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Texte und Reden

Neujahrsansprachen

Stuttgart

Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte liebe Gäste!

Was war das für ein Jahr, das Jahr 2014! Noch kein Jahr habe ich erlebt, in dem so viele kriegerische Konflikte, Gewalt, Terror und unvorstellbare Grausamkeiten geschehen sind. Heute ist der Friede unserer Welt fragil wie lange nicht mehr. Ich habe dieses Jahr 2014 in vielem unübersichtlich, ja verstörend erlebt.

Wenn ich andererseits auf unsere Ortskirche Rottenburg-Stuttgart schaue, blicke ich sehr dankbar zurück auf vieles, was geschehen und gelungen ist. Die herausragende Arbeit zehntausender Ehrenamtlicher in unseren Kirchengemeinden, die mit ihrem vielfältigen Engagement Zeugnis ablegen für die heilsame Wirkung der christlichen Botschaft. 2014 möchte ich besonders die Hilfe und Unterstützung für Flüchtlinge hervorheben. Ihnen und allen, die ihren Glauben leben, sind wir besonders dankbar.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
mit Blick auf die Krisenherde in Osteuropa, die Bürgerkriege in der arabischen Welt und die Flüchtlingsströme scheint die Welt wie aus den Fugen geraten zu sein.

Angesichts der Entwicklungen unseren modernen Gesellschaften diagnostiziert Gabor Steingart, ein früherer Spiegeljournalist und bis 2012 Chefredakteur des Handelsblatts, Hannover einen höchst beschleunigten Veränderungsprozess in allen Teilen unserer Lebenswelten. Nichts sei mehr normal. Das Normale habe sein Recht und seine selbstverständliche Geltung, die im Alltag uns entlaste, eingebüßt. Und so trägt eines seiner neueren Bücher den Titel: „Das Ende der Normalität – Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war“.

Am Ende seines Nachrufes formuliert Steingart ein erstaunliches Resümee, bei dem in überraschender Weise die beiden großen Kirchen in Deutschland ins Spiel kommen. Da heißt es:

„Auch die zwei deutschen Großreligionen, die Verfemten, könnten neu befragt werden. Vielleicht haben sie gerade jetzt, wo ihre Kraft nicht mehr reicht, die Gesellschaft zu dominieren, ihr Brauchbares zu bieten. Niemand muss ein Gefolgsmann Luthers oder Messdiener des Papstes werden, um die Stille der Kirchen und die Spiritualität ihrer Gottesdienste als bereichernd zu erleben. Wir können die Erzählungen der Apostel weiterhin als Werbebotschaft für ein ungewisses Jenseits interpretieren und mit routinierter Empörung zurückweisen. Mit gleichem Recht können wir diese Botschaften aber auch als Gleichnisse lesen, die Nachdenklichkeit anregen und Trost spenden.
Dauertiefstpreise gibt es an jeder Ecke, Hoffnung aber haben Schlecker und Mediamarkt bisher nicht im Sortiment. …
Gerade in der entgrenzten, beschleunigten, atomisierten Welt braucht das Individuum eine Ordnung. Ohne sie ist der Einzelne vereinzelt, wird die Freiheit zur Willkür, führt Konkurrenzkampf zu Rücksichtslosigkeit, lässt Eigennutz alle sozialen Regungen absterben. Noltes »Fülle der Gesellschaft« wirkt, wenn sie unsortiert stehen bleibt, als Orientierungslosigkeit in sie zurück. ... An das Individuum stellt die neue Zeit damit hohe … Anforderungen. Das Ende der Normalität bedeutet eben nicht das Ende der Geschichte, sondern den Beginn einer neuen Zeit. Es wird keine leichte Zeit sein.“ Zitat Ende.

Auch in der neuen Zeit braucht es offensichtlich Sinn gegen Leere, Verzweiflung und Apathie, und es braucht Orientierung angesichts der „absoluten Ungewissheiten“ und des „Feuerwerks der Komplexitäten“ (Opaschowski, S.11) unserer Zeiten.

An diesem „Beginn einer neuen Zeit“ könnte das Christentum, für das die Kirchen stehen, so neu nach ihrem Brauchbarem befragt werden. Denn es hat – in der Tat – der Gesellschaft, den Menschen Brauchbares zu bieten: neue Nachdenklichkeit, Spiritualität, Räume der Stille im Lärm, Orientierung, Kraft, Hoffnung, Trost.

