header_bischof.jpg

Texte und Reden

Medien, Kunst, Kultur

Stuttgart, Haus der Katholischen Kirche Stuttgart

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

(Bezug auf die Videosequenz vor der Ansprache)
Ein Selfie für die Ewigkeit! Das gemeinsame Foto eines älteren Paares als fortdauerndes Zeugnis für dessen Fortschrittsgläubigkeit! Ja, die beiden scheinen angekommen sein, im Hier und Jetzt. Schließlich haben sie letztendlich die Möglichkeiten und den Nutzen der digitalen Technik erkannt. Das Paar, das wir im soeben im Video gesehen haben, ist ohne Frage am Puls der Zeit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dass ein Thema, wie das Unsere am heutigen Abend die Gemüter bewegt – vielfach in positiver Weise, aber dass es sicherlich mindestens genauso viele Fragen aufwirft, zeigt Ihr zahlreiches Kommen (170 angemeldete TN)! Und dass der Umgang mit den immer rasanter und unübersichtlicher werdenden technischen Entwicklungen im weitesten Sinne so viele verschiedene Facetten unseres Lebensstils beinhaltet, macht allein die Anzahl der Referenten und ihrer Beiträge deutlich, die wir gleich im Anschluss verfolgen dürfen. Dafür möchte ich Ihnen, den Referenten, bereits jetzt zu Beginn des Abends danken. Mein besonderer Dank gilt zudem der Bischöflichen Medienstiftung, insbesondere dem Vorsitzenden des Stiftungsrates, Herrn Prof. Dr. Klaus Koziol, sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Planung, Vorbereitung und Realisierung der Tagung. Ohne Ihr Engagement und Ihre fachliche Kompetenz wäre eine Veranstaltung in dieser Qualität nicht möglich.

Warum, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste, weckt der Umgang mit der Digitalisierung unser ungeteiltes Interesse?
Sicherlich deshalb, weil wir – gewollt, aber auch ungewollt – Subjekt und Objekt, also Teil des Ganzen sind. Und weil es nahezu unmöglich ist, dass wir uns der fortschreitenden Digitalisierung unseres Lebens entziehen. Weil uns die immer neuen Möglichkeiten faszinieren, weil im Internet Leben pulsiert und weil wir am Puls des Lebens teilhaben wollen.

Der Schriftsteller Dave Eggers entwickelt in seinem unlängst erschienen Roman-Bestseller „Der Circle“ eine Utopie, die dennoch unserer Lebenswirklichkeit sehr entspricht: Eggers entwickelt ein Szenario der menschlichen Daseinsberechtigung, die letztlich in dem Wunsch gründet, gesehen zu werden. Eine möglichst hohe Anzahl von Viewern, derjenigen, die ein Leben verfolgen, steigern den Wert der menschlichen Existenz. „Ich will gesehen werden. Ich will den Beweis, dass ich existiert habe“, formuliert dies Eggers. Ist dies – Hand auf’s Herz – nicht auch die Intention eines Selfies?

Geht man durch die Fußgängerzone direkt hier vor dem Haus, stößt man fast unweigerlich mit Menschen zusammen, deren Blick beim Gehen nicht nach vorne, sondern auf ihr Smartphone gelenkt ist. Immer online: telefonieren, Nachrichten lesen, Profile bei Facebook oder WhatsApp aktualisieren, Neuigkeiten twittern, dazu den Puls messen und dabei das Tagesziel an Schritten zu erreichen – all dies sind Tätigkeiten, die viele heute nahezu beiläufig in ihren Alltagsablauf integrieren. All dies sind mediale Beweise der postmodernen menschlichen Existenz. – Ich teile, poste und like, also bin ich. Descartes lässt grüßen!

Der erst kürzlich verstorbene Journalist und Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher bezeichnete das Internet als die „Dampfmaschine des Geistes". Wie ein Muskel könne es seine Wirkung ins Unermessliche steigern.

Dabei dürfen wir das Wort „Maschine“ durchaus wörtlich verstehen. Viele kleine Geräte, die uns umgeben, die uns den Alltag erleichtern und mit denen wir arbeiten, ergeben das „Internet der Dinge": Brillen, Uhren, Autos, Fernseher, Joggingschuhe, Kühlschränke usw. können schon jetzt Daten aufnehmen und sie an jedem beliebigen Ort der Welt weitergeben – gerne wird in diesem Zusammenhang auch von „intelligenten Produkten“ gesprochen. Doch den Segen dieser neuen Technik erhalten wir leider nur zu einem hohen Preis. Er macht uns immer mehr zu gläsernen Personen. Wenige gigantisch große Konzerne, wie eben Google, Facebook, YouTube oder Amazon haben in stetig wachsendem Ausmaß Auswirkung auf uns als Nutzer, auf gesellschaftliche Ereignisse sowie politische Prozesse.

