Pastoralreise Äthiopien 2014

Vom 13. bis 24. Oktober 2014 besuchte Bischof Gebhard Fürst Äthiopien. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart fördert seit 1973 Projekte in Äthiopien, zu dem damals noch der heutige Staat Eritrea gehörte.

(Bilderstrecke öffnet sich bei Mausklick aufs Bild.)

Reisetagebuch

23. Oktober 2014 – Emdibir

Dankbarkeit war überall zu spüren, wo Bischof Fürst auf seiner Pastoralreise in Äthiopien ankam. Bischöfe und Priester, ob in Addis Abeba, Bahir Dar, Adigrat oder Emdebir, dankten den Priestern der Diözese Rottenburg für deren seit Jahrzehnten geleistete PRIM-Hilfe. Die Gelder der 1973 begründeten Aktion PRIM (Priester helfen einander in der Mission) fließen an Mitbrüder in Eritrea, Äthiopien, Nord- und Südsudan. Allein im vergangenen Jahr kamen über 290.000 Euro PRIM-Spenden zusammen. Diözesanpriester in Äthiopien und Eritrea erhalten so jährlich 500 Euro für ihren Lebensunterhalt, ihre Mitbrüder im Sudan 750 Euro. Für die Aktion PRIM verzichten Priester der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf einen Teil ihres Gehaltes.

In Emdibir, rund 150 Kilometer südlich von Addis Abeba, dankte der Bischof der gleichnamigen Diözese, Musie Ghebreghiorgios, für die Hilfe aus der württembergischen Diözese. Als Zeichen des Dankes und der Verbundenheit überreichte er seinem Amtsbruder ein äthiopisches Silberkreuz. Er selbst erhielt von Bischof Fürst als Gastgeschenk die Martinusplakette. Katholische Christen seien weltweit in besonderer Weise miteinander verbunden, sagte Bischof Ghebreghiorgios. So viel Treue und Solidarität durch die PRIM-Hilfe zu spüren, bedeute neue Stärkung und Motivation zum Dienst an den Menschen.

Im Bischofshaus stellten Priester der Diözese Emdibir ihre Arbeit vor, die sie dank PRIM ohne finanzielle Existenzsorgen leisten können. Von der Organisation von Schul- und Bildungsarbeit über Wasserprojekte und landwirtschaftliche Fortbildung bis zur Fürsorge für Arme, Kranke oder werdende Mütter – die pastoralen Felder der äthiopischen Priester reichen weit. „Ohne PRIM könnten wir das so nicht leisten“, versicherte einer der Geistlichen, verbunden mit dem Wunsch an die Rottenburg-Stuttgarter Mitbrüder, weiterhin zu helfen. Der Sprecher des Priesterrates von Rottenburg-Stuttgart, Herbert Schmucker, hörte es wohl und dankte seinen äthiopischen Mitbrüdern herzlich für deren diakonische Arbeit.

Uwe Renz

22. Oktober 2014 – Emdibir

Aus einer Schule hätte ein Gymnasium werden sollen, ein Krankenhaus ist entstanden. Das Attat-Hospital bei der Bischofsstadt Emdibir ist das einzige weit und breit, für eine Bevölkerung von über einer Million Menschen. Diözesen und Hilfswerke unterstützen die in Äthiopien einzigartige Einrichtung, darunter die Stuttgarter Kirchengemeinde St. Fidelis und das Stadtdekanat der Landeshauptstadt.

Ganz bescheiden richteten Missionsärztliche Schwestern in Guraghe, mehrere Kilometer entfernt von Emdibir, vor 45 Jahren eine Art Lazarett ein; heute verfügt das Attat-Hospital über 65 Betten, Ambulanz, Entbindungsstation, Apotheke und zwei Operationsräume. Die vom Niederrhein stammende Schwester Inge Jansen, heute 80 Jahre alt, war damals schon dabei. In die Attat-Ambulanz kommen täglich rund 280 Menschen. 7.000 Patienten nimmt das Hospital unter der Leitung der Missionsärztlichen Schwester und Gynäkologin Rita Schiffer jährlich auf. Logisch, dass die Verweildauer im Schnitt nur gerade mal knapp drei Tage betragen kann. Atemwegserkrankungen, Nieren- und Verdauungsprobleme sind die meist gestellten Diagnosen.