Und ich füge noch hinzu: Als „Brauchbares“ hat das Christentum anzubieten sein Bild vom Menschen, das christliche Verständnis vom Menschen als Person. Jeder Mensch hat seine unverlierbare Würde und zwar nicht durch Leistung, sein Können, seine Stellung oder seine Abstammung, sondern durch sein Menschsein: Der Mensch ist Person, aus ihr leiten sich seine Personwürde und seine Personenrechte ab. Der Mensch ist Person, nicht weil er sein eigenes Produkt ist, sondern weil er Geschöpf Gottes und Gottes Ebenbild ist.

Unter der Perspektive aus dem Geist des Christentums Brauchbares anzubieten und so Sinn und Orientierung zu geben, möchte ich heute zu einigen Themen sprechen. Ich werde zunächst auf die aktuellen Herausforderungen durch die dramatischen Flüchtlingsbewegungen eingehen und dann auf die bewegten Zeiten und irritierenden Vorgänge in der islamischen Welt blicken.

In einem zweiten Teil werde ich Ehe und Familie als ein Leitbild für unsere Gesellschaft thematisieren und zuletzt unsere diözesane pastorale Konzeption einer Erneuerung der Ortskirche von Rottenburg-Stuttgart vorstellen.

Meine Damen und Herren!
Menschen sind auf der Flucht. In einem Ausmaß wie nie in der Geschichte. Wieder sehen wir in diesen Tagen die aufrüttelnden Bilder mit der großen Zahl von Flüchtlingen.

Niemand kann da tatenlos zusehen. Genauso wenig hat jemand ein Patentrezept bereit. Aber es muss mehr und Überlegteres geschehen. Jeder muss tun, was ihm möglich ist, insbesondere für die Menschen, die jetzt schon da sind und schon unterwegs sind zu uns.

Was wir als Ortskiche bisher getan haben, möchte ich kurz vorstellen.

Als sich im Frühsommer 2013 die Lage dramatisch zuspitzte und der Papst Lampedusa in Süditalien besuchte, haben wir die Verantwortlichen und alle in der Diözese dazu aufgerufen, die Initiative von Franziskus zur Aufnahme und menschenwürdigen Behandlung der Flüchtlinge zu unterstützen. Im Zusammenhang des Kongresses zur Bedeutung des Heiligen Martin für unsere Zeit im Oktober 2013, habe ich das Kloster Weingarten als Herberge für Flüchtlinge geöffnet und für die aktuellen Aktivitäten einen Bischöflichen Beauftragten für Flüchtlinge bestellt. Im Mai 2014 sind dort 40 Flüchtlinge aus Afrika eingezogen. Wir haben am Flüchtlingsgipfel der Landesregierung teilgenommen und die seit Jahrzehnten stattfindende Flüchtlingsarbeit des Caritasverbandes öffentlich vorgestellt. Im Dezember haben dann Chaldäer – ca. 3000 chaldäische Christen aus dem Irak sind hierher schon geflohen – in Stuttgart die St. Pauluskirche zusammen mit dem Gemeindezentrum im Stadtteil Rohracker übereignet bekommen. Mein Besuch einiger von der Kirche für Flüchtlinge zur Verfügung gestellter Unterkünfte sollte zeigen, dass uns Flüchtlinge willkommen sind.

Ich möchte in diesem Zusammenhang besonderen Dank aussprechen für die unerwartet große Zahl von Ehrenamtlichen und Helfern und Hauptamtlichen. Ich danke für die große Offenheit und Kooperationsbereitschaft der Behörden, Städte und Landkreise, auch der kirchlichen Einrichtungen. Durch ihrer aller Mitwirkung haben Flüchtlinge seit dem Frühjahr 2014 insbesondere aus Afrika, Syrien und dem Irak in größeren Unterkünften der katholischen Kirche Unterkunft erhalten: Kirchheim am Ries, Kloster Weingarten, Oggelsbeuren, Familiendorf Langenargen, in Ergenzingen im Kloster der Schönstattschwestern.

