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Über Mauern aus acht Jahrhunderten

Die Sülchenkirche und ihre Vorgängerinnen

Nach Abnahme des Wandputzes an der Innenseite der Langhaussüdwand zeigt sich das heterogene Mauerwerk, das vor allem aus wiederverwendeten Bausteinen der abgebrochenen Vorgängerkirche besteht – Foto: Tilmann Marstaller

Erste Grabungskampagne unter dem Chor – Foto: Dr. Beate Schmid, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

Treppentürmchen im Zwickel von Chor und Glockenturm mit Spolien des romanischen Rundbogenfrieses der Vorgängerkirche – Foto: Tilmann Marstaller

Mit den Schäden an der Bischofsgruft und den ersten Planungen zu ihrer Sanierung begannen die Grabungen unter der Sülchenkirche. Als die ersten Funde zu Tage traten, war den Archäologen klar: Hier bahnt sich eine Sensation an. Es wurde weitergegraben, neu geplant und restauriert. Heute ist die Sülchenkirche ein Ort von hoher archäologischer und kirchengeschichtlicher Bedeutung.

Beim Bau der gotischen Sülchenkirche um 1450 wurden Steine einer romanischen Kirche verwendet, so viel stand beim Grabungsbeginn fest. „Es war also mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass man bei Erdbauarbeiten in der Kirche auf archäologische Relikte romanischer und älterer Vorgängerbauten sowie erfahrungsgemäß auch Gräber – Bestattungen innerhalb der Kirche – stoßen würde“, so Beate Schmid vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Schnell wurde der Archäologin klar: Die Funde unter der Kirche waren eine Sensation: Ein Gräberfeld mit 80 Gräbern kam zum Vorschein. Die Gräber, so stellte sich schnell heraus, sind nur ein Teil eines größeren Gräberfeldes. Das jedoch ist (noch) nicht erschlossen, liegt es doch großenteils unterhalb des jetzigen Friedhofs. Rätselhaft bleibt bis heute, wo die zum Friedhof gehörige frühmittelalterliche Siedlung zu finden ist. Sie bestand schon im 5. Jh., während der Friedhof unter der Sülchenkirche aus dem 6. Jh. stammt.

Unter der Kiesschicht der Kirche blieben die Skelette der Verstorbenen und deren Grabbeigaben in gutem Zustand erhalten. Erstaunlich: Die Vielfalt der Bestattungsformen und der Grabbeigaben. Besonders interessant für Christen sind zwei Zierscheiben, die mit Kreuzen versehen sind (siehe Titelbild). „Mit großer Wahrscheinlichkeit“, so Beate Schmid, deuten die Funde auf eine frühe Christianisierung im 7. Jh. hin. Im ersten Drittel des 7. Jahrhunderts waren im alamannischen Raum burgundische Kleriker missionarisch tätig, das beweisen zahlreiche andere Funde. Manche Fragen, so Beate Schmid, bleiben dabei derzeit noch offen: “Haben wir hier lediglich den jüngeren Randbereich des großen Reihengräberfelds erfasst, dessen ältere Kernzone im heutigen Friedhofsareal südlich der Kirche zu suchen ist, oder handelt es sich um die Separatgrablege einer zugewanderten (fränkischen?) Siedlergruppe und der eigentliche alamannische Reihengräberfriedhof kann immer noch nicht lokalisiert werden?“

Sülchen spielte bei der Christianisierung des Südwestens eine besondere Rolle. Die vorromanische Kirche aus dem 7 Jh. mit ihren mächtigen Wänden und ihrem wahrscheinlich überragenden Turm mit großer Glocke lassen auf einen bedeutsamen Kirchenbau schließen, der vermutlich nicht allein als Bestattungsort diente. Der Neubau der Kirche zwischen dem 8. und 10. Jh. löste die bestehende Kirche ab. Bestattungen wurden dort dann nur noch für herausragende Persönlichkeiten vollzogen. Sülchengraf Hesso oder einer seiner Nachfahren könnte den repräsentativen Bau als sogenannte Eigenkirche in Auftrag gegeben haben. Es war quasi seine private Kirche, diente aber auch den Bewohnern von Sülchen für den Gottesdienst.

Um 1170 wurde der vorromanische Bau durch einen weiteren Kirchenbau ersetzt, der dann in der 2. Hälfte des 14. Jh. entstand. Damals verwendete man die Steine der alten Kirche für die Mauern der neuen. Die heutige Sülchenkirche ist also eine Kirche, in der sich das frühe Christentum auch heute noch widerspiegelt.