„Ihre Stadt und deren Bürger haben aus Trauer und Verzweiflung heraus Großartiges vollbracht. Sie haben gemeinsam geweint, sich in die Arme genommen, begleitet und getröstet", schreibt Bischof Fürst in seinem Brief an den Oberbürgermeister von Winnenden
"Sie haben gezeigt, dass sie sich nicht der Lethargie überlassen wollen.“ Beton Bischof Fürst im Brief anlässlich des ersten Jahrestags des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen an den Winnender Oberbürgermeister, Bernhard Fritz. Auf unterschiedliche Weise, so Bischof Fürst, hätten die betroffenen Familien Formen gefunden, um die Katastrophe vom 11. März 2009 zu verarbeiten, die Erinnerung an geliebte Menschen zu bewahren und den eigenen Lebensweg weiterzugehen. Weit über die Stadt hinaus hätten das Aktionsbündnis und die Stiftung gegen Gewalt Beachtung gefunden.
Brief von Bischof Fürst an den Oberbürgermeister von Winnenden:
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Fritz,
seit einem Jahr ist für Sie und Ihre Stadt Winnenden nichts mehr so, wie es vorher war. Mit dem Datum 11. März ist die Erinnerung an unvorstellbares Leid verbunden. 15 Menschen voller Pläne und Hoffnung wurden durch die Amoktat eines 17-Jährigen aus dem Leben gerissen. Auch nach einem Jahr, so weiß ich von Seelsorgern und Gläubigen in Ihrer Stadt, brennen die Wunden dieser Tat, in den Familien und bei den Freunden der Getöteten.
Ja, es ist nichts mehr so in Winnenden wie vor dem 11. März 2009. Es ist nichts mehr so auch anderswo, wo Menschen mitfühlend an die Trauernden denken und für sie beten. Ich erinnere mich gut an jenen Tag, als die ersten Meldungen von der schrecklichen Tat im Radio kamen. Nach und nach fügten sich mehr schreckliche Details dazu, eine Chronologie des Schreckens, der Angst, der Verzweiflung. Bis zum Ende in Wendlingen, wo sich der Täter selbst das Leben nahm
Viele Tränen sind seither geflossen in ihrer Stadt. Sie fließen noch, und das muss so sein. „Wo war Gott, warum hat er dieses Leid nicht verhindert?“ werden sich die Trauernden fragen. Niemand kann darauf eine Antwort geben. Uns bleibt, glaubend, hoffend und liebend uns Christus anzuvertrauen, der mit uns jeden Weg geht, bis in tiefste Täler. Unzählige Menschen guten Willens fühlen mit, schließen die betroffenen Familien ins Gebet ein, stiften Zeichen der Solidarität. Auch ich bete für die Familien und Freunde in Ihrer Stadt und an der Albertville-Realschule, und bitte Gott darum, dass ihr Herz Frieden findet und sie neuen Lebensmut fassen können.
Ihre Stadt und deren Bürger haben aus Trauer und Verzweiflung heraus Großartiges vollbracht. Sie haben gemeinsam geweint, sich in die Arme genommen, begleitet und getröstet. Und sie haben gezeigt, dass sie sich nicht der Lethargie überlassen wollen. Die betroffenen Familien haben auf je ganz unterschiedliche Weisen Formen gefunden, wie sie die Katastrophe des 11. März 2009 verarbeiten, die Erinnerung an geliebte Menschen bewahren und ihren Lebensweg weitergehen. Ein weit über die Stadt hinaus beachtetes Aktionsbündnis und eine Stiftung gegen Gewalt an Schulen kamen zustande.
Wir spüren heute das Verlangen der Menschen, aus der Katastrophe zu lernen und möglichst weitere dieser Art zu verhindern. Die Mordtat eines einsam gewordenen und letztlich verzweifelten Jugendlichen hat einmal mehr gezeigt, wozu Menschen fähig sein können - aus welchen Motiven auch immer. Ich glaube, dass die Bürger ihrer Stadt nach dem 11. März 2009 erkannt haben, wie wichtig es ist, dass Menschen ihre Nächsten aufmerksam wahrnehmen, warnende Signale beachten und einschreiten gegen katastrophale menschliche und zwischenmenschliche Entwicklungen. Helfe uns Gott dabei, den Blick für den ganzen Menschen und wahres Menschsein zu schärfen. Christus hat uns dafür ein Vorbild gegeben.
Ich versichere Sie und Ihre Stadt Winnenden meines Gebetes und grüße Sie herzlich
+ Dr. Gebhard Fürst Bischof von Rottenburg-Stuttgart
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