Ist dies bloßer blinder Aktivismus? Oder gar taktisches Handeln, zur Imagepflege für die gebeutelte Kirche?

Der Auftrag der katholischen Kirche wie der anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften mit ihren karitativen und diakonischen Einrichtungen war es immer, den Schwachen und Bedrängten in besonderer Weise beizustehen und so ihrer Personwürde zu entsprechen.

In meiner Weihnachtspredigt habe ich dies begründet. Die Weihnachtsgeschichte, die ganze biblische Botschaft, Jesu Sendung und sein Verhalten, das sich besonders den Verlorenen zuwendet, und schließlich St. Martin, unser Diözesanpatron, sie alle zeigen: Die Sorge um Fremde, Obdachlose und Flüchtlinge gehört zum Kernbestand der Christlichen Botschaft.

Zur Hilfe für die Flüchtenden stehen unserer Ortskirche mit den im letzten Jahr bereitgestellten finanziellen Mitteln nun über 12 Mio Euro zur aktuellen Verfügung.

Auch hier möchte ich allen für das Engagement zur Mittelbereitstellung danken. Mein Dank geht an den Diözesanrat, an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Diözesankurie, insbesondere auch an den Generalvikar und den Finanzdirektor und die Mitarbeiter der Verwaltungszentren und nicht zuletzt den Kirchengemeinden mit ihren Verantwortlichen vor Ort, die die Hilfe für die Flüchtlinge zu ihrer Sache gemacht haben bzw. schon vorher tätig geworden sind.

Als Kirchen haben wir relativ wenig Einfluss auf die Fluchtursachen in den Kriegsregionen und den Unterdrückungsstaaten. Wir wissen aber auch, dass es für die Menschen, die fliehen müssen, besser wäre, sie könnten in ihren Heimatländern unter Bedingungen leben, die es ihnen ermöglichten, in der Heimat zu bleiben, statt alles zu verlassen.

Wir alle, insbesondere die politischen Verantwortungsträger, sollten deshalb mehr zur Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort tun und so Flucht im Interesse der Menschen und der Länder, in denen sie leben, vermeiden helfen. Oft fliehen gerade die Menschen, die in ihrem Heimatland zum Aufbau einer humanen Gesellschaft dringend gebraucht würden.

Deshalb sind auch in unserem Diözesanhaushalt die oben genannten finanziellen Mittel gesplittet, um die Hälfte der bereitgestellten Gelder zur Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort einsetzen zu können.

Wie werden wir uns als Diözese weiterverhalten? Unsere Diözese und ihr Caritasverband werden den eingeschlagenen Kurs beibehalten. Auf dem Areal der Vinzenz-Palotti-Kirche in Stuttgart Birkach wird in Bälde ein integratives Wohnbauprojekt für Einheimische und Flüchtlinge entstehen. Und wir werden weiter schauen, wo noch Potentiale bei kirchlichen Immobilien liegen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Meine Damen und Herren,
die islamische Welt erlebt gegenwärtig irritierende Zeiten. Ich äußere mich dazu als Bischof der katholischen Kirche. Denn das Verhältnis zu den Muslimen in unserer Gesellschaft hat auch zu tun mit dem christlich-islamischen Dialog, so wie wir ihn als christliche Religion, als katholische Kirche, führen.

Im Zusammenhang mit Ereignissen und Entwicklungen in der arabischen Welt seit dem sogenannten „Arabischen Frühling“ und den in diesem Kontext zu uns kommenden Flüchtlingen muslimischen Glaubens sind manche besorgt. Auch Vorkommnisse in Deutschland mit extrem islamistischen Gruppierungen beunruhigen Menschen bei uns – im Übrigen nicht nur uns, sondern auch die Mehrzahl der Muslime in Deutschland.

Ich bin den verschiedenen Repräsentanten der Muslime in Baden Württemberg dankbar, dass sie meine Einladung schon im Jahr 2005 zu einem jährlichen Runden Tisch zum Dialog mit den verschiedenen Gruppierungen des Islam angenommen haben. Seither treffen wir uns jährlich zu thematisch ausgerichteten Gesprächen.

