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"Erfahrungen von Sinn und Erfüllung ermöglichen"

Ehrenamtsentwicklung ist Kirchenentwicklung

Gabriele Denner

Kirche und Gesellschaft leben von vielen Freiwilligen. Mit welch hohem Einsatz sie sich einbringen, zeigte der erste Ehrenamtskongress der Diözese Rottenburg-Stuttgart am 8. November. Gabriele Denner, zuständig für die Ehrenamtsarbeit in der Diözese, erzählt, wie sie die Zukunft dieses Einsatzes sieht.

Kirchenvertreter und Politiker betonen immer wieder die Wichtigkeit des Ehrenamts. Andererseits fordert das Berufsleben von Männern und Frauen immer mehr Zeit. Wirkt sich dies auf das freiwillige Engagement aus?

Gabriele Denner: Von einem Rückgang des ehrenamtlichen Engagements kann nicht die Rede sein. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat 2013 eine Studie durchgeführt und über 800 Personen zu ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten befragt. Demnach sind Menschen heute nach wie vor gerne bereit, solche Aufgaben zu übernehmen. Auch alle anderen mir bekannten Studien bestätigen, dass die Bereitschaft sich ehrenamtlich zu engagieren ungebrochen hoch ist.

Dennoch gibt es in Kirchengemeinden Klagen, dass immer weniger Freiwillige immer mehr zu tun haben.

Denner: Das Ehrenamt wandelt sich zurzeit grundlegend. Oftmals wird das als Bedrohung wahrgenommen. Jahrzehntelang bedeutete Ehrenamt, dass Menschen für bestimmte Aufgaben langfristig und verlässlich die Verantwortung übernehmen, auch weil sie sich einer Institution verpflichtet fühlen. Dazu sind immer weniger bereit. Inzwischen wird auch versucht, den Mangel an Priestern und anderen pastoralen Berufen durch Ehrenamtliche aufzufangen. Damit läuft das Ehrenamt aber Gefahr Lückenbüßer zu werden. Ehrenamtliche wollen aber nicht Ersatzhilfskräfte sein, sondern als gleichwertig anerkannt werden.

Freiwilliges Engagement in Kirche und Gesellschaft verändert sich also?

Denner: Ja, heute geht es weniger um die Ehre, dafür mehr um die eigene Leidenschaft, weniger um das Amt, als um eine individuell dosierbare Selbstverpflichtung. Das Engagement folgt nicht mehr allein den vorgefundenen institutionellen Erwartungen. Eigene Vorstellungen von dem, was dem Leben Sinn gibt, spielen ebenfalls eine große Rolle. Wer sich freiwillig einbringt, möchte mitgestalten, mitbestimmen und mitentscheiden. Gleichzeitig geht der Trend weg vom Dauer-Engagement. Bevorzugt werden kürzere und unverbindlichere Tätigkeiten, die aber trotzdem als sinnvoll und anspruchsvoll erlebt werden. Und natürlich soll das Ehrenamt Spaß machen.

Was bedeutet das für das Miteinander von Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen in den Kirchengemeinden?

Denner: Gelingendes Ehrenamt braucht gute Rahmenbedingungen. Dazu gehören Wertschätzung, Unterstützung, Qualifizierung und Begleitung. In Kirchengemeinden sollte es nicht nur darum gehen, Ehrenamtliche in vorgefertigte Aufgabenfelder zu drängen und somit zu instrumentalisieren, sondern ihnen die Erfahrungen von Sinn und Erfüllung zu ermöglichen. Nicht die zu erfüllende Aufgabe sollte im Zentrum stehen, sondern der Mensch mit seinem je eigenen Charisma. Um es mit dem zweiten Vatikanischen Konzil zu sagen: Der Grund für das Ehrenamt liegt ja in der Würde, die Christen durch die Taufe erhalten, am Aufbau des Leibes Christi mitzuwirken. Wenn die vorherrschende Frage lautet, ob etwas erlaubt ist, wird man den Aussagen des Konzils nicht gerecht. Dann gerät aus dem Blick, was ein gelingendes Leben im christlichen Sinne ermöglicht.

Dann ändert sich mit dem neuen Ehrenamt auch die Kirche?

Denner: Ehrenamtsentwicklung ist Kirchenentwicklung. Freiwillige Tätigkeiten zu fördern heißt dann nicht mehr, andere Menschen zu überreden, das zu tun, was man sich vorher selbst ausgedacht hat. Am Reich Gottes mitzubauen heißt für Ehrenamtliche, Kirche eigenverantwortlich im Dialog mit den Hauptamtlichen zu gestalten. Und das Engagement von Christen endet ja nicht an der Kirchentüre. Wenn jemand motiviert vom Glauben an anderer Stelle ehrenamtlich unsere Gesellschaft mitgestaltet, gehört das ebenfalls mit dazu. Und wer sich als Christ in nichtkirchlichen Initiativen engagiert, bringt andererseits wichtige Anregungen von außen in die Kirche ein. Dann sind wir wirklich „Kirche in der Welt“.

Jochen Wiedemann, 07.11.2014

Person

Gabriele Denner ist Referentin für Ehrenamt in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Zu ihren Aufgaben im Bischöflichen Ordinariat gehört die Weiterentwicklung der Ehrenamtsarbeit und der Ehrenamtskultur in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.