Besonders stolz sind die Schwestern, deren Zentrale in Bottrop liegt, auf ihre gynäkologische Abteilung mit Entbindungsstation. Vor 30 Jahren legten die Frauen, die auf insgesamt 180 Mitarbeiter zählen können, vom Arzt bis zum Automechaniker, Verwaltungskräfte, Laboranten oder Helfer in der Wäscherei, auf die Behandlung von schwangeren Frauen und jungen Müttern. Die Statistik für 2012 weist 1.800 Geburten aus, Tendenz steigend. Beträgt die Kindersterblichkeit nach der Geburt in Äthiopien rund zehn Prozent, so geht sie im Attat gegen Null. Das ist nicht zuletzt der Hygienevorsorge zu verdanken, auch dem Wasserprogramm der Schwestern. 128 so genannte kartesische Brunnen sind in einem Radius von 50 Kilometer durch ein Röhrensystem miteinander verbunden. Sie versorgen 150.000 Menschen mit sauberem Wasser und verhindern so beispielsweise die zur Erblindung führende Ägyptische Augenkrankheit wie auch andere durch verkeimtes Wasser verursachte Krankheiten.

Der Kontakt der Stuttgarter Gemeinde St. Fidelis kam durch die vor drei Jahren verstorbene Missionsärztliche Schwester Lucy Stephan zustande. Sie tat einige Zeit in der Fidelis-Gemeinde ihren Dienst. Heute hält ein treuer Kreis dort dem äthiopischen Krankenhaus die Treue. „Das ist so wunderbar, wie sie helfen, ohne viel zu fragen und zu erwarten“, sagt Schwester Rita. Und Hilfe ist immer nötig. Inzwischen ist das Attat an seinen räumlichen Grenzen angelangt. Ein neuer OP samt Kreißsaal muss gebaut werden; Räume sind umzugestalten, damit mehr Platz für die Patienten bleibt. „Wir sind ständig im Umbruch.“ Wer Sr. Rita so energievoll und vital erlebt, zweifelt nicht daran, dass sie und ihre Mitschwestern noch viele Umbrüche meistern werden.

Uwe Renz

20./21. Oktober 2014 – Nekemte

Erst seit einem Jahr ist Bischof Varghese Thottamkara als Bischof im Amt und steht einer Diözese vor, die sechs Mal größer ist als Rottenburg-Stuttgart. Für das Apostolische Vikariat von Nekemte hat der aus dem indischen Kerala stammende Vinzentinerpater gerade mal 34 Priester, die er zu zweien in die 18 Pfarreien mit insgesamt 40.000 Katholiken entsandt hat. „Ich finde es nicht gut, wenn Priester allein leben“, sagt er. Unterstützt werden die Geistlichen von Katechistinnen und Katechistinnen, die für ihre Aufgabe intensiv vorbereitet sind.

Bischof Thottamkara führt die Reisegruppe aus Rottenburg-Stuttgart an Orte, die den Gästen bisweilen den Atem verschlagen. In die Darge-Klinik etwa, von der Diözese Nekemte auf staatlichem Grund gebaut und unterhalten, kommen jeden Monat um die 900 Patienten. Typhus, Malaria oder Lungenentzündung heißt überwiegend die Diagnose, wenn der Mitarbeiter im Labor sein Werk getan hat; die Ursachen dafür liegen in ärmlichen Wohnverhältnissen, Mangelernährung und unhygienischem Lebensumfeld. Die Patienten werden im Darge-Hospital erstversorgt. Wenn die Krankheit schlimmer ist, dann müssen sie ins staatliche Krankenhaus. „Die Kranken kommen erst zu uns, auch weil wir weniger Geld verlangen.“ Die Diözese Nekemte, unter anderem von Rottenburg-Stuttgart unterstützt, macht es möglich. Ärzte aus dem Ausland praktizieren regelmäßig und ehrenamtlich jeweils mehrere Monate in der Darge-Klinik. In ihrer Kidane Mehret-Schule unterrichten 51 Lehrkräfte fast 1.800 Kinder und Jugendliche. Die Besucher aus Deutschland können sich kaum vorstellen, wie die Jungen und Mädchen in ihren schmucken Schuluniformen zu Hause meist in unvorstellbar ärmlichen Verhältnissen leben.