Über eine Presseerklärung nach unserem Treffen im Mai 2014 haben wir mitgeteilt, dass wir „Gemeinsam Bürgerkriegsopfern beistehen“ wollen und dass Diözese und baden-württembergische Muslime gemeinsam Hilfsprojekte in arabischen stärken wollen. Ich bin den muslimischen Gesprächspartnern sehr dankbar für dieses wichtige Zeichen!

Im Mai diesen Jahres 2015 werden wir uns wieder treffen, um nach „Zehn Jahre Runder Tisch“ der katholischen Kirche der Diözese mit den Repräsentanten der verschiedenen muslimischen Gruppierungen eine Bilanz der bisherigen Gespräche zu ziehen und um die aktuelle Situation im Blick auf zukünftige Perspektiven zu besprechen.

Als Ortskirche führen wir diese Gespräche nicht ohne Voraussetzungen. Immer wieder habe ich zum Ausdruck gebracht, dass die katholische Kirche den Dialog mit den Muslimen auf der Grundlage der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Dialog mit den Welt-Religionen Nostra Aetate führt. Dieser lesenswerte Text des Zweiten Vatikanischen Konzils ist für mich Richtschnur der Dialoge, die ich führe.

Auch in schwierigen Situationen wollen wir den Dialog. Nun ist die gegenwärtige Situation ja nicht einfach. Aber, so sagte Kardinal Tauran, der Leiter des Päpstlichen Kulturrates am Ende des dritten christlich-muslimischen Gipfels im Dezember 2014 im Vatikan: „Je schwieriger die Lage, desto mehr Dialog ist nötig“.

Anlässlich der innerislamischen Auseinandersetzungen und der erschreckenden Erfahrungen mit ISIS und anderen Terrorgruppen hat der Ständiger Rat der Bischofskonferenz am 25. August 2014 eine Stellungnahme unter dem Titel abgegeben: „Der Terror im Irak muss aufgehalten werden.“ Ich trage daraus einige Zeilen vor: „Die Lage im Orient wirft für viele in unserer Gesellschaft die Frage nach der Rolle des Islam auf. Besonders verstörend wirkt es, dass hunderte Muslime, die in Europa gelebt haben, sich dem Kampf von ISIS und anderen militanten oder terroristischen Organisationen angeschlossen haben. Die deutschen Bischöfe stellen sich auch weiterhin all jenen entgegen, die das Feindbild eines seinem Wesen nach gewalttätigen Islam propagieren. Islam und ISIS sind nicht dasselbe. Vielmehr tobt in der muslimischen Welt selbst ein hitziger, manchmal erbarmungsloser … Kampf um das rechte Verständnis der eigenen Religion und zu Recht wird immer wieder auf die große Zahl der Muslime hingewiesen, die Opfer dieses Konfliktes werden. Hier sind die muslimischen Religions- und Staatsführer in besonderer Weise gefordert, Position zu beziehen.“

Nun ist vor einigen Wochen eine Demonstrationsbewegung entstanden, die sich Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes nennt.

In meiner Predigt zum Weihnachtsfest habe ich dazu gesagt: „Wer unter dem Vorwand, das christliche Abendland vor Überfremdung bewahren zu wollen, Flüchtlingen Hilfe verwehrt, der verrät gerade die christlichen Werte, auf denen das Abendland gründet. Die Anhänger der Pegida-Bewegung merken offensichtlich gar nicht, wie sehr sie selbst dem Geist des christlichen Abendlandes zuwider handeln! Wer christliche Weihnachtslieder singt, der muss auch den Sinn der Lieder erfassen. Sie handeln nämlich von der Weihnachtsgeschichte und drücken aus, dass Gott in Jesus besonders mit den Verlorenen, den Bedrängten und Abgewiesenen ist: dass ER ihr Retter ist. Wer, wenn nicht die aufgrund von Terror Vertriebenen und die aufgrund von Todesdrohung und Gewalttaten Flüchtenden sind solche Verlorene? In Gottes und Jesu Spur, sind wir Christen aufgerufen, Flüchtlingen und allen Menschen in Not zu helfen, welcher Religion auch immer sie angehören.“

Meine Damen und Herren!
Religiöse Intoleranz, innerislamische Entwicklungen, sowie die Verfolgung von Muslimen je anderer Glaubensrichtungen, die Verfolgung von Yesiden und in ganz besonders großer Zahl von Christen, werfen auch die Frage nach der Religionsfreiheit als Menschenrecht und als Folge von Menschenwürde in den Staaten und Gesellschaften weltweit auf.

