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Diözesangeschichte

Christentumsgeschichte statt Fortentwicklung einer Institution

Neu erschienene Diözesangeschichte an ein breites Publikum gerichtet

Prof. Dr. Andreas Holzem (l.) und Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann

Andreas Holzem und Wolfgang Zimmermann sind Herausgeber der zweibändigen „Geschichte der Diözese-Rottenburg-Stuttgart“, die ab 15. April 2019 im Buchhandel erhältlich ist. Im Interview sprechen sie über die Hintergründe, wie Historiker heute an ein solches Werk herangehen und wen sie damit erreichen wollen.

Herr Holzem, gibt es neue Erkenntnisse der Geschichtsschreibung, die in der zweibändigen Publikation enthalten sind?

Andreas Holzem: Dieses Werk ist voll von neuen Erkenntnissen. Die wichtigsten: Die Geschichte der Diözese beginnt nicht erst mit ihrer Gründung. Wir schreiben sie als Geschichte eines religiösen Raums seit der Christianisierung. Wir integrieren dabei die neuesten Forschungen über Mittelalter, Reformation und Frühe Neuzeit im deutschen Südwesten. Zweitens: Weite Phasen der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wurden aus bislang unpubliziertem Archivmaterial völlig neu geschrieben. Drittens: Wir haben die Perspektive gewechselt: Die ‚alte‘ Bistumsgeschichte aus der Feder von August Hagen war ‚Kirchengeschichte‘ als Geschichte der Institution. Wir schreiben nun ‚Christentumsgeschichte‘. Uns interessiert das religiöse Leben der Vielen im Zusammenhang mit ihren kulturellen Überzeugungen, ihren sozialen Bedingungen und ihrer Lebensweise.

Herr Zimmermann, an wen richtet sich die Veröffentlichung? Ist es vor allem ein Fachpublikum, das da angesprochen werden soll?

Wolfgang Zimmermann: Wir wenden uns an ein breites Publikum. Jede und jeder historisch Interessierte wird eine eigene Weise des Zugangs finden. Wir ‚erzählen Geschichten‘, so dass sich christliches, gesellschaftliches und politisches Leben in all seinem Reichtum und in all seinen Konflikten und Katastrophen ganz verständlich erschließt. Wir analysieren Geschichte, aber so, dass Strukturen und Theorien in der historischen Erzählung selbst liegen. Wir verzichten auf Fachvokabular und Fremdworte oder, wo nötig, erklären sie.

Herr Holzem, die Diözesangeschichte ist ein reich bebildertes Werk. Was gab den Ausschlag dafür, eine solche Gestaltung zu wählen?

Holzem: Wenn diese Geschichte der Diözese Rottenburg-Stuttgart reich illustriert erscheint, ist das kein ästhetisches Beiwerk, sondern Teil des Konzepts. Eine Geschichte des ‚geglaubten Gottes‘ ist auch eine Geschichte der Materialität: Die Abbildungen repräsentieren das, was man an Geschichte anfassen und anschauen kann, was eine ‚heilige‘ Verschwendungskultur Gott darbringen wollte oder was man sich vom Munde absparte, kurz: was in einem sehr umfassenden Sinne genutzt und benutzt wurde, um als Christin und Christ zu leben. Nicht alles davon ist ‚Hochkultur‘ – im Gegenteil. Diese Materialität des Religiösen spricht oft vor allem davon, wovon wir Texte nicht besitzen, nämlich von der Alltagsreligiosität einfacher Leute. Sie ist uns nicht leicht zugänglich. Umso bedeutsamer ist das Wenige, was wir vom Leben und von der Religiosität der Vielen noch haben.

Die Arbeit an den zwei Bänden nahm rund 10 Jahre in Anspruch. Woran lag das und sind Sie mit dem Resultat zufrieden?

Holzem: Habent sua fata libelli – Die Bücher haben ihre Geschichte und ihr Schicksal. Wenn so viele Autorinnen und Autoren mitarbeiten, und wenn so viel Material aufgearbeitet werden muss, kommt es zu langer Dauer und – ja – auch zu Komplikationen. Man hat als Herausgeber manchmal tapfer sein müssen. Nur als Beispiel: Allein die Bildredaktion hat mit Recherche, Auswahl, Beschaffung, Rechte ein ganzes Team für eineinhalb Jahre in Beschlag genommen.

Zimmermann: Wir sind sehr zufrieden. Nur wenige deutsche Diözesen haben umfängliche und vollständige Diözesangeschichten. Dieses Werk steht – im Vergleich – in der ersten Reihe. Und es hat einen ganz eigenen Charakter.

Gregor Moser - 12.04.2019

Personen

Andreas Holzem, geboren 1961, ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

Wolfgang Zimmermann, geboren 1960, war bis 2010 Vorsitzender des Geschichtsvereins der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Er lehrt als Honorarprofessor an der Universität Heidelberg und ist stellvertretender Vorsitzender der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Seit 2010 leitet er im Landesarchiv Baden-Württemberg das Generallandesarchiv Karlsruhe.