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Texte und Reden

Medien, Kunst, Kultur

HERDER KORRESPONDENZ 62 11/2008 557

Herder Korrespondenz: Herr Bischof Dr. Fürst, bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda haben sich die deutschen Bischöfe in einem Studientag dem Thema „Kirche und Medien“ gewidmet, besonders den Herausforderungen durch die neueren technischen Entwicklungen, die gemeinhin unter das Stichwort Digitalisierung gefasst werden. Was stand denn noch hinter diesem Studientag, die klamme Kassenlage, die eine stärkere Konzentration und Prioritätensetzung auch beim Medienengagement verlangt, oder die Unzufriedenheit mit dem bisherigen?

Bischof Fürst: Dass wir uns insbesondere mit den elektronischen Medien beschäftigen müssen, steht schon länger auf der Agenda. Papst Johannes Paul II., der immer eine besondere Sensibilität für die Entwicklungen in der Medienwelt zeigte, hat schon im Januar 2005 in einem Apostolischen Schreiben zu den elektronischen Medien gemahnt, die Kirche müsse´sich in diesem Bereich noch viel stärker engagieren. Anfang letzten Jahres hat der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel in Madrid ein großes Symposion veranstaltet zu den elektronischen Medien allgemein, zum katholischen Fernsehen und zum kirchlichen Internetengagement im Besonderen. Im Übrigen hat sich die Deutsche Bischofskonferenz bereits 2002 mit dem Internet beschäftigt. Und inzwischen ist das Portal „katholisch.de“ entstanden beziehungsweise hatten wir Anfang 2007 schon seinen ersten Relaunch. Auch die öffentliche Diskussion über die sich verändernde Medienwelt ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Wir Bischöfe sitzen ja nicht im Glaskasten.

Herder Korrespondenz: Von außen hieß es, die Bischöfe beraten jetzt über einen eigenen Fernsehkanal ...

Bischof Fürst: Auch die Frage, ob es einen katholischen Fernsehsender in Deutschland braucht, ist nicht erst in den letzten zwei Jahren aufgekommen. Dieses Thema stand schon auf der Tagesordnung oder war zumindest im Gespräch, als ich die Leitung der Publizistischen Kommission der Bischofskonferenz übernommen habe. Wir nutzen Bücher, Zeitschriften, jetzt auch das Internet – warum nicht auch das Fernsehen? Warum bestehen gerade hier so große Berührungsängste, warum gerade hier eine so starke Abwehr? Nach dem Studientag haben wir uns verständigt, uns zunächst auf den Internetauftritt und auf „bewegte Bilder“, das Angebot von Video Streams im Internet, zu konzentrieren. Auch hier befinden wir uns doch in einem größeren  Diskussionszusammenhang – nehmen Sie nur die aktuelle Auseinandersetzung über das Internetengagement der öffentlich-rechtlichen Sender.

Die elektronischen Medien haben sich so verändert und verändern sich noch, dass sich alle Gedanken machen müssen, wie sie sich neu positionieren. „Wir lassen uns gelegentlich zu sehr von den Medien sagen, wer wir sind.“

Herder Korrespondenz: Spielen neben diesen technischen Entwicklungen aber nicht doch auch noch andere Überlegungen eine Rolle wie beispielsweise eine große Unzufriedenheit über das Bild der Kirche oder schon ihr schiere Präsenz in den Medien?

Bischof Fürst: Natürlich nehmen wir auch wahr, dass Kirche mit ihrer Botschaft, ihrem Engagement und Leben insgesamt, dass die Kirche mit all ihren Facetten nur sehr ausschnitthaft vorkommt. Das Interesse der Medien richtet sich auf das Außergewöhnliche, das Spektakuläre und Skandalöse. Ein adäquates Bild der katholischen Kirche in Deutschland lässt sich in den säkularen Medien wohl kaum vermitteln. Von der alltäglichen Arbeit, dem Engagement Unzähliger im Geiste des Evangeliums und zum Heil, zum Wohlergehen der anderen kommt viel zu wenig rüber. In einem wirtschaftsorientierten Fernsehen, wo man nur noch auf Einschaltquoten schaut, sind das alles langweilige Themen, die keine Quoten bringen. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sieht das besser aus, aber auch nicht sehr viel besser. Deshalb müssen wir uns auch selbst die Möglichkeit schaffen, zu zeigen, was wir tun und wer wir sind, zu informieren und aus christlichem Geist heraus die Medien zu nutzen.