Angesichts der Verfolgung je anderer religiöser Glaubensangehöriger ist die Gewährung der Religionsfreiheit eine Forderung höchster Priorität.

In allen Dialogen fordern wir die Anerkennung der Religionsfreiheit als eines Menschenrechts, das jedem Menschen aufgrund seiner Personwürde zukommt.

In der Erklärung „Über die Würde der menschlichen Person“ hat das Zweite Vatikanum die Bedeutung der Religionsfreiheit umfassend niedergelegt. Ich darf nur ein Zitat aus Dignitatis humanae vortragen:

„Das zweite Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang.“ Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort und die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird.“ (Dignitatis humanae, Nr. 2)

Die Geltung und Respektierung der Religionsfreiheit fordern wir in unserem Land und in allen Ländern.

Meine Damen und Herren!
Im zweiten Teil möchte ich nun noch auf zwei andere Themen eingehen, die von großer Auswirkung auf das Zusammenleben der Menschen sind: Ehe und Familie und die Vision der Erneuerung unserer Ortskirche Rottenburg-Stuttgart.

Im vergangenen Jahr hat die Bischofssynode im Oktober in Rom zum Thema „Die pastoralen Herausforderungen der Familie“ große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ein umfangreicher offizieller Abschluss-Bericht ist inzwischen veröffentlicht. Der Bericht zeigt, mit welch großer Offenheit – ausdrücklich auf Wunsch des Papstes – auch kontroverse Themen diskutiert wurden.

Die deutsche Bischofskonferenz hat ihre intensiv vorbereitete Sicht zu einigen Fragen der Ehe- und Familienpastoral eingebracht. Niemand konnte realistischer Weise damit rechnen, dass sich die Synode zum Thema „wiederverheiratet Geschiedene“ schon bei dieser Versammlung auf eine pastorale Weisung einigen würde. Sie kennen ja über die Medien die Kontroverspunkte.

Nun wird es darum gehen, bis zum Oktober 2015 bei der zweiten Synode wichtige Schritte voranzukommen. Dies wird nicht einfach sein.

Was die Bischofskonferenz in eigener Zuständigkeit verwirklichen kann, wird sie tun. Wir haben dies beim Ständigen Rat im November ausdrücklich bekräftigt. Insbesondere gilt das für die Veränderung des Kirchlichen Arbeitsrechtes im Hinblick auf wiederverheiratet Geschiedene und im Blick auf Menschen, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben. Ich gehe fest davon aus, dass bis zum April hier in der bisher vorgesehen Weise entschieden wird.

Ehe und Familie ist alles andere als ein Auslaufmodell, wie manche das suggerieren wollen. Der renommierte Zukunftswissenschaftler Horst Opaschowski, Gründer der Stiftung Zukunftsfragen und Leiter des Instituts für Zukunftsforschung in Hamburg schreibt in seinem soeben erschienen Buch zu Ehe und Familie mit dem Titel: „So wollen wir Leben. Die 10 Zukunftshoffnungen der Deutschen.“ Ich zitiere: „Das Plädoyer der Bevölkerung ist eindeutig: ‚Was auch immer auf uns zukommt: Für mich ist und bleibt die Familie das Wichtigste im Leben‘, sagen 88 Prozent der Bundesbürger.“ Familie gilt also als oberster und wichtigster Lebensinhalt. Dieses Lebensmodell sei demnach der größte Reichtum des Landes.

Ehe und Familie ist auch und gerade bei den Jugendlichen kein Auslaufmodell. Die wissenschaftliche Untersuchung belegt, dass auch über 80 Prozent der befragten eine Ehe gründen und Kinder haben möchten! Der Wunsch, dass dies gelingen möge, entspricht also der ganz großen Mehrzahl der jungen Menschen, wenn sie in ihre Zukunft blicken.

