dabei dürfen wir uns auf die besondere Kombination von Text und Musik freuen, einer dialogischen Komposition der jahrtausendealten Texte der Psalmen mit den wunderbaren Vertonungen von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1650-1746). Dieser stand über 55 Jahre, was eine sehr lange Zeit ist, wenn man die Lebenserwartung zu dieser Zeit bedenkt, als Hofkapellmeister in Rastatt im Dienst der Markgrafen von Baden-Baden. Johann Caspar Ferdinand Fischer hatte durch seine Kompositionen an eine alte Tradition angeschlossen, die völlig zurecht die herrlichen Gebetstexte der Psalmen mit der jeweiligen zeitgenössischen Musik ins Gespräch und so zum Klingen bringt und sie so zu erschließen hilft. Auch heute noch sind nicht zufällig im Zusammenhang mit den Psalmen künstlerische Darstellungen von König David mit der Harfe eine naheliegende Assoziation.

Gestatten Sie mir hier zu Beginn einige kurze Vorbemerkungen zu den Psalmen selbst: Wenn wir dieses älteste Gebetbuch der Kirche aufschlagen, dann begegnen wir gleich auf der ersten Seite einem Text, der aufhorchen lässt: „Selig der Mensch, der Freude hat an der Weisung des Herrn.“

Bevor wir Menschen mit dem Beten beginnen, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass Gott all denen, die sich nicht einfach dem Zeitgeist ausliefern, sondern tief in ihr Herz hineinhören, die so etwas wie eine liebende Aufmerksamkeit für die Stimme ihres Herzens entwickeln, eine wunderbare Zusage macht: „Er ist wie ein Baum, an Wasserbächen gepflanzt, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken.“ (Ps 1,3)

Diese wunderbare Verheißung hat Menschen aller Jahrhunderte dazu ermutigt, sich Gott am Abend und am Morgen, in guten und schlechten Tagen anzuvertrauen. Und so begegnet einem in den Psalmen das ganze Panorama menschlicher Stimmungen, der Mensch wird in allen seinen Höhen und Tiefen geschildert und Menschen finden sich so auch heute noch in den verschiedensten Situationen und Phasen ihres Lebens wieder:

Bekenntnisse und Fragen, Klagelieder und Lobgesänge, Fluch und Segen, Hoffnung und Verzweiflung. Als Gebete, Gedichte und Lieder spiegelten sie die Lebens- und Glaubenserfahrungen konkreter Menschen wider. Sie alle kennen bekannte Formulierungen aus dem Buch der Psalmen: ‚O Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile mir zu helfen!’ , ‚Mit meinem Gott überspringe ich Mauern’, ‚Du stellst meine Füße auf weiten Raum’, „Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“ (Ps 130) „Aller Augen warten auf dich, o Herr. Du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit und erfüllest alles, was da lebt, mit Segen.“ (Ps 104)

So könnte ich noch endlos fortfahren und Sie würden viele bekannte Psalmverse wiederentdecken und womöglich manche vergessene Zeile neu finden. Psalmen können mit ihrer poetischen Sprache jenen dienen, die nicht in jeder Lebenssituation "kreativ" sind und zu eigenen Gebetsworten finden. Ich bin überzeugt, dass Psalmen auch für heutige Menschen eine Hilfe zum Glauben sind und eine innere Verwandlung bewirken können. Hierbei ist es mir durchaus wichtig, daran zu erinnern, dass die Psalmen als das eigentliche Gebetbuch des gläubigen Juden Jesus von Nazaret gelten und folglich uns auch heute eine besondere Nähe zu Jesus vermitteln könnten. Wer sich diesen Texten anvertraut, kann die Erfahrung machen, dass Beten eine befreiende Wirkung hat. Wer sich auf diesen spirituellen Weg einlässt, dem eröffnet sich nicht nur ein reicher Gebetsschatz, sondern - aus der besonderen Nähe zu Jesus heraus - eine wirkliche Wegweisung zum Leben. Psalmen können dabei auch dazu verhelfen, in seinem Beten nicht allzu kleinkariert zu werden und sich den Sorgen und Nöten der Menschheit zu öffnen. Und schließlich verbindet das Psalmengebet den einzelnen mit der ganzen Kirche, denn überall auf der Erde wird zu jedem Augenblick aus dem Psalter gebetet. Das zuletzt verbindende Element dabei ist die intensive und glaubwürdige, die erfahrungsgesättigte Schilderung von Ursituationen des Menschen, die die Psalmen auch heute noch aktuell und lebensnah erscheinen lassen.

Abschließend aber ist es mir wichtig, noch eine Bemerkung zu machen und so zu erschließen, worin für die frühen Beter der Psalmen jene Ursituation des Menschen stets begründet liegt. Ich hatte mit dem Anfang des Psalmenbuches begonnen und möchte nun die letzte Seite dieses Buches aufschlagen und damit einen Blick auf das eigentliche Geheimnis unseres Lebens werfen:

Jede Zeile dieses Psalms beginnt mit einem Aufruf zum Lob Gottes. Alle Musik-instrumente, Hörner, Harfen und Zither, Flöten und Zimbeln – verbunden mit Tanz – sollen aufgeboten werden, um dieses Lob gebührend aufklingen zu lassen. Schließlich heißt es geradezu überwältigend: „Alles, was atmet, lobe den Herrn!“ (Ps 150,6)

Die Botschaft ist eindeutig: Das eigentliche Ziel des ganzen Kosmos und auch unseres menschlichen Lebens ist das Lob des Schöpfers. Und das hat seinen tiefen Grund. Wenn wir Menschen einander ein ehrliches und echtes Lob spenden, dann übersteigen wir unsere eigenen Grenzen und begegnen in geheimnisvoller Weise dem anderen. Wir sprengen gleichsam die engen Grenzen unseres Ich und erfahren in der Begegnung erfüllendes Leben. Wenn wir nun Gott loben, dann übersteigen wir ebenfalls unser endliches und begrenztes Leben und kommen mit ihm in Berührung. Kann es für uns Menschen überhaupt Größeres geben, als mit der Quelle unseres Lebens in Berührung zu kommen?

So erschließen uns die Psalmen zuerst und zuletzt, worin das Geheimnis unseres Lebens begründet liegt, nämlich, dass es ein Leben aus Gottes Kraft ist. Deshalb kann ich mir auch keine schönere und angemessenere Veranstaltung hier auf diesem Katholikentag vorstellen. Ich danke allen, die zum Gelingen dieses Abends beigetragen haben oder jetzt gleich beitragen werden und wünsche uns allen eine spannende und faszinierende Begegnung mit dem Buch der Psalmen im Dialog von Text und Musik.

Ich danke Ihnen!

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