Herder Korrespondenz: Kommt die Kirche in den säkularen Medien schlicht nur zu kurz oder beklagen Sie damit auch ein verzerrtes Bild?

Bischof Fürst: Ich habe schon gelegentlich den Eindruck, wir lassen uns zu sehr von den Medien sagen, wer wir sind, was wir tun sollen und was wir gefälligst zu lassen haben. Die Kirche tut doch viel mehr Gutes, als öffentlich vermittelt wird und bekannt ist. Wenn ich nur daran denke, was Kirche im karitativen Bereich leistet, und zwar für die Gesellschaft als Ganze und nicht nur, wenn ich es etwas salopp formulieren darf, zur Förderung unseres eigenen Vereins. Dieses etwas deutlicher herauszustellen, sind wir unserer Botschaft shuldig. Und auch en Kirchensteuerzahlern. Wr sollten auch nicht nur aber liturgische Events oder krchliche Mega-Veranstaltungen wahrgenommen werden, so wichtig und schön diese sind, sondern auch darüber, was wir im Interesse der Gesellschaft tun, beispielsweise für jeden, der in einer Notlage zu uns kommt.

Oder nehmen Sie den Bericht der Bundestags-Enquête-Kommission zur Kultur in Deutschland, der im Dezember letzten Jahres veröffentlicht wurde und das Kulturengagement der Kirche aufs Höchste lobt. Wo kommt das in den Medien vor? Wir wissen nicht einmal innerhalb der Kirche ausreichend Bescheid über das eigene Engagement in Kultur oder Diakonie. Deshalb können wir dieses Engagement auch nicht selbstbewusst darstellen. „Ein kircheneigener Fernsehkanal könnte eine wichtige Ergänzung sein“.

Herder Korrespondenz: Soll beziehungsweise kann kirchliches Medienengagement kompensieren, was eine säkulare Medienwelt nicht leistet? Geht es darum, in dieser säkularen Medienwelt besser repräsentiert zu sein, oder schaffen wir uns einfach unsere eigene Medienwelt?

Bischof Fürst: Kompensieren können wir nicht, und das ist auch nicht Sinn der Sache – etwa so, dass wir das, was die öffentlich-rechtlichen Sender bringen, selbst nicht aufgreifen, dass wir aber bringen, was dort nicht berücksichtigt worden ist. Aber ein eigenständiges Angebot zu produzieren, das die Kirche und ihre Botschaft in der Welt, in der wir leben, mit Blick auf die Adressaten sachgemäß bedenkt – das ist schon möglich. Ich bin mir zwar auch sicher, dass wir damit keine Super-Einschaltquoten erreichen werden, aber wir würden wahrgenommen.

Herder Korrespondenz: Was lässt Sie da so zuversichtlich sein?

Bischof Fürst: Alle, die sich auch nur ein bisschen mit der katholischen Kirche beschäftigen, wissen mittlerweile, dass wir über ein katholisches Fernsehen nachdenken; diese  Diskussion hat jetzt schon eine enorme Werbewirkung. Wenn wir heute den Startknopf drücken, würden schon sehr viele einschalten. Das haben wir anderen gesellschaftlichen Gruppen, Organisationen und Einrichtungen voraus: Wir sind 26 Millionen Katholikinnen und Katholiken,Menschen, die immer noch in der Kirche sind und Kirchensteuer zahlen – ein ungeheurer Resonanzboden. Die Kirche verfügt auch mit ihren Medien von den Gemeindeblättern über die Bistumszeitungen bis hin zu selbst verantworteten Radiosendungen über enorme Werbemöglichkeiten. Kirche ist eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft. Eine ARD hat eine solche Gemeinschaft nicht hinter sich. Also, da müssten doch ein paar Hunderttausend Zuschauer zu mobilisieren sein.

Herder Korrespondenz: Das von Ihnen beklagte unangemessene Bild der Kirche in der breiten Öffentlichkeit lässt sich doch mit einem Spartenkanal kaum korrigieren ...

Bischof Fürst: Korrigieren ist auch das falsche Wort. Wir werden kaum die breite Resonanz erreichen wie die großen Sender. Aber ein solcher kircheneigener Fernsehkanal könnte eine wichtige Ergänzung sein. Natürlich werden wir die nicht erreichen, die im Internet oder im Fernsehen nur Spaß und Unterhaltung suchen. Und keiner von uns will das eigene Profil so herunterschrauben, dass nur wegen des Logos im Fernsehbild erkennbar ist, dass dies zwar ein katholischer Sender ist, dass sich aber seine Inhalte nicht von anderen unterscheiden lassen.

