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Begegnung der Religionen

„Dialog der Welten“ im „Fluss der Dinge“

Über die Faszination fernöstlicher Religionen

Prof. em. Dr. Karl-Josef Kuschel / Foto: Uwe Renz

Unter der Überschrift „Dialog der Welten“ präsentiert das Diözesanmuseum Rottenburg ab 15. April eine Ausstellung zur christlichen Begegnung mit den Religionen Indiens. Im Vorfeld haben wir mit Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel (70), emeritierter Tübinger Theologieprofessor, über ein offenbar neu erwachendes Interesse in der westlichen Welt an fernöstlichen Kulturen und Religionen gesprochen. Kuschel hat jetzt ein Werk „Im Fluss der Dinge“ veröffentlicht, in dem er sich mit Hermann Hesses und Bertolt Brechts literarischer Auseinandersetzung mit den Religionen Indiens, Chinas und Japans befasst.

Herr Prof. Kuschel, was findet die westliche Welt an fernöstlichen Religionen und Kulturen so anziehend?

Karl-Josef Kuschel: Die asiatischen großen Kulturen haben verschiedene Rezeptionsschübe erlebt, gerade im deutschsprachigen Raum. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kamen erste Übersetzungen aus dem Indischen und aus dem Chinesischen auf den deutschen Buchmarkt, wie es das vorher so nicht gegeben hat. Sie erreichten freilich nur einige Intellektuelle, die gespürt haben, dass Europa in einer geistigen Krise ist. Sie erhofften sich, dass durch die Weisheit des Ostens eine Neuorientierung möglich sein würde. Heute ist die Situation völlig anders. Wir erleben im Zuge der Globalisierung ganz neue Möglichkeiten kultureller Begegnung. Das hat eine enorme geistige Herausforderung zur Folge. Indien und China sind ja nicht nur ökonomische Märkte, sondern geistige Energiefelder, mit denen man sich neu auseinandersetzen kann - wenn man mehr als Tourismus oder Handel will.

Welche Motive faszinieren besonders?

Kuschel: Denken Sie an Hermann Hesse, der in der Zeit des Ersten Weltkriegs die europäische Kultur als krisenhaft erlebt hat. Ich denke, seine Analyse ist heute noch gültig: Der sogenannte Westen steht für vorrangig zweckrationales Denken, für Industrialisierung, Technisierung und Eroberung der Märkte, also für rein funktionale Wohlstandssicherung sowie für Austausch in Handel und Wissenschaft. Was dabei verloren geht, das hat Hesse eindeutig festgehalten, ist die innere Balance. Er erkannte, dass einseitig funktionales Denken der Seele schadet.

Wie kann die östliche Kultur da ein Gegengewicht bilden?

Kuschel: Fragen wir doch, was die Lektüre etwa eines indischen Schlüsseltextes wie der Bhagavadgita oder der Sprüche des Laotse ausgelöst hat. Warum waren diese Texte für christlich geprägte Europäer plötzlich so wichtig? Das indische Denken gründet in der Annahme, dass Individualseele und Weltseele, indisch ausgedrückt Atman und Brachman, identisch sind. So ist durch eine Innenschau, eine Versenkung in sich selbst, der Weg zum Göttlichen möglich. Das ist ein völliger Kontrast zum biblischen Gottesbild, nach dem Gott als Schöpfer, als Richter und Gesetzgeber, also als Über-Ich-Instanz betrachtet wird. Der Mensch begreift sich als Sünder, der von Gott gerettet werden muss. Die Einheit von Atman und Brachman wirkt da befreiend.

Tatsächlich fühlen sich viele Menschen in unserem Kulturkreis innerlich zerrissen…

Kuschel: Hier begegnet der Taoismus mit einer Grundvorstellung, nach der alles Wirkliche auf der Polarität von Ying und Yang beruht. Diese Polarität drückt aus, dass alles in der Welt im Fluss ist zwischen beispielsweise Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Männlich und Weiblich, Stark und Schwach. Das Hauptwort des Taoismus heißt Tao. Es handelt sich um eine Weise, in dieser Welt zu überleben, im Fluss der Dinge seine Ordnung zu finden. Atman und Brachman wie auch Ying und Yang, diese fernöstlichen Antworten auf die Sehnsucht nach Integrität und personale Ganzheitlichkeit faszinieren anhaltend.