In dem 300 Kilometer von der Hauptstadt Addis entfernten Nekemte haben auch Barmherzige Schwestern aus Untermarchtal Zeichen gesetzt. „Sisters of Mercy“ heißen die sieben Vinzentinerinnen dort, allesamt sind sie Afrikanerinnen, erst im August haben drei von ihnen die heilige Profess abgelegt. Die vor zwei Jahren bei einem Autounfall in Tansania getötete Untermarchtaler Vinzentinerin Gabriele Winter initiierte in Nekemte die Niederlassung ihrer Kongregation. Im fünf Kilometer von der Stadt entfernten Gari, nur über eine nicht asphaltierte „Straße“ zu erreichen, haben die Schwestern ihre Kirche gebaut und einen Kindergarten eingerichtet. Das Problem: Die Ausbildung der Novizinnen muss (noch) in Mbinga erfolgen, in der tansanischen Niederlassung der Untermarchtaler Schwestern. Nun planen die Barmherzigen Schwestern ein eigenes Noviziat in Gari; das Gelände ist bereits vorhanden. Mit Hilfe auch der Diözese Rottenburg-Stuttgart soll darauf das Ausbildungsgebäude entstehen.

Tief bewegt sind die Gäste aus dem Schwäbischen, als Bischof Thottamkara sie nach Konchi führt. Dort betreibt die „Society of Helpers of Mary“ seit 50 Jahren ein Schul- und Sozialzentrum sowie eine Klinik. In der Schule der indischen Schwestern lernen knapp 750 Jungen und Mädchen bis zur achten Klasse, die Schulgebühr beträgt jährlich acht Euro. Das geht nur dank kirchlicher Hilfe und Solidarität aus dem Ausland. Die meisten Schüler gehen nach der achten Klasse auf weiterführende Schulen. Laut Schulleiter schaffen die allermeisten von ihnen sogar den Sprung auf ein College oder eine Hochschule. Und danach? Das fragen sich die Besucher still.

Im Sozialzentrum betreuen Fachleute jede Woche alte und kranke Menschen sowie Mütter mit mangelernährten Kindern. Sie kommen regelmäßig aus sieben Dörfern in der Umgebung. Vor allem Patienten mit so genannter Elephantiasis, einer durch Infektionen ausgelösten wuchernden Gefäßkrankheit an den Beinen, erfahren in Konchi Hilfe. Mütter mit mangelernährten Kindern, erhalten Tipps zu ausgewogener Ernährung und Plastiktüten mit Kindernahrung. Im prall gefüllten Versammlungsraum schauen Kleinkinder teilnahmslos die Gäste aus Rottenburg-Stuttgart an.

Uwe Renz

18./19. Oktober 2014 – Salambasa, Addis Abeba

Unerbittlich verbieten ein paar Felsbrocken die Weiterfahrt, als die Reisegruppe um Bischof Fürst von Adigrat aus an die Grenze zu Eritrea kommt. Zwei Soldaten stehen auf äthiopischer Seite, zwei auf eritreischer. Seit dem Ende des Bürgerkriegs vor mehr als 20 Jahren sind die beiden vorher vereinigten Länder unüberwindbar getrennt. Im Grenzort Salambasa auf äthiopischer Seite waren alle Häuser zerstört, und die Regierung wollte die Ortschaft auch nicht mehr aufbauen. Aber die ehemaligen Einwohner wollten es, sie taten und sie tun es. Sie schaffen auf Eselskarren Bausteine die Straße hinauf, mit bloßen Händen bauen sie Hausmauern. Die katholische Kirche ist dabei mit Gotteshaus und Schwesternniederlassung, ein Ort der Hoffnung und des Gottvertrauens.

Die Pfarrei von Salambasa ist eine von 34 in der Diözese Adigrat, dazu gibt es 3 Filialpfarreien. Zehn Ordensgemeinschaften engagieren sich hier, sechs Gesundheitszentren und 52 Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche gibt es, und fünf Frauenförderzentren. Bischof Medhin sorgt sich besonders um die Jugend: „Die jungen Leute haben durch das Internet Informationen aus der ganzen Welt, sie brauchen Hilfe auf ihrer Suche nach Werten in ihrem Leben.“ Die Ordensgemeinschaften leisten dabei neben den Pfarreien einen wichtigen Dienst. In Salambasa etwa unterhalten Ordensfrauen eine Schule für Mädchen.

