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Ehe und Familie

"Mit offenem Herzen und großem Mut"

Lehre und Praxis von Ehe und Familie

Professor Dr. Matthias Möhring-Hesse, Tübingen

Ehe und andere Lebensformen, wiederverheiratete Geschiedene und Kommunion, das sind nur einige Themen auf der Bischofssynode zur Familie in Rom. Matthias Möhring-Hesse, Professor für Theologische Sozialethik in Tübingen, ist selbst Ehemann und Vater. Er kennt sowohl die Lehre als auch den Alltag.

Herr Professor Möhring-Hesse, ist es überhaupt möglich hundertprozentig nach den Normen der Katholischen Kirche als Familie zusammenzuleben?

Matthias Möhring-Hesse: In der Bundesrepublik leben wir – wie Soziologen sagen – in einer „Multioptionengesellschaft“. Unter diesen Bedingungen ist es durchaus möglich, die „katholischen“ Lebensformen und Lebensweisen zu leben, - so wie auch viele andere Lebensformen und Lebensweisen möglich sind. Unter diesen Bedingungen ist es soziologisch gesehen aber recht unwahrscheinlich, dass eine bestimmte, hier also die „katholische“,  davon als die für einzelne - und noch unwahrscheinlicher für alle - über ihr ganzes Leben hinweg einzig wahre, gute und richtige Option ausgewiesen werden kann. Und tatsächlich: Zunehmend mehr Glaubende können die kirchlich-lehramtlichen Vorgaben für ihre persönlichen Beziehungen in deren ausschließlichen Verbindlichkeit nicht mehr nachvollziehen. Ihnen wird die Vorgabe zur unverständlichen, unvernünftigen und unzeitgemäßen, einzig durch kirchliche Macht autorisierten Weisung.

Diese Erkenntnis war ja Anlass für die derzeitige Bischofssynode. Worin liegt das Problem?

Möhring-Hesse: In ihrer Distanz gegenüber den kirchenamtlichen Vorgaben haben die Glaubenden theologisch und ethisch überaus gute Gründe, demgegenüber die Gründe für die kirchenamtlichen Vorgaben äußerst schwach aussehen. So halten sie ihre Beziehungen für gut und richtig, wenn sie diese mit ihren Partnerinnen oder Partnern und mit ihren Kindern aufrichtig und fair aushandeln. Und für geglückt, wenn ihnen dieses Aushandeln gelingt und sie ihre Beziehungen entsprechend leben. Für gut und richtig halten sie es hingegen nicht, wenn ihnen vermeintliche Vorgaben der Bibel, des "Das war immer schon so" oder der "Natur" und ihrer Biologie vorgehalten werden. Genau das aber macht den in Rom versammelten Bischöfen Probleme, um die ich sie wirklich nicht beneide. Die Behauptung einiger von ihnen, die lehramtlich vertretene Option sei für viele Glaubende nicht möglich, soll sie wohl entlasten. Zwar sei bei der Lehre eigentlich alles in Ordnung, alles wahr und richtig, nur die böse Wirklichkeit ... Soziologisch überzeugt diese Haltung nicht, ist aber vielleicht notwendig, um das Gespräch zwischen den Bischöfen zu öffnen.

Was raten Sie Seelsorgerinnen und Seelsorgern im Umgang mit Menschen, die in dieser Wirklichkeit an den Idealen gescheitert sind?

Möhring-Hesse: Mit offenem Herzen und großem Mut die ihnen von Papst Franziskus empfohlene Freiheit der Seelsorge wahrzunehmen. Seelsorge wird "vor Ort" gemacht. Weiterhin rate ich ihnen, den Menschen zuzuhören. Für kluge und aufrichtige Christinnen und Christen ist nicht jede Scheidung, ist nicht jede zweite Hochzeit, ist nicht jede "Patchwork-Familie" ein Scheitern, sondern häufig eine Leistung und zumeist eine gute Entscheidung. Seelsorgerinnnen und Seelsorger sollten aber auch nicht ausschließen, dass Menschen in ihren Lebensbrüchen und in ihren Lebensformen tatsächlich nicht nur an kirchlichen Vorgaben, sondern dabei auch an eigenen Idealen gescheitert sind. Dann aber sollten sie einen Weg finden, die so Betroffenen in diesem Scheitern zu begleiten und sie darin zu unterstützen, sich mit sich selbst zu versöhnen und neu anzufangen. Dazu sollten sie auch die „Barmherzigkeit“ üben, die Kardinal Kasper in seinem bekannten Vortrag unserer Kirche empfohlen hat.

Hier steht die pastorale Praxis im Vordergrund. Sollte sie auch die Lehre der Kirche beeinflussen?

Möhring-Hesse: Selbstverständlich sollte sie das. Theologisch dürfte das auch gar nicht umstritten sein. In seinem apostolischen Rundschreiben "Evangelii gaudium" hat Papst Franziskus uns und unsere Kirche dazu jedenfalls aufgerufen.

Wieso tun sich Teile der Kirche dann so schwer mit Reformen?

Möhring-Hesse: Verschiedene Teile der Kirche haben vermutlich aus ganz verschiedenen Gründen Schwierigkeiten mit Veränderungen in der Lehre und der Praxis der Kirche. Ich will nur eine Antwort anlässlich der Bischofssynode versuchen. Hat man über viele Jahre hinweg eine Lehre gegen Kritik, Anfeindungen und auch Häme vertreten, dann wird man es schwer haben, diese Lehre nun in Frage zu stellen, auch wenn die gegenwärtigen Anfragen daran wohlwollend in einer Sprache formuliert und mit Gründen versehen sind, die man auch in Rom verstehen müsste. Denn würde man dann nicht zugeben müssen, dass man sich in all den Jahren geirrt hat? Der Vorschlag von Kardinal Kasper, nicht die Lehre in Frage zu stellen, sondern die Auswege in der Barmherzigkeit der Seelsorge zu suchen, kann vielleicht helfen, auch wenn er theologisch gesehen die spannenden Fragen ausspart.

Markus Waggershauser - 15.10.2014

Person

Matthias Möhring-Hesse lehrt als Professor für Theologische Ethik/Sozialethik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, nachdem er Katholische Theologie, Philosophie und Soziologie in Frankfurt und im westfälischen Münster studiert und in Theologie promoviert hatte. Mit Frau und Kindern, also "gut katholisch", lebt der 53-Jährige in der Universitätsstadt am Neckar.