Herder Korrespondenz: Mit welchen Inhalten oder Formaten wäre ein solches kirchliches Angebot denn unterscheidbar?

Bischof Fürst: Nehmen Sie das Beispiel des Weltjugendtags in Sydney im Sommer dieses Jahres. In den öffentlich-rechtlichen Sendern war kaum etwas davon zu sehen und wenn, nur zu später Stunde. Aber es gibt in der Kirche viele Jugendliche, die selbst gern hingefahren wären, aber es sich aus verschiedenen Gründen nicht leisten konnten; vielleicht waren Freunde und Bekannte dort. Viele hätten in jedem Fall in die Sendungen über den Weltjugendtag geschaut, wenn es sie gegeben hätte – da bin ich fest überzeugt. Ich bin mir auch sicher, dass es durchaus viele sind, die sich beispielsweise für das Christentum in Afrika oder Asien interessieren und von dort beispielsweise gut gemachte Dokumentationen darüber anschauen würden.

Herder Korrespondenz: Genau an diesem Punkt sind aber viele skeptisch, ob sich die Kirche ein solches gut gemachtes Angebot überhaupt leisten kann. Sie haben vor wenigen Wochen mit einigen Ihrer Mitbrüder und einer Gruppe von Journalisten Kirchensender in den USA und Kanada besucht, um zu schauen, wie das geht und was es wirklich kostet.

Bischof Fürst: Ich habe bei fünf, sechs namhaften katholischen Sendern selbst gesehen,  ie ein 24-Stunden-Programm möglich ist, das eben keine 20 oder 30 Millionen kostet, wie hier immer wieder behauptet wird. Natürlich ist ein solches Programm nur mit Wiederholungen und dem gegenseitigen Austausch von Sendungen möglich. Die Kosten bleiben dort aber unter fünf Millionen Dollar im Jahr. Ich war tief beeindruckt von der  hohen Professionalität der Mitarbeiter, die einhergeht mit einer gleichermaßen hohen persönlichen Identifikation mit der Kirche. Und obwohl die Sender zur katholischen Kirche gehören, sind sie doch relativ unabhängig. Natürlich herrscht dort ein anderes Lohnniveau: Boston-TV zum Beispiel bleibt mit 30 Mitarbeitern unter fünf Millionen Dollar. Wir müssen jetzt rechnen, was ein vergleichbares Angebot bei uns kosten würde. „Etwas tun, damit die Leute wissen, was mit der Kirchensteuer passiert“

Herder Korrespondenz: Die Kirche lässt sich ihr Medienengagement ja jetzt schon einiges  osten, mit einer eigenen Nachrichtenagentur, einer Wochenzeitung, selbst verantworteten Radio- und Fernsehproduktionen für die Privatsender, aber auch einer katholischen Journalistenausbildung. Was bedeutet die neue Konzentration vor allem auf das Internet für das traditionelle Medienengagement?

Bischof Fürst: Wir können jedenfalls nicht einen Bereich abschalten, um einen anderen Bereich einzuschalten.Um Internet-Fernsehen zu etablieren, können wir etwa die Katholische Nachrichtenagentur wirtschaftlich nicht noch mehr einschränken. Die KNA hat eine Größe erreicht, wo nichts mehr einzusparen ist; das zeigt sich schon,wenn wir die KNA mit dem evangelischen Pendant Evangelischer Pressedienst vergleichen. So sind wir auf der einen Seite stolz auf die KNA. Zum anderen ließe sich über das Internet-Fernsehen nicht kompensieren, was wir zum Beispiel an Zeitschriften und Zeitungen aufgeben würden. Wir brauchen das Gemeindeblättchen, die Bistumszeitung, den Rheinischen Merkur, die Präsenz im Radio ...

Herder Korrespondenz: Aber wird man nicht angesichts der engen Kassenlage doch gezwungen sein, umzuschichten, das knappere Geld anders als bisher einzusetzen? Oder braucht es schlicht mehr Geld für die Medien?

