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Dialog der Welten

Brücken bauen zwischen Religionen und Kulturen

Milan Wehnert wechselte vom Diözesanmuseum ins Noviziat der Jesuiten

Dr. Milan Wehnert

Milan Wehnert ist vielen Rottenburgern noch gut im Gedächtnis. Von 2014 bis 2018 war er Kurator im Diözesanmuseum Rottenburg mit zahlreichen Veranstaltungen zu Kunst und Spiritualität.  2018 verabschiedete er sich aus Rottenburg mit der Ausstellung „Dialog der Welten. Christliche Begegnung mit den Religionen Indiens“. Seit September vergangenen Jahres lebt er im Jesuiten-Noviziat in Nürnberg.

Herr Wehnert, haben Sie sich im Jesuiten-Noviziat denn gut eingelebt?

Milan Wehnert: Das erste halbe Jahr ist schnell vergangen - viele Begegnungen, Ideen, neue Erfahrungen. Und sieben tolle Gefährten. Wir haben bald gemerkt, dass uns was Starkes verbindet.

Wie kann man sich Ihren Tagesablauf vorstellen?

Wehnert: Vormittags haben wir Seminare: ignatianische Spiritualität, Gebet, Psychologie, Geschichte und Struktur des Ordens. Oft kommen Jesuiten aus der ganzen Welt zu Besuch. Es gibt viel Raum für Diskussion. Die Nachmittage sind unterschiedlich: Seelsorgepraktika, wir machen Sport, gerne Ausflüge, Studium, Sprachen lernen. Und abends feiern wir die Eucharistie, immer ein verbindender Moment. Wichtig ist das Gebet - eine stille Schriftbetrachtung am Morgen, das gemeinsame Mittagsgebet, zum Ende der Tagesrückblick.

Bereuen Sie es denn manchmal auch ein wenig, Rottenburg verlassen zu haben?

Wehnert: Ich vermisse Rottenburg – meine Freunde, das tolle Team im Diözesanmuseum, die Begegnung mit den Besuchern, überhaupt die Diözese. Ich war letzten Sommer, kurz bevor ich ins Noviziat nach Nürnberg ging, noch einmal in Neresheim in der Klosterkirche. Da fühlt es sich immer ein wenig an, als ob 'der Himmel offen' stehe, als ob sich Pole berühren könnten. Das Klare, Entschlackte der Aufklärung einerseits und dann das tief Katholische, die Intensität, das ,Geheimnis des Glaubens'. Ich finde, das sind Schnittmengen und Balancen, die diese Diözese sehr lebendig machen.

Gibt es etwas, das Ihnen aus Ihrer Zeit in Rottenburg und in der Diözese noch in besonders positiver Erinnerung geblieben ist?

Wehnert: In der Diözese im Bereich Bildung, Kunst, Spiritualität zu arbeiten, war eine großartige Erfahrung. Weltoffen und begeisterbar – so habe ich die Menschen hier erlebt. In Erinnerung bleibt mir der enge Kontakt mit den Besuchern im Museum. Auf der einen Seite ein christliches Kunstwerk, auf der anderen die Menschen, die das anschauen, verstehen wollen. Ich habe immer gestaunt, was da von den Leuten kommt.

In einem Zeitungsbericht im Schwäbischen Tagblatt war vor wenigen Tagen zu lesen, dass hinter Ihrem Entschluss, in den Jesuiten-Orden einzutreten, der Wunsch stand, „Brücken zu bauen“ ...

Wehnert: In Museen geht es immer ums 'Brücken bauen',  gerade heute und besonders bei christlicher Kunst. Der Ernstfall für mich war 2018 die Ausstellung 'Dialog der Welten', auf den Spuren der Jesuiten durch Indien. Es ging um Brücken zwischen den Religionen, zwischen Christentum, Islam und Hinduismus – jedes in seiner Eigenart und Tiefe. Immer wieder waren es Jesuiten, die solche Brücken gebaut haben und dabei ihre Christus-Beziehung vertiefen konnten.  Ein interkultureller Elan prägt die 'Gesellschaft Jesu' (Jesuiten) bis in unsere Zeit.

