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Texte und Reden

Medien, Kunst, Kultur

Stuttgart, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
liebe Angehörige und Freunde,
sehr verehrte Damen und Herren,

der Wettbewerb „Christentum und Kultur“ gehört inzwischen zur schulischen Kultur in unserem Bundesland. Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, haben sich im vergangenen Schuljahr intensiv mit einem Aspekt dieses unerschöpflichen Themas befasst, wie Christentum und Kultur in unserer Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart zusammenhängen, sich wechselseitig durchdringen und zum Blühen gebracht haben – und nach wie vor bringen.

Ich freue mich sehr, dass ich heute bereits zum dritten Mal (nach den Jahren 2004 und 2008) die Preise in diesem Wettbewerb verleihen darf – auch, weil er ein schönes Zeichen der ökumenischen Offenheit und Verbundenheit der evangelischen Landeskirchen und unserer katholischen Diözesen in diesem Bundesland ist.

„Kultur ist eine Abstraktion, bis man eine Geschichte erzählen kann“, so formulierte der Schriftsteller Cees Nooteboom im Januar 2010 in der Wochenzeitung DIE ZEIT (DIE ZEIT Nr. 4, 21.01.2010, S. 43). Und er fährt fort: „Und jede Kultur hat ihre eigene Geschichte. Aber wo beginnt sie? Tausend Dinge könnte ich aufzählen, die alle auf irgendeine Weise mit Kultur zu tun haben, ein Streichquartett, eine Lateinstunde, ein barockes Taufbecken, eine griechische Theatermaske, ein Alfa Romeo, eine Wajangpuppe, ein Brioni-Anzug, eine Bar-Mizwa, eine steinerne Jizo-Votivfigur, eine mittelalterliche Handschrift, eine Verbeugung, eine Moschee, eine Radierung, ein Computer… Aber fällt die tödliche Spritze in einem amerikanischen Gefängnis auch darunter? Sie gehört schließlich zur amerikanischen Kultur, oder nicht?“ Zitat Ende.

Bevor ich auf die von Nooteboom zuletzt gestellte Frage eingehe, möchte ich zunächst seinen ersten Satz unterstreichen: Ja, Kultur ist eine Abstraktion, bis man eine Geschichte erzählen kann. Gelingendes menschliches Zusammenleben gibt es nicht von selbst. Es gibt für den freien Menschen und die offene Gesellschaft keine Vorgaben, keine Instinkte, die von vornherein alles strukturieren und regeln. Menschen brauchen Kultur, damit Zusammenleben möglich ist und gelingt. Wer eine Geschichte erzählen und sie mit anderen teilen kann, hat ein „Dach über dem Kopf“. Und wer Symbole und Rituale kennt und versteht, ist nicht allein. Geschichten und Symbole verbinden Menschen untereinander, sie bieten Orientierung und Halt, sie nehmen Angst und machen so frei.

Aber womit beginnt sie, diese je eigene Geschichte einer je eigenen Kultur? „Tausend Dinge könnte ich aufzählen…“, so Nooteboom: Und, um auf seine provozierende Frage zurück zu kommen. „Fällt die tödliche Spritze in einem amerikanischen Gefängnis auch darunter?“ – da sie schließlich auch zur amerikanischen Kultur gezählt werden müsse.  

Wer, verehrte Damen und Herren, wer entscheidet bei der Fülle von Geschichten, Symbolen und gelebten Regeln und Umgangsformen in der globalen Weltgesellschaft, was normativ ist, was dazu „gehört“ und was nicht? Oder ist alles Kultur, nur weil es irgendwo auf der Welt praktiziert wird? Zugespitzter kann man kaum fragen: Gehört die nach wie vor praktizierte Todesstrafe zur Kultur eines Volkes dazu? – wird sie schließlich nach wie vor von der Mehrheit der Bevölkerung der USA gebilligt.

Der Essay von Cees Nooteboom wird von einem Foto begleitet, auf dem in winterlicher Landschaft ein Wegekreuz zu sehen ist. Unter dem Foto steht die Zeile: „In Deutschland gehören Kruzifixe zur Landschaft. Aber wer versteht noch, was er hier sieht?“ (Ebd., S. 43) Damit bringt der Schriftsteller selbst das zentrale Symbol des christlichen Glaubens ein. Sucht er eine Antwort vom Kreuz her? Vom Kreuz, dessen Bedeutung immer weniger Menschen verstehen?

Und dass es häufig nicht mehr verstanden wird, zeigt Nooteboom in seinem Text gleich zu Anfang, wenn er einem Japaner zu beschreiben versucht, warum Christen einen Gemarterten als zentrales Symbol haben. Die Erklärungsversuche klingen verkünstelt und bizarr, und so kann man gut nachvollziehen, wenn Nooteboom feststellt: „Wenn die Mehrheit der Zeitgenossen sich nicht mehr in den Bildern wiedererkennt, die einst Gemeingut waren, wenn die biblischen Szenen in den Gemälden Rembrandts unsichtbar geworden sind, weil kaum einer noch weiß, was da eigentlich dargestellt ist, dann sind wir zu unseren eigenen Japanern geworden, dann gehen die meisten in Kirchen und Museen wie Blinde umher und benötigen, wie die Japaner, eine Erläuterung, genauso wie sie in der Oper ein Programmheft brauchen, um der Geschichte folgen zu können.“ (Ebd.)

