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Caritas und Pflege

Was ist uns menschenwürdige Pflege wert?

SWR-Team erhält den Caritas-Journalistenpreis

Thomas Schneider mit Julian Gräfe (l.) und Jürgen Rose (r.) - Foto: Caritas Rottenburg-Stuttgart e.V.

Das Autorenteam Julian Gräfe, Jürgen Rose und Thomas Schneider erhielt am 6. Februar für den Film "Pflege: Hilft denn keiner?", der in der ARD-Reihe "Was Deutschland bewegt" lief, den Journalistenpreis der Caritasverbände in Baden-Württemberg. Im Interview erzählt Thomas Schneider, woran das Pflegesystem aus seiner Sicht krankt und welche Lösungen möglich sind.

Herr Schneider, Sie haben zusammen mit Ihren Kollegen einen Film über Pflege in Deutschland gemacht. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Thomas Schneider: In unseren SWR-Programmen decken wir seit Jahren Missstände in der Pflege auf. Im Grunde betrifft das Thema uns alle. Jeder weiß um die Nöte rund um die Pflege, und doch hat sich hier politisch über viele Jahre wenig bis nichts getan. Vielleicht auch deshalb, weil das Thema sich nicht für populistische Diskurse eignet, wie sie die jüngsten Wahlkämpfe geprägt haben. Wir müssen weiter an diesem Thema arbeiten. Steter Tropfen höhlt hoffentlich irgendwann auch diesen Stein.

Wenn ich heute zum Pflegefall würde - was wäre aufgrund Ihrer Recherche die schwierigste Herausforderung, mit der ich konfrontiert wäre?

Schneider: Sie bräuchten jemanden, der Sie pflegt. Darum möchte ich gerne den Blick auf die pflegenden Angehörigen lenken. Sie werden bei uns weitgehend alleingelassen. In keiner Sonntagsrede zum Thema Pflege fehlt das Loblied auf Menschen, die zuhause ihre Mutter oder ihren Ehemann pflegen. Aber das Pflegegeld aus der Pflegeversicherung, das ein Pflegebedürftiger an seine Angehörigen weitergeben kann, ist nicht einmal halb so hoch wie die sogenannte Pflegesachleistung, die für ambulante Pflegedienste oder Pflege im Heim gezahlt wird. Das ist zynisch. Wer über längere Zeit einen Angehörigen pflegt, ganz überwiegend sind das Frauen, riskiert außerdem Altersarmut.

Der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der zusammen mit dem Freiburger Verband Ihr Werk ausgezeichnet hat, betreibt selbst Pflegeeinrichtungen. Hat der kirchliche Hintergrund des Trägers Auswirkungen auf die Pflege?

Schneider: Die Caritas muss mit der Pflege keine Gewinne machen. Das unterscheidet sie von kommerziellen Pflegeanbietern. Ich will nicht pauschal behaupten, dass kommerzielle Anbieter immer schlechtere Pflege leisten als gemeinnützige. Aber die Gewinnorientierung ist zweifellos eines der größten Probleme unseres Pflegesystems. Denn Gewinnstreben heißt in der Regel Kostensenkung. Gespart wird vor allem beim Personal. Das geht zu Lasten der Pflegebedürftigen, und übrigens auch der Pflegerinnen und Pfleger. Die Caritas und andere kirchliche Träger können zeigen, dass es anders geht. Das ist Chance und Herausforderung.

Sind Sie bei der Auseinandersetzung mit dem Thema auf Ideen gestoßen, wie die Situation für Pflegebedürftige, Angehörige und Pflegekräfte verbessert werden könnte?

Schneider: Beeindruckt hat uns das Beispiel der Stadt Riedlingen, wo Bürger, Vereine und die Kommune ein Netz geknüpft haben, damit Pflegebedürftige möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung leben können. Das geht nur mit enorm viel bürgerschaftlichem Engagement. Damit will ich aber nicht ablenken vom politischen Handlungsbedarf. Wir müssen uns als Gesellschaft überlegen, was uns menschenwürdige Pflege wert ist. Ich denke, wir müssen auch bereit sein, dafür mehr zu zahlen – aber nicht, um Pflegekonzernen höhere Renditen zu bescheren.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Auszeichnung Ihrer Arbeit durch den katholischen Sozialverband?

Schneider: Wir freuen uns sehr über diesen Preis. Es macht uns stolz, dass eine kompetente Jury unsere Arbeit auszeichnet. Und es ist eine schöne Bestätigung, dass wir den Preis für einen Film zu einem Thema erhalten, das nicht gerade in die Kategorie „leicht bekömmlich“ fällt. Das bestärkt uns darin, das Thema weiter zu verfolgen.

Markus Waggershauser - 07.02.2019

Person

Thomas Schneider ist seit 1998 Redakteur beim Südwestrundfunk. In dieser Funktion arbeitete der heute 46-Jährige bereits als Fernsehkorrespondent in Madrid und Algier. Derzeit liegt der Schwerpunkt des studierten Historikers und Politikwissenschaftlers in Dokumentationen zu Politik und Zeitgeschichte. Schneider ist verheiratet und Vater zweier Kinder.