Nach dem Abschied von den Freunden in Addis Abeba, der Fahrt nach Mekele und dem Rückflug nach Addis hält Bischof Fürst am nächsten Tag vor Ordensoberen einen Vortrag über diakonische Kirche heute. 64 geistliche Gemeinschaften arbeiten in Äthiopien. Bischof Fürsts Botschaft an die Ordensleute: Christus selbst ist Diakon, Diener der Menschen, und lädt zur Nachfolge ein. Die Kirche solle eine helfende und heilende sein. Wo denn die Liturgie bleibe, wenn die Kirche sich profiliert diakonisch engagiere, fragt eine junge Hörerin. Liturgie, Glaubenszeugnis ablegen und Diakonie gehörten untrennbar zusammen, antwortet der Bischof; die christlichen Grunddienste bildeten eine Einheit. Er dankte den Ordenfrauen und -männern für ihren entschiedenen diakonischen Einsatz und sprach ihnen Mut zu, auf Christus als treuen Begleiter zu vertrauen.

Gastfreundlich und herzlich nehmen die Zisterzienser von Addis Abeba die Reisenden aus Rottenburg-Stuttgart auf. Fast alle der 20 Männer, darunter acht Mönche und zwölf Theologiestudenten, sind unter 40 Jahre alt. In Äthiopien gibt es noch drei weitere Zisterzienserklöster. Beeindruckt zeigt sich Bischof Fürst von einem geistlichen Tanz, den die Männer ihm nach dem gemeinsamen Essen vorführen. Wie Abraham seinen Sohn Isaak gesegnet habe, so solle der Tanz den Rottenburger Bischof segnen. Und so legen die Männer in ihren weiß-schwarzen Habits mit ihrem Tanz los, begleitet von zwei großen Trommeln und Rasseln in der Hand. „Ich gestehe, so etwas Eindrucksvolles habe ich in einem Kloster bisher noch nie gesehen“, sagt Bischof Fürst und dankt den Mönchen für ihre Darbietung.

Uwe Renz

17. Oktober 2014 – Lalibela, Aksum, Adua, Adigrat

Von Bahir Dar hat die Reisegruppe um Bischof Fürst den Weg übers Dach genommen, über das Dach Afrikas. Nach einem Abstecher über Lalibela, die uralte Stadt mit ihren in die Erde gegrabenen Kirchen und Aksum, die Stadt der Königin von Saba und legendärer Ort der alttestamentlichen Bundeslade, ging es über das spektakuläre Aloque-Gebirge und damit die höchst gelegene befahrbare Straße Afrikas auf teilweise über 3.000 Höhenmeter nach Adigrat. Dort traf Bischof Fürst seinen Amtsbruder Tesfay Medhin, Oberhirte der 1845 gegründeten Diözese an der Grenze zu Eritrea, sechs Mal so groß wie Rottenburg-Stuttgart, aber mit nur 20.000 Gläubigen.

Bei einem kurzen Zwischenstopp konnten sich die Reisenden in Adua am Fuß des Aloque-Gebirges einen Eindruck von der Arbeit der Salesianer-Ordensleute dort verschaffen. Vier Bildungs- und Ausbildungszentren unterhalten sie in der Region Tigray im Norden Äthiopiens. In Adua lernen über 330 Schülerinnen und Schüler einen Beruf, Maschinenmechaniker, Elektriker, Bauhandwerker. Sie sind gefragt, schießen doch derzeit Bauprojekte in Äthiopien gewissermaßen aus dem Boden. Bruder Christoph Baum, in Hüfingen bei Donaueschingen geborener Ingenieur, leitet als Chef die jungen Leute in Theorie und Praxis an – seit vier Wochen erst, zuvor war Bruder Christoph in Ghana.

