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Erwachsenenbildung

Die Menschen einbeziehen, um die es geht

Wegbereiter für Inklusion in der Erwachsenenbildung

Lothar Plachetka

„Leben ist unser Thema“ – unter dem Motto der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) bringt Lothar Plachetka im Bodenseekreis ganz unterschiedliche Menschen zur Erweiterung ihres Horizonts zusammen. Im Interview erläutert er seinen Ansatz in Bezug auf Menschen mit und ohne Behinderung.

Herr Plachetka, kirchliche Erwachsenenbildung hat sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten verändert. Wo liegen heute Ihre Schwerpunkte?

Lothar Plachetka: Wir, die keb, wollen die Menschen nicht nur zu uns einladen, sondern sie bereits an der Schwelle zur Kirchentür abholen – oder davor. Wir gehen dahin, wo die Menschen sind, und suchen den Austausch auf Augenhöhe. Menschen aller Konfessionen und Weltanschauungen können bei uns unabhängig von Herkunft oder Bildungsstand ins Gespräch kommen, wir bieten Orientierung, Lebenshilfe und Fortbildung. Unser Anspruch ist es, Menschen zu unterstützen, die sich lebenslang bilden wollen – und dabei beraten wir sie auch. Die Basis dafür bleibt das Evangelium. Unser Schwerpunkt im Bodenseekreis ist die „Inklusive Erwachsenenbildung“.

Was bedeutet „Inklusive Erwachsenenbildung“?

Plachetka: Menschen mit und ohne Behinderung kommen zusammen, denn sie haben gleiche Themen und Fragestellungen. Sie lernen gemeinsam, sie arbeiten zusammen und unterstützen sich, sie tauschen sich miteinander aus. Dabei werden ganz unterschiedliche Lern-„Kanäle“ bedient und das Lernen ist in unterschiedlichem Tempo möglich. Dies ist lebbar und leistbar. Die Menschen sehen, dass alle davon profitieren. „Inklusive Erwachsenenbildung“ ist ein anspruchsvolles Unternehmen, aber sie überwindet Barrieren, wie ich bei vielen Veranstaltungen erfahren durfte.

Wie kamen Sie darauf, aus diesem Thema ein Modell-Projekt zu machen, und wie hat sich dieses entwickelt?

Plachetka: Ausgangspunkt war die Frage: Sind die Welten der Menschen ohne Behinderung und die der Menschen mit Behinderung im Erwachsenenalter jeweils für sich so exklusiv, dass sie nichts Gemeinsames haben? Die Literatur gab mir so gut wie keine Antwort. Ich konzentrierte mich dann auf Menschen mit Lernschwierigkeiten, um Barrieren des Verstehens zu überwinden, etwa mit „Leichter Sprache“. Dieses Konzept von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten vermittelt auch Menschen mit Leseschwierigkeiten, älteren Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund einen besseren Zugang zu Informationen. Mitdenker und finanzielle Unterstützer fand ich in der Diözese, im Landratsamt, in der Behindertenhilfe und im Kultusministerium. Am Anfang stand Information zum Thema „Inklusion“. Die Angebote konnten mit Begleitung der Projektpartner nach einer genauen Bedarfserhebung entwickelt und stetig ausgebaut werden. Referentenschulungen, Aktionswochen und Fachtage kamen hinzu. Mittlerweile sind es um die 30 verschiedene inklusive Angebote pro Semester.

Welche Erfahrungen aus Ihrem Projekt können Sie an andere weitergeben?

Plachetka: Es ist enorm wichtig die Menschen zu befragen, um die es geht – in diesem Falle Menschen mit Lernschwierigkeiten. Sie müssen immer wieder in den Prozess einbezogen werden, welche Bildung sie für ihr Leben haben wollen. Aus der Befragung, die Rahmenbedingungen für die Bildungsangebote ebenso mit in den Blick nimmt, lassen sich entsprechende Angebote profilieren. Und dann die Angebote wagen: Interessentinnen und Interessenten melden sich an, kommen, geben ein Feedback. Vielfach betritt man als Anbieter und Referent unbekanntes Gebiet, probiert, evaluiert, profiliert neu, erweitert das Angebot. Man erkennt neue Hindernisse und überwindet sie kreativ.

Könnte das Inklusionsprojekt auch ein Modell zur Integration von Flüchtlingen sein? Wie sind Ihre Visionen für die Zukunft der Erwachsenenbildung?

Plachetka: Die Grundhaltung ist dieselbe: Menschen willkommen zu heißen. Und das meint, die Menschen nicht nur zu integrieren, sondern sie aktiv einzubeziehen. Das ist die Vision, an der ich mitarbeite: Inklusion als den ersten Schritt zu sehen und nicht erst als einen Schritt nach der Integration. Wir halten unser System der Erwachsenenbildung flexibel, passen es an die Menschen an, die da sind und kommen. Wir bewegen uns auf sie zu und stellen uns dem Abenteuer, für das es keine fertigen und allgemeingültigen Lösungen gibt. Meine Vision ist ein menschliches Miteinander - nicht nur, aber auch in der Bildung - von allen. So, wie die Menschen sind.

Markus Waggershauser - 01.03.2016

Person

Lothar Plachetka arbeitet seit 2010 als Pädagogischer Leiter und Geschäftsführer der Katholischen Erwachsenenbildung Bodenseekreis e.V. (keb FN). Der 54-jährige Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch ist verheiratet und hat vier Kinder. Über seinen Beruf hinaus engagiert er sich als Elternbeirat, Vorleser sowie Übersetzer für „Leichte Sprache“.