Bischof Fürst: In jedem Fall müssen wir auf die finanzielle Situation der einzelnen Bistümer besondere Rücksicht nehmen und sehr genau schauen,wer noch was schultern kann. Die Frage der Finanzierung darf jedoch keine Auswirkung auf Präsenz und Inhalte haben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wenn wir alle jetzt erst einmal die Möglichkeiten des Internet-Fernsehens prüfen, sich viele Sorgen und Befürchtungen zerstreuen werden und dann auch die Bereitschaft da sein wird, eine gute Sache nach Möglichkeiten zu finanzieren.

Herder Korrespondenz: Muss im Aufgabenspektrum der Kirche das Medienengagement insgesamt einen höheren Stellenwert bekommen – was dann eben auch seinen Preis hat?

Bischof Fürst: Wenn das schlechte Image der Kirche in der Öffentlichkeit Kirchenaustritte provoziert, bin ich umgekehrt zuversichtlich, dass eine angemessenere Darstellung dessen, was wir tun, und damit auch ein besseres Image den einen oder anderen halten könnte. Vielleicht würde mancher dann sagen, jetzt sehe ich sehr viel besser, was die Kirche mit meiner Kirchensteuer, meinem Geld macht. „Die Urteilskraft der Menschen muss gestärkt werden“

Herder Korrespondenz: Mit einem eigenen Fernsehkanal würde man diese Zielgruppe am Rand, solche, die schon den Austritt erwägen, wohl eher nicht erreichen ...

Bischof Fürst: Das müssen Sie grundsätzlicher sehen. Ich bekomme in jedem Fall immer wieder auch von sehr identifizierten Gläubigen gesagt, Ihr müsst etwas tun, damit die Leute wissen, was mit der Kirchensteuer passiert. Neulich schlug mir ein befreundeter Arzt vor, ob die Kirche nicht alle vier Wochen ein für die Empfänger kostenloses Mitteilungsblatt machen könnte oder einen Newsletter verschicken, damit man sieht, was sie tut, eben auch mit der Kirchensteuer. Freilich, so etwas wäre im Augenblick nicht ratsam, denn es würde unsere Bistumsblätter gefährden. Aber die Fachleute erklären uns, dass immer mehr Menschen ihre Informationen im Internet suchen; und die Zahl der Internetnutzer steigt derzeit besonders bei der älteren Generation, den so genannten Silver Surfers“. Wir müssen jedenfalls sehr viel mehr tun, um die Menschen über Medien zu erreichen und ihnen ein anderes Bild von der Kirche zu ermöglichen. Das ist zugegeben ein hoher Anspruch. Aber warum engagieren sich in aller Welt die Ortskirchen so sehr im  Bereich der elektronischen Medien – auch sehr viel ärmere Kirchen? Nur Deutschland stellt da einen fast weißen Fleck auf der Karte dar.

Herder Korrespondenz: Verfügt die deutsche Kirche nicht, beispielsweise abgesichert durch die Rundfunkstaatsverträge, über eine mediale Präsenz, nach der man sich andernorts  nur sehnen kann?

Bischof Fürst: Ja, grundsätzlich stimmt das. Aber wie sieht denn die Realität aus bei den Privatsender, aber auch bei den öffentlichrechtlichen Sendern? Es ist doch durch zahlreiche Studien gut belegt, wie wenig die Kirche da vorkommt. Gerade ist eine Studie des Züricher  Medienforschungsinstituts Media Tenor erschienen, nach der lediglich in vier von 1000 Fernsehbeiträgen die Kirche im Mittelpunkt steht. Untersucht wurden die „Tagesschau“, „heute“, „RTL aktuell“, „Sat.1-News“ und „Newstime“. Evangelische und katholische Kirche tauchen demnach im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gerade einmal in 0,41 Prozent aller Beiträge auf, bei den Privaten kommt die katholische Kirche in 0,07 Prozent der Berichte vor, die Präsenz der evangelischen Kirche lässt sich empirisch schon gar nicht mehr fassen. Dabei geht es uns doch gar nicht um eine Masse von Meldungen zu irgendwelchen x-beliebigen Fragen, die zwar mit der Kirche zu tun haben, aber doch nebensächlich sind. Es geht darum, was die Kirche tut, was sie bedeutet für die Gesellschaft, für die Menschheit. Wir können doch nicht akzeptieren, dass die Kirche zu einer quantité négligeable wird, obwohl in Deutschland 52 Millionen Christen leben und sich von diesen 52 Millionen nach einer aktuellen Zugehörigkeitsstudie die Hälfte, also 26 Millionen, ihrer Kirche wirklich zugehörig fühlen, die anderen zumindest ihre Mitgliedschaft aufrechterhalten.