In Adigrat ließen die Gläubigen der Diözese Adigrat die Reisegruppe die Anstrengung der Reise rasch vergessen. Mit Musik, Tanz und Gesang führten sie die Ankömmlinge in die Kathedrale, wo Bischof Medhin sie herzlich begrüßte. Er dankte der Diözese Rottenburg-Stuttgart, namentlich deren Priestern, für die Hilfe durch die Aktion PRIM, mit der Priester der württembergischen Diözese Mitbrüder in Äthiopien, Eritrea und Sudan durch Gehaltsverzicht unterstützen.

Die Hilfe der katholischen Kirche in Deutschland sei enorm wichtig, betonte Bischof Medhin. Das Christentum in Afrika, nach wie vor mit der orthodoxen Kirche in der Mehrheit, drohe diese Position zu verlieren. Er erwarte, so Bischof Medhin, dass eines Tages der Islam, versorgt mit Geld aus Arabien und Fernost, mit den Christen gleichziehen werde. Zudem würden pfingstlerische Freikirchen mit Unterstützung aus den USA an Zuwachs gewinnen. „Wenn Äthiopien seine christliche Kultur verlieren sollte, dann bedeutet dies für unser Land, für ganz Afrika und für Länder darüber hinaus eine Gefahr.“ Die Kirche in dem Land mit seiner bis ins 4. Jahrhundert zurückreichenden christlichen Tradition brauche Kraft. Für die katholische Kirche bedeute dies einen wachsenden Bedarf an mehr und gut ausgebildeten Priestern, „damit der Boden von Glaube und Seelsorge nicht verloren geht“.

Uwe Renz

15. Oktober 2014 – Bahir Dar

Zwar müssen sich die Katholiken in der Region Bahir Dar, 550 Kilometer im Norden der Hauptstadt, zahlenmäßig nicht verstecken. Und doch leben sie in dem 11.000 zählenden Touristenzentrum am Tana-See und bei den Nil-Wasserfällen inmitten von orthodoxen Christen und Muslimen.

Die Türen des Schulzentrums der Erzdiözese Addis Abeba stehen allen Kindern und Jugendlichen offen. Über 400 Schülerinnen lernen hier von 22 Lehrern und ihren pädagogischen Hilfskräften. Neben der Schule bietet die Diözese einen Kinderhort, einen Kindergarten und ein Familienzentrum an. In der Region Bahir Dar unterhält die Erzdiözese Addis Abeba elf Schulen, drei Kliniken sowie sechs Familien und Sozialzentren.

Für Weihbischof Matheos gibt es keine Alternative zur Ökumene: „Wir bekennen unseren Glauben, aber drängen niemanden zur Konversion.“ Zahlreiche Kirchen in der Stadt zeugen von der großen katholischen Vergangenheit, mehrere sind inzwischen allerdings Ruinen. Die wechselvolle Geschichte hat seit der Missionierung durch Portugiesen und Spanier dazu geführt, dass die katholische Kirche zur Minderheit wurde. Die Zeiten, als der Jesuitenpater Paez als erster Christ aus dem Westen nach Äthiopien kam und zunächst das Vertrauen des Kaisers und dessen Unterstützung gewann, sind vergangen.

Traum der Katholiken von Bahir Dar ist eine eigene Kathedrale auf einem eigenen, vom Staat zugewiesenen Grundstück. Der Antrag liegt seit fünf Jahren vor, die Antwort steht aus. Der Staat nehme das diakonisch und pädagogische Angebot der katholischen Kirche zwar gern in Anspruch, mit Hilfe ihr gegenüber halte er sich indes zurück. Zu sehr betrachte der Staat die katholische Kirche eben wegen ihres starken sozialen Engagements gewissermaßen als vom Ausland unterstützte Nichtregierungsorganisation. 300 Euro Miete muss die Diözese im Monat allein für das Gebäude zahlen, in dem sie ihr Schul- und Pastoralzentrum verwaltet.

Zum Abschied bedankte sich Weihbischof Matheos bei Bischof Fürst für die Hilfe der Diözese Rottenburg. „Wir brauchen Ihr Gebet und Ihre Solidarität in der weltweiten katholischen Familie.“

Uwe Renz

14. Oktober 2014 – Addis Abeba

Herzliche Aufnahme hat die Reisegruppe um Bischof Gebhard Fürst im Salesianum der Salesianer Don Boscos in Addis Abeba gefunden. Der Generalvikar der Erzdiözese Addis Abeba, Weihbischof Lisanu-Christos Matheos, begrüßte seine Gäste in Vertretung von Erzbischof Berhaneyesus Souraphiel, der zur Bischofssynode in Rom gereist war.