Im selben Bericht stand auch, dass Sie in der Diözese Rottenburg-Stuttgart viele gute Erfahrungen gemacht haben, die dazu führten, dass Sie sich ein Leben als Priester vorstellen können. Können Sie das etwas näher erläutern?

Wehnert: Beim 'Dialog der Welten' erlebte ich 'Diözese' als einen Raum von Vertrauen und Offenheit, auch als einen Raum, wo Menschen für etwas  brennen dürfen. Kirche kann Heimat sein für das Feuer in uns. Und immer wieder die Führungen: Wenn es gut lief, wenn Freude aufkam in den Besuchern, wäre es schön gewesen, die Gruppe noch zum Gebet einladen zu können, die entstandene Stimmung aufzugreifen und von da aus zusammen die Eucharistie zu erleben. Der Wunsch, in diese Richtung weiterzugehen, hat mich nicht mehr losgelassen.

Weshalb war es gerade der Orden der Jesuiten, in den Sie eingetreten sind?

Wehnert: 'Gott in allen Dingen suchen' – und finden.  Dieser Satz von Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens, ist für mich der Kern. Auch wenn ich mich im Laufe des Noviziats entscheiden würde, nicht in den Orden einzutreten, bliebe das für mich ein Kompass. Am Jesuitenorden fasziniert mich, wie konsequent das gelebt wird - ohne Scheu, dabei in herausfordernde Konstellationen zu geraten: Wo kann ich diesem Schöpfergott begegnen? In Christus, in der Eucharistie? Ja, aber auch in den Menschen, die in der Großstadt durch eine Einkaufsmeile laufen? In einem Club? Im Krankenhaus? Im Gebet eines muslimischen Freundes? Dieser Respekt vor der Sehnsucht, die jeder in sich trägt und mit der jeder Mensch umgehen muss – da hinzusehen und nach Gott zu fragen, das ist für mich jesuitisch.

Gibt es für Sie eine Gelegenheit, Ihre bisher gemachten Berufs- und Lebenserfahrungen in Ihrer neuen Aufgabe einzubringen?

Wehnert: Es ist schön, mit etwas zu arbeiten, für das man bereits brennt und das zu vertiefen. Ich glaube, da bietet der Jesuitenorden viele Möglichkeiten.

Gibt es eine Aufgabe, für die Sie sich in der Zukunft besonders interessieren würden?

Wehnert: Offen formuliert: Das Schatzhaus 'Kirche' ganz weit aufmachen. Sensibel machen für Christus-Dimensionen. Die eigenen Glaubenstraditionen neu entdecken, zum Beispiel gemeinsam staunen über ein Bild wie Raffaels 'Verklärung Christi' im Vatikan, so ein Bild aufschließen für die vielen, die keinen Bezug zur Kirche haben. Aber auch in die Gegenrichtung: Als Christ in neue Kontexte treten, dem religiös Anderen begegnen, im Dialog sein mit der 'reifen säkularen Gesellschaft', mit den Lebenswelten, die um uns sind – da zieht einiges.

Gregor Moser – 21.03.2019

Person

Dr. Milan Wehnert ist seit September 2018 Novize des Jesuitenordens in Nürnberg. Er studierte Katholische Theologie, Kunstgeschichte und Mittelalterliche Geschichte in Berlin, Tübingen und Rom. Sein Schwerpunkt ist die Kirchengeschichte Frankreichs, Schwabens und des Jesuitenordens. 2014 folgte die Promotion an der Katholisch-Theologischen Fakultät Tübingen mit der Arbeit „Ein Neues Geschlecht von Priestern. Tridentinische Klerikalkultur im französischen Katholizismus 1620-1640“.