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Flüchtlingshilfe

Flüchtlinge brauchen mehr als Wohnraum

Flüchtlingsarbeit der Diözese setzt auf nachhaltige Hilfe

Pressegespräch am 9. Oktober 2014

Statement von Dr. Irme Stetter-Karp
Leiterin der Hauptabteilung VI – Caritas der Diözese Rottenburg-Stuttgart

In den letzten Monaten haben wir als Diözese Rottenburg-Stuttgart zusätzliche Anstrengungen unternommen, um Flüchtlingen ihre schwierige Lebenssituation zu erleichtern und wo immer möglich lebensbejahende „Existenzräume“ mit aufzubauen. Damit wird deutlich: So sehr der Frage nach den Unterkünften, dem Wohnraum in der öffentlichen Debatte Aufmerksamkeit geschenkt wurde, so sehr bin ich davon überzeugt, dass dies bei weitem nicht ausreicht! Es sind vielfältige Hilfen nötig, um Flüchtlinge in ihren oft dramatischen Lebenssituationen wirksam zu begleiten.

Zwar wurden in den vergangenen Jahren immer wieder durch unterschiedlichste Initiativen in der Diözese, durch Einzelpersonen, Fachorganisationen und -verbände verschiedenste Hilfen aufgebaut und weiterentwickelt. Mit den im März 2014 zur Verfügung gestellten Mitteln von 3,5 Mio. Euro konnten nun verlässliche Strukturen aufgebaut werden.

Wir haben in der Diözese deshalb erstmalig einen Flüchtlingshilfefonds aufgelegt (detaillierte Informationen finden Sie in Ihrer Pressemappe), um in der ganze Breite der fachlichen Fragen ansetzen zu können. Dieser Fonds ist mit 3,5 Mio. Euro ausgestattet. Es haben uns so viele Anträge in den wenigen Monaten seit März 2014 erreicht, dass wir den Fonds fast ausgeschöpft haben und bald eine weitere Entscheidung treffen müssen. Das sagt etwas zum realen Bedarf und den dahinter stehenden seelischen und eben nicht nur materiellen Nöten. Ganz im Sinn der Uridee der Caritas – Not sehen und handeln – leisten wir dabei für Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus und unabhängig von ihrer Religion Hilfen in Not. Damit erfüllen wir den Auftrag der Tatverkündigung in einer diakonisch missionarischen Kirche und handeln in der Nachfolge von Jesus Christus.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat für die Jahre 2015 und 2016 einen pastoralen Schwerpunkt entschieden unter dem Titel „Teilhabe stärken und Ausgrenzungen vermeiden“. Den Fonds und unser ganzes Engagement in der Hauptabteilung Caritas verstehen wir als praktische und konkrete Maßnahme im Rahmen dieses pastoralen Schwerpunkts. Was leistet der Fonds bis heute ganz konkret?
Das möchte ich gerne exemplarisch an einigen Beispielen verdeutlichen.

Die Mittel wurden z.B. eingesetzt für:

  • den Aufbau von verlässlichen Strukturen und den Ausbau von vorhandenen Beratungsstrukturen (z.B. bauen acht Caritasregionen zurzeit Fachstellen auf zur Unterstützung, Weiterbildung, Begleitung von Ehrenamtlichen in den Gemeinden)
  • nachhaltige Unterstützung von Ehrenamtlichen durch Fachkräfte in den Kirchengemeinden der Diözese (z.B. Caritasverband Stuttgart),
  • die psychosoziale Beratung und Therapie traumatisierter Flüchtlinge. Leben mit Traumatisierung aufgrund von Gewalterfahrungen verlangt professionelle und möglichst psychotherapeutische Behandlung. An dieser Stelle leisten wir Strukturaufbau und -ausbau.
  • verschiedene Maßnahmen vor Ort, wie z.B. ein Stadtlauf in Nürtingen im Mai 2014 unter aktiver Beteiligung von Flüchtlingen selbst und Ehrenamtlichen. Der Fonds stärkt Kreativität und Motivation für gemeinsame Aktivitäten von Einheimischen und Fremden.
  • Selbsthilfegruppen von Flüchtlingsfrauen, wie beim Fraueninformationszentrum FIZ in Stuttgart. Das Projekt befähigt und ermutigt Flüchtlingsfrauen für sich zu sprechen. Das ist ein aktiver Schritt Ohnmacht aufzubrechen und neues Vertrauen aufzubauen.

Nicht zu vergessen sind die wenigen Einzelfallhilfen, die wir im extremen Notfall leisten. Dazu zählen z.B. Dolmetscherkosten im therapeutischen Setting genauso wie die Unterstützung bei den Kosten von psychiatrischen Gutachten oder auch Anwaltskosten.

Mit dem Ziel alle Expertinnen und Experten an einem Tisch zu versammeln, haben wir im April dieses Jahres eine „Konferenz Migration und Flucht“ ins Leben gerufen. Sie ist ein Ort der Vernetzung und Beratung innerhalb der Diözese. Die Konferenz berät flüchtlingspolitische Positionen.

Derzeit sind wir im intensiven Gespräch mit dem „Katholischen Forum Leben in der Illegalität“ der deutschen Bischofskonferenz. Wir planen gemeinsame Aktivitäten.

Uns ist zweifelsfrei klar geworden: Flüchtlinge brauchen mehr als Wohnraum! Es stimmt freilich: Wohnraum ist existentiell und Baden- Württemberg hat zu wenig sozialen Wohnraum, weil über Jahre zu wenig in den sozialen Wohnungsbau investiert worden ist. Das rächt sich jetzt. Aus diesem Grund muss das Land Baden-Württemberg über den nächsten Doppelhaushalt hier dringend neu investieren.

Wir sollten aber nicht übersehen, dass Flüchtlinge auch Anderes existentiell benötigen: Begegnung auf Augenhöhe, Anerkennung ihrer verletzten Menschenwürde, Heilung und Stärkung ihrer Eigenkräfte.
Wir stimmen mit der evangelischen Landeskirche Württemberg überein, dass es nach dem Flüchtlingsgipfel am 13. Oktober 2014 zwischen allen gesellschaftspolitischen Akteuren einer verbindlichen Kommunikation bedarf.

Aus unserer Sicht ist außerdem eine essentielle Verbesserung der medizinischen und psychologischen Begleitung und Betreuung der vielfach traumatisierten Flüchtlinge notwendig: die Traumazentren müssen mit zusätzlichem Personal ausgestattet werden, um die aktuell mehrmonatigen Wartezeiten deutlich zu verkürzen. Die Entwicklung der Flüchtlingszahlen verlangt, dass hier zusätzliche Landesmittel zur Verfügung gestellt werden.