Über 40 Jahre nach der letzten grundlegenden Renovierung sind das Betonkorsett des Turmhelms sowie Figuren, Ornamente und Wände aus Sandstein stark verwittert. Da sich auch schon kleinere Teile gelöst haben, ist die Sanierung des Rottenburger Domturms unumgänglich.
Eine große gotische Kathedrale wie den Kölner Dom oder das Freiburger Münster ganz ohne Gerüst zu bewundern - diese Gelegenheit bietet sich nur selten. Anders in Rottenburg. Der Dom der württembergischen Diözese gibt sich von seinen Ausmaßen zwar bescheiden, versteckt sich aber dafür selten hinter Metallstangen. Und sein Turm zählt mit dem filigran durchbrochenen Helm zu einem der schönsten in Süddeutschland. Die nächsten Monate teilt die Bischofskirche jedoch das Schicksal der teilweisen Sichtbehinderung mit ihren großen Schwestern.
In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekam der Turmhelm innen ein Betonkorsett zur Stabilisierung. Da ist die übliche Sanierung fällig. "Es gab Steinabbrüche vor allem an der Verbindung vom Beton zum Sandstein", erklärt Dompfarrer Harald Kiebler. Weitere Verwitterungen erkennt das Auge des Betrachters teilweise auch von unten. Die Domkirchengemeinde St. Martin ist Eigentümerin des Rottenburger Wahrzeichens, die Baulast teilt sie sich aufgrund alter Verträge mit der Stadt. Da die Statik des 58 Meter hohen Bauwerks in Ordnung und der Glockenstuhl bereits instandgesetzt ist, müssen Einwohner und Besucher nicht auf das gewohnte Geläut verzichten.
Die Fundamente des Turms legten Baumeister einer Liebfrauenkapelle bereits im Jahr 1280. Als im 15. Jahrhundet die Kirche im heutigen Ausmaß gebaut wurde und der Turm sein spätgotisches Gesicht erhielt, blieb er am alten Ort und verschob wegen Platzmangels den Chorraum gegenüber dem Schiff nach Norden. Abgesehen von einigen Blessuren durch den Stadtbrand 1644 zeigt sich der Turm von St. Martin, in dem bis in die 1930er Jahre ein Türmerehepaar lebte und Dienst tat, heute noch wie damals. Den Titel "Domturm" trägt er allerdings noch nicht sehr lange - erst seit 184 Jahren.
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