Zu unseren „eigenen Japanern“ geworden: Ich hielt zum Ende des letzten Jahres einen längeren Vortrag zur bis heute sprechenden Sakrallandschaft Oberschwabens, an der eine Ganzheitlichkeit und Tiefe deutlich wird, die unseren christlichen Glauben ja ganz entscheidend ausmacht. Doch auch wenn in der oberschwäbischen Landschaft und in unseren Kirchen landauf, landab das Kreuz noch ganz selbstverständlich präsent ist, auch wenn es bei Jugendlichen „trendy“ ist, einen Rosenkranz als Halskette zu tragen, müssen wir wieder lernen zu erzählen, was Symbole wie das Kreuz für die Christen vor uns bedeutet haben und was diese Zeichen des christlichen Glaubens und der christlichen Kultur be-zeichnen und be-zeigen.

Wenn Kranke und Sterbende in einem mittelalterlichen Spital das Bild des Gekreuzigten sahen, wie es etwa Mathias Grünewald so eindrücklich auf dem Isenheimer Altar dargestellt hat, dann lautete die unmittelbare Botschaft: Du bist in deinem Schmerz und in deinem Elend nicht allein. Einer ist bei dir. ER kennt deinen Schmerz und hat ihn selbst erlitten. Doch: Wer sieht dies heute noch mit, wer hört diese Botschaft noch mit, wenn er das Bild anschaut? Kultur bleibt Abstraktion, bis eine Geschichte kommt. Ich habe eine kleine Geschichte dazu: Auf einem Feldkreuz habe ich einmal die Worte gelesen: „Schau her o Christ, wenn arg dir ist, wenn zagt dein Herz.“ Ich habe das vor vielen Jahren nicht nur gelesen, sondern in einer für mich nicht einfachen Situation als Trost empfunden. Hieran wird beispielhaft deutlich, welch hohe kulturelle Aufgabe unsere Religion und auch der Religionsunterricht für unsere Gesellschaft doch leisten.

Es berührt von daher den Wesenskern der christlichen Religion, wenn ich in einer Rede zur Preisverleihung im Wettbewerb „Christentum und Kultur“ die Bedeutung des Kreuzes betone. Und so habe ich mich auch sehr gefreut, dass einige von Ihnen sich in Ihrer Preisarbeit ebenfalls an das Thema Leid und Kreuz herangewagt haben (vgl. 1. Preis, Karl-Philipp Flösch: Nichts erschrecke Dich! Leben an Leid-geprägten Orten am Beispiel des Karmel Regina Martyrum Berlin) / 3. Preis, Katarina Holstein: Kreuzwegstationen künstlerisch neu gestaltet). Wir werden davon später noch hören.

Lassen Sie mich vor diesem Hintergrund die noch offene Frage aus dem Nooteboom-Essay beantworten:
Die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger: „Der Herr ist wirklich auferstanden!“ (Lk 24,34) gibt dem Kreuz Jesu Christi eine letzte und tiefste Bedeutung. Es wird damit zum Zeichen der Gegenwart des lebendigen Gottes – gerade auch in der letzten Einsamkeit und Gottverlassenheit des Todes. Es gab noch keine Religion vor uns, die so existentiell und so lebensrelevant gedacht und geglaubt hat! In der Bergpredigt wird eine Einstellung und Lebenspraxis gefordert, die eine konsequente Entfeindung bewirken und die Gefahr eines eskalierenden Streites bannen kann. Im Zeugnis aller vier Evangelien sind das Kreuz Jesu Christi, sein Leiden und Sterben Ausdruck und Vollzug einer unbedingten Versöhnung und einer Liebe, die vor der Selbsthingabe nicht zurückschreckt. Der immer wieder Menschen irritierende Begriff des „Opfers“ ist hier von „offering“ kommend zu verstehen: als Angebot, als Hingabe, nicht jedoch von „sacrifice“: als Blutopfer zur Versöhnung einer Gottheit. Aber auch darum muss man wissen, um wesentliche Grundlagen unserer Religion sachlich angemessen erfassen zu können.  

Aus der Sicht des christlichen Glaubens lebt eine Kultur von Geschichten und Symbolen, die - so sie (noch) entziffert und verstanden werden können - Menschen zusammenführen und die sie gleichzeitig freisetzen und zur Liebe und Versöhnung ermutigen. Gewalt und Tod, auch Todesstrafe, haben hier keinen Platz.

Ich danke allen, insbesondere den Eltern und Pädagogen, die an der wichtigen Vermittlung kultureller Codes mitwirken, die um die Bedeutung unseres Beitrags für diese Gesellschaft wissen.
Ich danke Ihnen, den Preisträgern, für Ihre kompetente Auseinandersetzung mit Symbolen und Zeichen unserer Religion.
Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit.

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