Herder Korrespondenz: Wie will die Kirche da jetzt Gegenakzente setzen?

Bischof Fürst: Gegenakzent klingt mir zu konfrontativ. Es geht um Ergänzung. Und wir reden natürlich über anspruchsvolle Ideen und müssen schauen, was sich davon realisieren lässt. Aber nehmen Sie doch nur einmal die völlig unbefriedigende Diskussionskultur in den üblichen Fernseh-Talkrunden, gerade wenn es um die zentralen Fragen unserer Zeit geht, etwa die Bioethik. Da wird geredet und geredet von Leuten, die kaum Sachkenntnis haben.Wer da wirklich am Thema interessiert ist, kann nicht zufrieden sein. Wenn es da alle zwei oder drei Tage eine halbstündige Talk-Runde gäbe, wie es sie bei Phönix beispielsweise schon gibt, ganz orientiert an Sachinformation und guten Argumenten – ich bin mir sicher, ein solches Angebot würde sein Publikum rasch finden. Insofern will ich schon von einem Gegenakzent reden, nämlich das allgegenwärtige so genannte Infotainment wieder etwas mehr in Richtung Sachinformation lenken. Die Urteilskraft der Menschen muss gestärkt werden. Das ist nicht zuletzt in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft von großer Bedeutung.

Herder Korrespondenz: Die Sender würden ihre verschiedenen Formate nicht so konzipieren, wenn das Publikum nicht auch bei schwierigen Sachthemen unterhalten werden wollte ...

Bischof Fürst: Von den großen Sendern höre ich immer, dass alle nur noch unterhalten werden wollen. Ich bin da skeptisch. Werden die Medien nicht doch auch von vielen genutzt, um sich ein Urteil bilden zu können? Ich denke die Presse ingesamt, Print, Radio und Fernsehen, sollte sich wieder stärker auf ihre Herkunft besinnen. Sie ist doch angetreten, mit dem Anspruch der Aufklärung, die Menschen möglichst objektiv zu informieren, damit sie sich ein Bild machen und als mündige Bürger ein Urteil fällen können, um sich angemessen zu verhalten. Das klingt heute fast schon zu idealistisch. Aber wir brauchen diese Rückbesinnung, weil nur so Demokratie funktioniert. Klamauk, bei dem kein Mensch mehr weiß, was ernst ist und was wirklich stimmt, Sex, Crime und die Flucht in Fantasy-Welten – das ist nicht primär die Aufgabe der Medien in unserer Gesellschaft. Unser modernes Gemeinwesen braucht die Medien, eine plurale Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn die Medien die Kommunikation zwischen den ausdifferenzierten gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen, durch vermittelte Meinungsbildungsprozesse.

Herder Korrespondenz: Ein Gutteil der von Ihnen beschriebenen Negativentwicklung gerade im Fernsehen ist doch den privaten Sendern anzulasten, die wiederum die öffentlich-rechtlichen unter Konkurrenzdruck setzen. Gerade aber auch die Kirche hatte große Hoffnungen in ein Engagement bei den Privaten gesetzt, nicht zuletzt aus Unzufriedenheit mit den vorgeblich antikirchlich oder zu kritisch eingestellten öffentlich-rechtlichen Sendern. Sind diese Hoffnungen nicht restlos enttäuscht worden?

Bischof Fürst: Im Großen und Ganzen schon. Die Kirchen kommen zwar vor bei den Privaten und wir produzieren mit unserer „Kirche im Privatfunk“ in diesem Bereich auch schon einiges, sowohl Radio als auch Fernsehen; die Situation ist aber unbefriedigend.

Herder Korrespondenz: Die Skepsis gegenüber einem kircheneigenen Fernsehkanal rührt aber oft doch von den schlechten Erfahrungen mit dem kirchlichen Engagement bei den privaten Sendern her...