Seine Gäste aus Rottenburg-Stuttgart informierte der Geistliche umfassend und stellte ihnen bei der Kathedralkirche Mariä Geburt seine Diözese, eine von zwölf in Äthiopien vor. Obwohl die Katholiken mit einem Prozent Bevölkerungsanteil nur eine geringe Minderheit darstellen, so bieten sie doch nach dem Staat die meisten sozial-diakonischen Dienste. Allein die 1961 gegründete Erzdiözese Addis Abeba auf einem Gebiet von 275.000 Quadratkilometer und 19 Millionen Einwohnern, darunter nur 44.000 Kaholiken, hat 29 Pfarreien und 30 Ordensgemeinschaften.

In dem stark landwirtschaftlich geprägten Land Äthiopien herrscht großer Mangel an Bildung und Erziehung, aber auch an Gesundheits- und Ernährungsvorsorge. Allein dem Bildungsdefizit versucht die Erzdiözese Addis Abeba mit 49 katholischen Schulen entgegenzuwirken. Diese Schulen sind gefragt, bei Christen wie bei Muslimen. Zwar müssen die katholischen Schulen sich an staatliche Bildungspläne halten und offen für alle sein; mit klug geschärftem Profil auf der Basis christlicher Ethik helfen sie Kindern und Jugendlichen über religiöse und konfessionelle Grenzen hinweg, ihre Fähigkeiten zu entfalten.

Jede Region in der riesigen Erzdiözese braucht jeweils andere Angebote. Grassieren in der Hauptstadt Addis Abeba durch Massenzuwanderung Arbeits- und Obdachlosigkeit, Prostitution und Verwahrlosung in Slums, so geht es in ländlichen Gegenden oft um Mangelernährung, fehlendes landwirtschaftliches Wissen oder um fundamentale Gesundheitsvorsorge. Neben den Pfarreien leisten katholische Orden ihren Dienst, betreiben Kindergärten über Schulen, Krankenhäuser und Gesundheitszentren bis zu Zentren für den Dialog zwischen Christen und Muslimen.

Dabei muss sich die katholische Kirche in dem bitter armen Land Äthiopien mit seinen 94 Millionen Einwohnern wachsendem Druck erwehren. Zum einen werben aus den USA unterstützte Pfingstkirchen äthiopische Christen vor allem auf dem Land mit Geld und religiösen Verheißungen an, zum andern locken Muslime mit Geld unter anderem aus Saudi-Arabien. So gab es in der Region Bahir Dar vor 20 Jahren gerade einmal eine Moschee, heute sind es nach den Worten von Weihbischof Matheos bereits 40.

Das sozial-diakonische Engagement der katholischen Kirche führte offenbar dazu, dass sie in der Öffentlichkeit eher als Nichtregierungsorganisation wahrgenommen wird denn als Kirche. Tatsächlich stellen die Fachleute in der Erzdiözese heute fest, dass es an kontinuierlicher und nachhaltiger Glaubensbildung fehle. So hat sich das Erzbistum vorgenommen, zusammen mit anderen Diözesen und Partnern in der Weltkirche das Profil von Katechese zu schärfen und die Identität im christlichen Glauben zu stärken. Eine stabilere christlich-katholische Identität würde denn auch den inneren Zusammenhalt der Kirche stärken. Die Einheit zu wahren, ist schließlich angesichts einer Vielzahl von Volksgruppen eine ganz besondere Aufgabe.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hilft dabei. Seit 1973 unterstützt sie die katholische Kirche in Äthiopien mit seither 8,5 Millionen Euro. Dazu kommt ebenfalls seit 1973 die sogenannte PRIM-Hilfe („Priester helfen einander in der Mission“). Priester der württembergischen Diözese verzichten dafür auf einen Teil ihres Gehalts. Im vergangenen Jahr kamen so 290.000 Euro zusammen, um den Unterhalt der äthiopischen Mitbrüder mitzufinanzieren.

Uwe Renz

Pressemeldungen