Sie haben die westlich einseitige Betonung von Rationalität, Effizienz und Funktionalität herausgestellt. Haben wir das Träumen verloren und damit die Fähigkeit, uns wirklich individuell zu orientieren und zu entscheiden?

Kuschel: Wir wissen heute, dass an menschlichen Entscheidungen viel stärker das Unbewusste beteiligt ist als eben nur das Rationale. Dass heute viele Menschen psychotherapeutische Hilfe brauchen - Stichwort Burnout -, zeigt ja, wie sehr zweckrationales Denken sie unglücklich gemacht hat. Einseitiges Leistungsdenken und -handeln hat eben unbewusste und emotionale Schichten, mit denen man über Träume in Kontakt kommt, verkümmern lassen. Es muss Balance da sein. Christlich entspricht dies der Weisung aus der Benediktregel „Ora et labora - bete und arbeite“. Gemeint ist ein Gleichgewicht von Seele und Leib, Aktion und Meditation.

Könnte der Blick auf fernöstliche Kultur zum Verlust christlicher Tradition führen?

Kuschel: Der Verlust ist bereits zu beklagen, aber nicht durch Einfluss aus Fernost. Praktisch überall auf der Welt hat Religion nach wie vor eine die Menschen prägende Bedeutung. West- und Nordeuropa hat eine Sonderentwicklung durchgemacht. Man hat Religion sozusagen auf eine öffentliche Schwundstufe reduziert, die in der Geschichte beispiellos ist. Was wir für Fortschritt gehalten haben, ist vielleicht auch Mangel. Bis in meine Generation hinein haben wir den Verlust von Religion als Freiheitserlebnis gefeiert. Ich wünsche mir einen selbstkritischen Diskurs in Europa im Licht der Erfahrungen anderer Kulturen über das Schicksal, das wir der Religion bereitet haben.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat unter anderem mit „Nostra aetate“ den Dialog der Kirche mit den Religionen der Welt empfohlen. Gelingt dieser Dialog aus Ihrer Sicht?

Kuschel: Die katholische Kirche hat tatsächlich auf dem Zweiten Vatikanum den interreligiösen Dialog entdeckt. Bis dahin waren auf lehramtlicher Ebene die Nichtchristen die Verlorenen, um deren Seelenheil man sich zu sorgen hatte. Das Zweite Vatikanum geht sogar so weit, dass es auch in anderen Religionen Wahrheitsanteile anerkennt. Der Satz, das die katholische Kirche nichts von dem ablehnt, was in anderen Religionen wahr und heilig ist, ist von gewaltiger Tragweite. Er schließt ein den Appell nach Begegnung, Dialog und Zusammenarbeit.

Wie steht es dann um den christlichen Missionsauftrag, den es zu erfüllen gilt?

Kuschel: Der Missionsauftrag bedeutet ja, gegenüber Nichtchristen über meinen eigenen Glauben Rechenschaft abzulegen. Ich gebe damit Zeugnis davon, dass ich meinen Glauben nicht selbst produziert, sondern ihn überliefert bekommen habe. Insofern weiß ich mich gesandt an jemanden, der meinen Glauben nicht teilt. Das Konzil fordert nun, dass ich mir Kenntnisse vom Glauben des anderen verschaffe, also gemeinsame Anknüpfungspunkte suche für einen Dialog.

… eigentlich eine gute Basis für globale Friedensarbeit?

Kuschel: Ein Ja-Sagen zur Existenz des anderen drückt Wertschätzung aus, mehr also als bloße Toleranz. Es ist ein elementarer Beitrag zum Weltfrieden, wenn ich sage: „Es ist gut, dass es dich gibt; du bist ein geliebtes Kind Gottes und nach seinem Bild geschaffen“. Diese Zusage muss jedem Menschen gelten.

Uwe Renz 15.03.2018

Person

Dr. Karl-Josef Kuschel, Professor em. der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Tübingen, lehrte von 1995 bis 2013 Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs und war stellvertretender Direktor des Instituts für Ökumenische und interreligiöse Forschung. Er hat zahlreiche Bücher zum interreligiösen Dialog und zum Thema Religion und Literatur veröffentlicht. Kuschel ist Präsident der internationalen Hermann-Hesse-Gesellschaft.

Aktuelle Buchveröffentlichung:
Karl-Josef Kuschel

Im Fluss der Dinge

Hardcover, Format 14,4 x 22,6 cm
728 Seiten
Patmos Verlag
ISBN: 978-3-8436-1042-1
€ 55,00