Bischof Fürst: Wir haben hier doch eine ganz andere Ausgangslage. Wenn ein privater Sender, gleich ob Radio oder Fernsehen, startet, hat er kein Publikum. Ein katholischer Fernsehsender dagegen hat potenziell ein Publikum von 26 Millionen, Mitglieder der Kirche, die da auf Sendung geht. Wir verfügen doch über einen enormen Wettbewerbsvorteil, der von anderen niemals wettgemacht werden kann. Stellen Sie sich doch nur vor, wenn sich alle, die in der Verkündigung tätig sind, immer wieder werbend auf diesen Kanal beziehen… Ich bin da nicht skeptisch. Ein Versuch ist in jedem Fall zu wagen. „Etwas Gemeinsames ist immer mehr als die Summe von Einzelaktivitäten.“

Herder Korrespondenz: Einige Bistümer legen seit langem schon großen Wert auf ihre Medienarbeit und lassen sich diese – im Rahmen der Möglichkeiten – auch etwas kosten. Wie stehen überhaupt die Chancen für einen stärker gemeinsam verantworteten Medienauftritt, für ein gemeinsames Medienengagement der katholischen Kirche in Deutschland? Wie wichtig ist ein solcher gemeinsamer Auftritt?

Bischof Fürst: Natürlich soll sich die diözesane Struktur der Kirche auch im Medienbereich abbilden. Ich halte beispielsweise wenig von der „Fusionitis“ bei den Bistumszeitungen. Über die Trägerstruktur eines wie immer auszugestaltenden Kirchen-Fernsehen müssen wir sicherlich noch weiter nachdenken. Mir schwebt ein Modell vor wie bei der Katholischen Nachrichtenagentur. Die KNA besitzt eine relativ hohe Unabhängigkeit. Sie hat gewisse  Vorgaben, etwa dass sie professionell arbeitet, dass sie keine Ideologie verbreitet, keine Kirchenpolitik betreibt, dass sie Nachrichten aus der katholischen Welt seriös weitergibt. Eine ähnliche Konstruktion wäre für einen gemeinsamen Sender auch denkbar. Wir haben ja auch „Katholisch.de“ als Internetportal der ganzen Bischofskonferenz. Auch dafür bringen die einzelnen Diözesen unterschiedliche Beiträge auf. Selbstredend achten alle darauf, wie und wie häufig sie dort vorkommen, wir in Rottenburg-Stuttgart auch. Da gibt es manchmal Spannungen – so wie es auch bei den künftigen Projekten Spannungen geben wird ...

Herder Korrespondenz: In jedem Fall reicht es nicht, wenn 27 Diözesen, je nach ihren Möglichkeiten, im Medienbereich nur ihren eigenen Stiefel machen?

Bischof Fürst: Etwas Gemeinsames ist immer mehr als die Summe von Einzelaktivitäten. Und wir wollen auch mehr als nur die Ansammlung von 27 unterschiedlichen Präsentationen in den neuen Medien.Wenn ich jemanden auf der Straße frage, auch einen praktizierende Katholiken, was fällt Dir zum Medienengagement der katholischen Kirche ein, dann fällt den meisten gar nichts ein. Dabei ist die Kirche ein potenzieller Mediengigant: Unsere Bistumsblätter haben eine Gesamtauflage von 800 000; nimmt man die Gemeindeblätter dazu, die in den letzten Jahren im Durchschnitt immer besser, professioneller geworden sind, kommen wir zusätzlich auf sieben Millionen Printprodukte. Wir haben mit dem Institut zur Förderung des Publizistischen Nachwuchses eine eigene Journalistenausbildung. Auch im elektronischen Bereich gibt es schon einiges, auch wenn wir immer noch viel zu „printlastig“ sind. Unsere zentrale Schwäche ist die Zersplitterung.

Herder Korrespondenz: Wie immer nun ein künftiges Engagement der Kirche in den elektronischen Medien aussieht, vom Ausbau des Internetportals bis zu einem eigenen Fernsehkanal, was sollte das gemeinsame Ziel sein?

Bischof Fürst: Ein Plus an Relevanz und Wahrnehmung von Kirche in unserer Gesellschaft. Wenn wir ein begründetes Bewusstsein hätten von dem, was unsere Kirche auf der Botschaft des Evangeliums wirklich bewirkt und Gutes tut, würden wir auch aus dieser oft duckmäuserischen Art und dem verschämten Verhalten herausfinden und uns mit mehr Selbstbewusstsein als Kirche in der Gesellschaft und auch untereinander begegnen. Ein Kirchenkanal oder Internet-Fernsehen bewirkt keine Wunder, aber wir stehen vor einem brachliegenden Feld, das wir bislang nicht oder zu wenig nutzen, das aber durchaus viel Frucht bringen kann.

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