Dies möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen: Bereits heute bekommen die Auswirkungen schon diejenigen zu spüren, die sich bei einem neuen Arbeitgeber vorstellen. In sogenannten „Background Checks“ hat der Arbeitgeber heute bereits die Möglichkeit das Leben des Bewerbers zu beleuchten und darüber hinaus gleich Schlüsse für dessen Zukunft zu ziehen. Die Einschätzung der Eignung eines Bewerbers beruht somit nicht auf der rein fachlichen Qualifikation oder dem persönlichen Eindruck beim Bewerbungsgespräch, sondern ist Resultat von Algorithmen, von Rechenmodellen der Großcomputer.

Den Nutzen und den technischen Fortschritt bezahlen wir folglich, mit unseren Daten. Und spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowdens wissen wir, dass nicht nur Konzerne Interesse an unseren Daten haben. Wirklich privat ist also nichts, was über Datenleitungen transportiert wird. Und überall dort, wo Daten erhoben und gespeichert werden, wecken sie Begehrlichkeiten. „Post Privacy“, das Ende der Privatsphäre, ist für viele Menschen in der Tat längst eine Gewohnheit und „Big Data“ wird vom Einzelnen kaum noch kritisch hinterfragt.

All diese Szenarien provozieren Fragen: Wie sollen sich Menschen in einer zunehmend mediatisierten Gesellschaft angemessen verhalten? Welche Rolle spielt die Privatsphäre? Was bedeutet Freiheit? Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, in der Medien längst bis in die Intimsphäre des einzelnen hineinreichen und diese zu Geschäften nutzen?

Der jüngst verstorbene Theologe Eugen Biser hat in einem seiner letzten Bücher „Der obdachlose Gott“ die Ansicht vertreten, dass sich die technologische Zivilisation der Moderne nach und nach der Eigenschaften Gottes bemächtigt habe. Der Mensch wolle nun endlich so sein, wie Gott – schreibt Eugen Biser bereits 2005. Er erobert den Himmel und verschafft sich durch die Raumfahrt Allgegenwart; durch die globale Informations- und Überwachungstechnik, Allwissenheit und durch die Biotechnik beinahe schöpferische Allmacht. Bisers Überlegungen der Allmacht und Allpräsenz haben durch Big Data eine überraschende Aktualität erhalten. Alles, was elektronisch gesagt, geschrieben und preisgegeben wird, bleibt nicht im Raum des Privaten. Es wird im Namen von Sicherheit und Transparenz mitgelesen, mitgehört und zwar durch elektronische Augen und Ohren. Und diese vergessen nicht, was sie einmal gesehen und gehört haben. Aus maschinell gesammelten Daten werden Profile erstellt, die das Verhalten der Menschen prognostizierbar, berechenbar und kommerziell nutzbar machen, ja uns steuern können.

Schließen möchte ich an dieser Stelle noch einmal mit der Fiktion Dave Eggers im Roman „Der Circle“. Dort ist es schließlich ein ehemaliger Theologiestudent, dem Eggers folgende Worte in den Mund legt: „Jetzt werden alle Menschen die Augen Gottes haben […] Jetzt sind wir alle Gott. Bald wird jeder Einzelne von uns in der Lage sein, jeden anderen zu sehen und sein Urteil über ihn zu fällen: Wir werden alles sehen, was ER sieht. Wir werden SEIN Urteil aussprechen. Wir werden SEINEN Zorn channeln und SEINE Vergebung erteilen.“ Im Roman bleiben letztlich alle auf der Strecke!

Dieses Szenario steht im Gegensatz zum christlichen Schöpfergott, der alles ins Dasein gesetzt hat und den Weg seiner Geschöpfe mit wohlwollender Anteilnahme begleitet. Gottes Allgegenwart ist an seine Zuwendung und seine Liebe gebunden.

Der Mensch braucht die Begegnung und die Blicke seiner Mitmenschen. Er lebt von Anfang an mit dem wohlwollenden Blick der Anderen. Ohne ihn würde er sozial verkümmern. Aber dort, wo er um jeden Preis auffallen will, wo er krampfhaft um Aufmerksamkeit buhlt und seine Identität an das Ansehen der anderen hängt, wo er sich von Beliebtheitsskalen, Rankings oder Likes abhängig macht, da ist zu befürchten, dass er sich selbst aus dem Blick verliert.

Meine Damen und Herren,

es bleibt also die Frage: Ist das Internet der Dinge auch ein Internet für die Menschen? Dass dies so ist, dafür sollten wir stehen und dafür sollten wir uns einsetzen!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Archiv