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Demokratie in der Kirche

"Die Kirche ist demokratischer geworden"

50 Jahre Gemeindeleitung nach dem Rottenburger Modell

Alfons Kleiner

Dass die Verwaltung der Finanzen, die Gestaltung der Pastoral und die Programmpunkte beim Gemeindefest im selben Gremium beraten werden, ist weltweit einzigartig. Alfons Kleiner hat die Einführung der Rottenburger Kirchengemeindeordnung im Jahr 1968 miterlebt und erzählt davon im Interview.

Beim Stichwort „1968“ fallen mir sofort die Studentenunruhen ein. Haben Sie davon in Stuttgart etwas mitbekommen?

Alfons Kleiner: Die Studenten sind natürlich auch auf dem Schlossplatz gesessen, aber größere Demonstrationen hat es eigentlich nicht gegeben. Da war das Umfeld hier zu konservativ.

Und wie war es damals in der Kirche? Kurz zuvor von 1962 bis 1965 war ja das Erneuerungs-Konzil im Vatikan ...

Kleiner: Ich war damals bei der katholischen Schwaben-Jugend aktiv. Wir haben versucht, Gemeinde zu gestalten - die Kirche war ja im Umbruch. Damals ging es auch um die Ablösung von Kirchenstiftungsrat und Ortskirchensteuervertretung durch den Kirchengemeinderat.

Waren Sie in St. Maria Mitglied im Kirchenstiftungsrat?

Kleiner: Nein, dafür war ich noch nicht würdig genug. Wer Kirchenstiftungsrat werden wollte, brauchte einen Bauch, einen Frack und einen Zylinder. Es waren lauter ehrwürdige Honoratioren. Das war mir zu antiquiert. Die haben mit dem Pfarrer zusammen die Geschicke der Gemeinde geleitet. Der Rat hatte eher Verwaltungsaufgaben.

Und wie war das mit der Ortskirchensteuervertretung?

Kleiner: Weil ich in der Jugend aktiv war, bin ich auf die Liste gerutscht. Der Pfarrer hat aber gleich gesagt, dass gemacht wird, was er, der Kirchenstiftungsrat und der Kirchenpfleger sagen – egal, was wir beschließen. Es war alles sehr kurzfristig, eine Woche später wurde ich gewählt. Wenn es aber nur ums Abnicken geht, wollte ich nicht mitmachen. Ich habe gleich am anderen Tag einen Brief geschrieben, dass ich unter diesen Umständen die Wahl nicht annehme.

1968 trat dann die neue Kirchengemeindeordnung in Kraft. Hat sich dadurch die Gremienarbeit verändert?

Kleiner: Ja, wir von der Jugend wollten uns positionieren und waren schon etwas aufmüpfig. Im Kirchengemeinderat hatten wir eine starke Fraktion und konnten uns einbringen. Es war etwas Neues und man konnte entsprechend gestalten.

Ging das alles reibungslos?

Kleiner: Es gab manchmal harte Diskussionen mit dem Stadtpfarrer, wie man handelt und wofür man Geld einsetzt. Die Mehrheit im Rat war schon im Rentenalter. Aber die älteren Herren konnten beispielsweise keinen Himmel [Stoffbaldachin, der bei der Prozession über dem Priester mit der Monstranz getragen wird. Anm. d. Red.] mehr tragen. Als wir Jüngeren dann instruiert werden sollten, wie man da läuft, habe ich gesagt: Wenn ihr auf mich Wert legt – ich komme nur ohne Zylinder. Dann haben die anderen auch gesagt, dass sie keinen aufsetzen.

Waren Sie Mitglied in weiteren Räten? Was waren dort Ihre Aufgaben?

Kleiner: Es ist in Gremien so: Wenn du den Mund aufmachst, wirst du in irgendetwas hineingewählt. Ich habe mich zusammen mit anderen, die auch im Handwerk tätig waren, mit der kirchlichen Finanzpolitik angelegt. Es gab keinen Haushaltsplan und der Pfarrer hat gesagt: Wir machen dies und jenes, es ist schon bezahlt. Dann bin ich in den Verwaltungsausschuss gekommen und dort haben sie mich gleich auch in den Verwaltungsausschuss der Gesamtkirchengemeinde geschickt. Das war ein kleines Gremium. Dort waren drei Pfarrer. Die direkten Vertreter der Gemeinden waren Laien. Dort konnte man bei Kirchenbauten und Renovierungen gut planen und schaffen. Das hat Freude gemacht.

Wie sehen Sie das Thema „Mitbestimmung“ in der heutigen Kirche?

Kleiner: Die Kirche ist heute schon demokratischer geworden. Früher gab es einige Pfarrer, die meinten, was sie sagen, sei Gesetz. Das Volk habe nichts zu melden. Das hat sich auf jeden Fall geändert. Heute gibt es eher das Gegenteil. Die jungen Pfarrer haben eher Bedenken, auf wen sie alles Rücksicht nehmen und wem sie sich anpassen müssen. Aber ich bin da inzwischen raus. Ich nehme schon noch Anteil daran, aber es juckt mich nicht mehr so.

Markus Waggershauser - 12.04.2018

Person

Alfons Kleiner führte lange Jahre als Meister für Flaschnerei, Sanitär und Heizung seinen Handwerksbetrieb im Stuttgarter Zentrum und engagierte sich in der Kirchengemeinde St. Maria. Dort erlebte der heute 87-Jährige die Umbrüche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hautnah mit. Inzwischen lebt Kleiner mit seiner Frau in einem Stadtteil auf den Fildern.