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Ort des Gedenkens und der Hoffnung

Mittelalterliche Siedlung und Friedhof

Sülchenkirche mit Torhaus – Foto: Dr. Beate Schmid, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

Sülchenkirche am Ende der Ausgrabung – Foto: Foto: Dr. Beate Schmid, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

Barocke Bestattungen im Mittelgang des Kirchenschiffs der alten Sülchenkirche – Foto: Foto: Dr. Beate Schmid, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

Zierscheiben mit Kreuz, vermutlich Anfang 7. Jahrhundert – Foto: Dr. Beate Schmid, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

Jahrhunderte lang diente die 1450 erbaute Sülchenkirche den Rottenburgern als ganz normale Friedhofskirche. Der Friedhof nebenan war für sie ein lieb gewordener Ort des Gedenkens an die verstorbenen Angehörigen. Sechs Jahre lang wurde unter der Kirche gegraben, sechs Jahre lang war die Kirche geschlossen. Jetzt steht sie wieder offen und der Besucher spürt, dass er dort ganz tief in die Geschichte des Christentums eintaucht. Sülchen ist zu einem Ort der Erinnerung an unsere ältesten Vorfahren geworden, einem Hotspot der Kirchengeschichte.

Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist die Sülchenkirche schon seit dem Jahr 1886 von besonderer Bedeutung. Seitdem werden im Untergeschoss der Kirche die Bischöfe der Diözese beigesetzt. Als nach einem Wasserschaden die Bischofsgruft 2012 gründlich restauriert werden sollte, wusste niemand, welche Schätze sich unter der Kirche schlummerten. Die Arbeiten an der Bischofsgruft zogen sich hin. Immer wieder neue sensationelle Funde stoppten die Bautätigkeit und riefen die Archäologen auf den Plan. Erst in diesem Jahr konnten die Arbeiten abgeschlossen werden.

Unter der Kirche fand sich eine aufs neunte Jahrhundert zurückgehende dreischiffige romanische Vorgängerkirche. Aus den Überresten der Mauern konnten die Forscher schließen, dass sie drei Apsiden hatte und unter dem Patrozinium des heiligen Martinus stand. Zudem fanden sich Spuren einer frühmittelalterlich-karolingischen Steinkirche aus der Zeit um 750. Ihre Größe und Bauweise lassen auf eine Blütezeit der Siedlung als Grafensitz mit großer Bedeutung im frühen Mittelalter schließen. Die Sülchenkirche war damals alles andere als eine unbedeutende Dorfkirche. Auf den Steinen der Vorgängerkirchen wurde 1450 die jetzige barocke Kirche erbaut. Sie verlor 35 Jahre später die Pfarrrechte und das Patrozinium des Heiligen Martin an die bisherige Liebfrauenkirche in der Stadt Rottenburg.

Unter dem Boden der Sülchenkirche fanden die Forscher 80 Gräber aus verschiedenen Epochen. Drei davon konnten aufgrund der Überreste, wie priesterliche Gewänder, eindeutig Priestern zugeordnet werden. In den übrigen Gräbern wurden zahlreiche Grabbeigaben wie Rosenkränze und Schmuckstücke gefunden. Besonderes Aufsehen erregte ein Mädchengrab aus der Zeit um 600. Dem ca. 20 Jahre alten Mädchen wurde ein Radkreuz ins Grab gelegt, ein Beleg dafür, dass der christliche Glaube in dieser Gegend schon früher als bisher angenommen Verbreitung gefunden hatte. Wie es scheint, waren in dieser Zeit die Menschen der alamannische Oberschicht in der Region Christen. Die restlichen Bewohner wurden bis zum Ende des 7. Jahrhunderts christianisiert. Seit 1400 Jahren werden also Verstorbene in Sülchen im christlichen Glauben an die Auferstehung bestattet, eine Tradition, die kaum eine Friedhofskirche heute aufzuweisen hat.

Die gesamte Siedlung Sülchen umfasste ca. 40 ha, von denen bisher 10 % freigelegt wurde. Im 5. Jahrhundert muss es die erste Siedlung Sülchen gegeben haben. Nach der Gründung Rottenburgs um das Jahr 1300 wurde die Siedlung aufgegeben. In den 800 Jahren war Sülchen das Zentrum des Sülchgaus und wurde 1198 zuletzt genannt. Bisher wurden nur wenige Überreste der Siedlung erhoben.

Ursprünglich sollten die Grabungen in der Kirche Ende 2014 abgeschlossen sein. Aufgrund immer neuer Funde wurde weitergegraben. Zum Vorschein kamen zum Beispiel auch eine außergewöhnlich große Grube aus dem Jahr 1000, in der Glocken gegossen wurden. Nach den Funden von Sarkophagen aus dieser Zeit stimmte Bischof Gebhard Fürst weiteren Grabungen zu. Um die sensationellen Fundstücke der Bevölkerung zugänglich zu machen, begannen die Planungen für zwei Ausstellungsräume im Untergeschoss der Sülchenkirche.

Anfang November wird die Sülchenkirche feierlich (wieder-)eröffnet. Mit einem Pontifikalamt wird Bischof Gebhard Fürst die Kirche wieder einweihen und im Anschluss die sanierte Bischofsgruft eröffnen. Im Untergeschoss wird zudem eine Außenstelle des Diözesanmuseums einen Teil der Funde zeigen, die unter der Sülchenkirche fast 1300 Jahre verborgen waren. Die Sülchenkirche ist damit mehr als nur ein Erinnerungsort an die Verstorbenen. Sie ist zu einem Erinnerungsort für alle geworden, die Jahrhunderte lang vor uns an Jesus Christus als den Erlöser geglaubt haben, ein Erinnerungsort für die christliche Hoffnung.