Diesem Wunsch zum Gelingen zu verhelfen, mit zu ermöglichen, dass diese Sehnsucht in Erfüllung gehen kann und dass daraus neues Leben entstehen kann, Kinder geboren werden, dazu sollten wir alle in der eigenen Grundhaltung ebenso wie in der Erziehung, in der Bildung, in der Gestaltung der Wirtschaft, in der Politik für die Familien, für Frauen und Männer in ihren Berufen und am Arbeitsplatz alles tun, was in unserer Kraft steht, denn: besonders aus unseren Familien wächst die Zukunft heran, die auch uns später gut tut und uns leben lässt.

In meinen Neujahrsansprachen habe ich wiederholt auf die große Bedeutung von Ehe und Familie für unsere Gesellschaft und ihre gute Zukunft hingewiesen und das entsprechend ausgeführt. Ich werde nicht müde, das auch weiterhin zu tun.

Rang, Verständnis und Bedeutung von Ehe und Familie sind gerade deshalb ein Schlüssel für die Beurteilung  des Bildungsplanes, der 2014 von der Landesregierung ausgearbeitet wurde.

Der Bildungsplan hat einigen – auch öffentlichen Wirbel – verursacht. Die Arbeit am neuen Bildungsplan läuft inzwischen in ruhigeren Bahnen. Ich freue mich, dass Eltern und Lehrerschaft gemeinsam eine unter dem Stichwort „sexuelle Vielfalt“ firmierende Art der Pädagogik abwenden konnten.

Ich freue mich ganz besonders, dass in den Leitlinien des Bildungsplans, dessen Inkrafttreten 2016 ansteht, Ehe und Familie wieder vorne stehen.

Meine Damen und Herren,
der letzte Abschnitt steht unter der Frage: Wie geht es mit unserer Kirche, unsere Diözese und vor allem mit unseren Kirchengemeinden und Seelsorgeeinheiten weiter?

Im Dialog- und Erneuerungsprozess der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde in den vielen Gesprächen deutlich: Höchste Priorität hat bei den Katholiken unserer Diözese die Sorge, wie es angesichts der jetzigen Situation unserer Kirche, beispielsweise angesichts der sich verändernden Kirchenbindung, weitergeht. Gleichzeitig wünschen sich die Katholiken in der Diözese eine Kirche im pastoralen Nahraum und sehnen sich nach einem direkten personalen Angebot vor Ort. Die Kirche wird vor Ort präsent bleiben, dafür werde ich mich voll einsetzen. Um dieses zu erreichen, haben wir eine pastorale Konzeption entwickelt, die überschrieben ist:

„Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten: Ein dialogischer Prozess für die Zukunft“. Träger des Prozesses werden die Kirchengemeinden und Seelsorgeeinrichtungen sein. Sie werden im Kontext der diözesanen Orientierungen und mit Unterstützung der Dekanate ihren eigenen Prozess der Erneuerung gestalten. – Der Prozess betrifft nicht allein die Kirchengemeinden. Künftig wird es auch um ein vernetztes Arbeiten gehen, das die unterschiedlichen Orte der Pastoral in den Seelsorgeräumen insgesamt stärken soll. Hier möchte ich beispielsweise nennen: die City-Pastoral, die Erwachsenenbildung, die Jugendpastoral, die Einrichtungen der Caritas, die Trauerpastoral oder auch die Krankenhausseelsorge. Diese und andere pastorale Ort zu vernetzen, sie zu profilieren, sie zu animieren voneinander zu lernen und sich besser aufeinander abzustimmen, das sind die Ziele, die wir mit dem Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ in den kommenden Monaten und Jahren zusammen angehen werden.

Immer wieder hören die Verantwortlichen für den pastoralen Erneuerungsprozess die Sorge, dass trotz aller Qualifizierungsangebote die Kirche vor Ort mit der Umgestaltung sich selbst überlassen sein könnte. Um dem vorzubeugen, bekommen alle für die Gestaltung und Durchführung ihres Prozesses ein Instrument an die Hand: den Entwicklungsplan Pastoral.

Der Entwicklungsplan Pastoral dient als Leitfaden und Unterstützung für alle pastoralen Orte, ihre Kräfte zu vernetzen und zu bündeln.  

