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"Flüchtlingsarbeit ist gegenseitige Bereicherung"

Neues bürgerschaftliches Engagement für Menschen in Not

Dr. Thomas Broch (links)

Bischof Fürst hat letzten Herbst angekündigt, im Kloster Weingarten Flüchtlinge aufzunehmen. Nun konnte er die ersten Ankömmlinge aus Afrika begrüßen. Die Koordination lag in den Händen von Thomas Broch. Der bischöfliche Flüchtlingsbeauftragte erzählt darüber im Interview.

Herr Broch, der Bischof hat Sie beauftragt, sich um Unterkunft und Betreuung von Flüchtlingen zu kümmern. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Thomas Broch: Ich habe mich sehr gefreut, dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart die Sorge für Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen, aber in jedem Fall aus großer Not hier als Flüchtlinge Zuflucht suchen, zu einem pastoralen und karitativen Schwerpunkt erklärt hat. Es ist für mich eine Ehre, ein Vertrauensbeweis und wegen meiner langjährigen persönlichen Caritasgeschichte auch eine persönliche Verpflichtung.

Vermutlich genügt es nicht, bei der Behörde anzurufen und ein leerstehendes Gebäude zu melden. Welche Aufgaben fordern Sie besonders heraus?

Broch: Die kommunalen Behörden sind für leerstehende Gebäude sehr dankbar, weil der Druck für sie immer größer wird. Es könnte noch viel mehr sein. Hier erlebe ich durchgehend eine große Offenheit und Bereitschaft zur Kooperation. Die spezifischen Aufgabenstellungen gerade für uns als Kirche sind zum einen für die Flüchtlinge eine Aufnahmesituation zu schaffen, die wirklich die Bezeichnung Gastfreundschaft verdient, zum andern die einheimische Bevölkerung „mitzunehmen“. Es gilt deutlich zu machen, dass das Schicksal der Flüchtlinge uns alle angeht und dass die Begegnung uns letztlich bereichern kann.

Seit der Begrüßung der ersten Flüchtlinge aus Afrika im Kloster Weingarten sind ein paar Wochen vergangen. Wie hat sich das Leben im Haus und das Miteinander vor Ort eingespielt?

Broch: Die Männer aus mehreren afrikanischen Ländern – alles Christen – sind dankbar, in einem kirchlichen Umfeld aufgenommen worden zu sein. Die persönliche Begrüßung durch den Bischof hat sie überrascht, ungeheuer gefreut und beeindruckt. Im persönlichen Gespräch haben sie mir mehrfach gesagt, wie sie sich so als Menschen angenommen und als Christen empfangen fühlen. Besonders schön ist es, dass die Caritas die Sozialarbeit im Wohnheim übernehmen konnte und dass im Klostergebäude drei Reutener Franziskanerinnen eingezogen sind, die für die neuen Mitbewohner zu wirklichen Vertrauenspersonen geworden sind. In Weingarten - das muss auch besonders unterstrichen werden - haben sich sehr viele Menschen bereit erklärt, in unterschiedlichen Bereichen die Flüchtlinge ehrenamtlich zu unterstützen. Ein wirklich offenes, freundschaftliches Klima – vom Oberbürgermeister angefangen bis hin zu einer breiten bürgerschaftlichen Solidarität.

Gibt es neben Weingarten weitere Initiativen der Diözese oder anderer kirchlicher Träger, Flüchtlinge aufzunehmen?

Broch: Insgesamt hat die Ankündigung des Bischofs, in Weingarten Flüchtlinge aufzunehmen, wie ein Treibsatz in die Diözese hinein gewirkt. In vielen Kirchengemeinden und Dekanaten bilden sich neue Freundes- und Helferkreise oder wurden bestehende ermutigt. Vielerorts werden leerstehende Immobilien angeboten oder zumindest daraufhin geprüft. Die Caritas stellt sich systematisch auf, dies in den jeweiligen Regionen zu begleiten und zu unterstützen. An Großprojekten ist neben Weingarten derzeit vor allem die Stiftung „Heimat geben – Oggelsbeuren“ zu nennen, wo in diesen Tagen 75 Flüchtlinge aus Syrien, darunter zahlreiche Familien mit Kindern, Aufnahme finden. Auch das ist eine Initiative mit starker bürgerschaftlicher Beteiligung. Außerdem wird in Kirchheim am Ries ebenfalls ein leerstehendes Kloster für die Aufnahme vorbereitet.

Welches Ziel haben Sie sich persönlich für dieses Jahr in Ihrer Aufgabe gesetzt?

Broch: Ich möchte die genannten Projekte – und sicher kommen auch noch weitere dazu – in Kooperation mit den kommunalen und kirchlichen Partnern auf einen guten Weg bringen beziehungsweise bei der Weiterentwicklung begleiten. Ich möchte das mir Mögliche dazu beitragen, dass die vielen lokalen ehrenamtlichen Initiativen in der Diözese nachhaltig unterstützt werden und der Caritasverband dafür die erforderliche personelle und strukturelle Ausstattung erhält. Und ich möchte mit den jeweiligen Partnern vor Ort darauf hinwirken, dass die Flüchtlingsarbeit keine Angelegenheit von Spezialisten wird oder bleibt, sondern auf breiter Basis als gemeinsame kirchliche und zivilgesellschaftliche Aufgabe angenommen wird. Nicht nur einseitiges Geben und Empfangen, sondern gegenseitige Bereicherung, weil alle Menschen oft Erstaunliches beitragen können.

Markus Waggershauser - 16.05.2014

Person

Thomas Broch war bis 2012 Pressesprecher von Bischof Dr. Gebhard Fürst. Dieser ernannte ihn 2013 zum bischöflichen Beauftragten für Flüchtlingsfragen der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Vor seinen Aufgaben in Rottenburg leitete der verheiratete und promovierte Theologe 19 Jahre die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Caritasverbandes. Obwohl mit seinen 67 Jahren bereits im Ruhestand, engagiert er sich weiterhin für die Publikationen der Weltkirchlichen Arbeit der Diözese und als Stiftungsratsvorsitzender der Andreas-Felger-Kulturstiftung.