Meine sehr geehrten Damen und Herren,wir spüren alle, dass Kirche sich verändert, das sie sich verheutigen muss, damit ihre Botschaft die Menschen erreicht. Aggiornamento ist angesagt. Für die Erneuerung der Pastoral vor Ort ist das Mitwirken der getauften und gefirmten Christen und Christinnen von großer Bedeutung. Ehrenamtlich tätig zu sein heißt, die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen zu verwirklichen. Die kommende Wahl der Kirchengemeinderäte und Pastoralräte ist in dem vor uns liegenden Entwicklungsprozess ein wichtiger Meilenstein. In zwei Monaten, am 15. März 2015, werden die Räte gewählt – mit einer besonderen Chance: Sie gestalten miteinander und vernetzt in der Seelsorgeeinheit und im Dekanat Kirche am Ort. Wer im Kirchengemeinde- oder Pastoralrat mitwirkt, der sagt: Ich bin dabei. Das macht die Aufgabe so reizvoll und wichtig und macht sicherlich auch Freude. Damit die Arbeit der Räte sich auf eine solide Basis der Zustimmung stützen kann, bitte ich alle Mitglieder der Kirche von Rottenburg, sich für die Wahlen zu engagieren, wählen zu gehen und sich möglicherweise als Kandidatin oder Kandidat zur Verfügung zu stellen.

Ich möchte die Gläubigen der Diözese ermuntern, sich zu trauen, eine zeitgenössische, pilgernde und gastfreundliche Kirche, eine missionarische Kirche zu sein; eine Kirche zu sein, die sich dialogisch verhält und schöpfungsfreundlich ausgerichtet ist. Diesem Ziel dient der diözesane Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“.

Ich verspreche mir von diesem Entwicklungsweg eine geistliche und strukturelle Erneuerung unserer Diözese. Alle Erneuerungsprozesse haben im letzten das Ziel, eine Kirche lebendig zu gestalten, die für heimatlos gewordene, suchende Menschen bewohnbar ist: ganzheitlich, intellektuell, ethisch und ästhetisch.

Meine Vision ist eine Kirche, in deren Gemeinschaft die Sinn-Suchenden Sinn finden, ohne dass Kirche zur Nische wird. Ziel unserer Initiativen und Veränderungen ist es, Kirchengemeinden als geistlich lebendige Räume zu stärken, in denen und an denen das heilsame Evangelium Jesu Christi erlebbar wird und dass Menschen in diesen Lebensräumen geistliche und persönliche Heimat finden.

Meine Vision ist eine Kirche, die sich „insbesondere der Armen und Bedrängten aller Art“ (Lumen gentium 1,1) annimmt, eine diakonisch-karitative Kirche, die zeichenhaft wirkt. Wo sich dies ereignet, handelt die Kirche missionarisch.

Es ist meine Vision von der Zukunft der Kirche, dass uns insbesondere geistliche Erneuerung in unseren Kirchengemeinden, in den Seelsorgeeinheiten und christkatholischen Einrichtungen und bei all unseren Aktivitäten gelingen möge. Alle, die getauft sind auf den Geist Christi, werden hierzu gebraucht. Wir alle in den unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, den Aufgaben und den Charismen, in den Diensten und Ämtern ebenso wie in den Ehrenämtern sind Werkzeuge des Gottes-Geistes, den wir an Jesu Lebenswerk, an seiner Gottesbeziehung, an seinem Mensch-Sein gewissermaßen ablesen können. So verstanden lebt in der Gemeinschaft der Gläubigen der Gottes-Sohn und der Menschen Sohn.

Bei allem leitet uns die Perspektive, Gott und den Menschen nahe zu sein.

Lassen Sie uns die ganze Orts-Kirche Rottenburg-Stuttgart, die christlichen Gemeinden und Einrichtungen als Orte verstehen, in denen der Geist und Sinn Jesu Christi erlebt werden kann. Lassen Sie uns gemeinsam diese Vision einer lebendigen Kirche aus dem Geist Jesu Christi verwirklichen!

Meine Damen und Herren!
Allen danke ich von Herzen, die im vergangenen Jahr durch ihr Engagement mitgewirkt haben an der Verkündigung des Evangeliums, der heilsamen Botschaft für alle. Ebenso danke ich allen, die auch 2015 dabei sein wollen und neu dabei sein werden.

So wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, Ihnen, liebe Damen und Herren, die Sie gekommen sind, ein gesegnetes neues Jahr 2015!

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