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Flüchtlingshilfe

Am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können

Freundeskreise unterstützen Flüchtlinge

Doris Trabelsi

Als Stuttgarter Caritas-Mitarbeiterin steht Doris Trabelsi in engem Kontakt mit den Flüchtlingen, die in die Stadt kommen, wie auch zu den unterschiedlichen ehrenamtlichen Unterstützergruppen. Im Interview erzählt sie, wie Integration gelingen kann.

Frau Trabelsi, Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen begleiten Flüchtlinge, die in Stuttgart ankommen. Was sind das für Menschen und was benötigen sie am meisten?

Doris Trabelsi: Es sind sehr unterschiedliche Menschen, die zu uns kommen und mit den unterschiedlichsten Erwartungen. Zunächst benötigen sie Schutz und Unterstützung. Die ersten Schritte sind die Begleitung bei Behördengängen, Kinder in Kitas und Schule unterzubringen, Ärzte zu vermitteln und Hilfe im Asylverfahren. Wir versuchen die Zeit von der Antragsstellung bis zur Anerkennung oder Ablehnung sinnvoll zu füllen mit Sprachkursen, gemeinnütziger Arbeit und Freizeitangeboten.

Ohne ehrenamtliches Mittun ist Ihre Aufgabe vermutlich nicht zu meistern. Welche Betätigungsfelder gibt es und wie motivieren und qualifizieren Sie Freiwillige für ihr Engagement?

Trabelsi: Im Moment ist das freiwillige Engagement im Bereich der Flüchtlingshilfe sehr groß. Es haben sich Freundeskreise mit bis zu 100 Mitgliedern gegründet. Neben sogenannten Willkommensgruppen kümmern sie sich um Sachspenden, stellen Kontakte her und begleiten die Menschen. Es gibt auch Freizeitgruppen, Hausaufgabenhilfe, Sprachunterstützung und Kindergruppen. Man kann sich nach Lust und Neigung beteiligen. Die Caritas bietet verschiedene Module für Ehrenamtliche wie Grundlagen im Asylrecht, Themenschwerpunkte zu Traumatisierung und Rassismus und "Wie unterstütze ich Kinder bei der Hausaufgabenhilfe?" zur Schulung an.

Gibt es ein Beispiel, an dem sich ablesen lässt, wie eine langfristige Integration von Menschen mit Migrationshintergrund besonders gut gelingt?

Trabelsi: Wir haben in unserem Team einen Mitarbeiter, der selbst als Flüchtling aus dem Iran zu uns kam und jetzt in der sozialen Beratung für Flüchtlinge tätig ist. Dass er dies erreicht hat, wurde ihm allerdings sehr schwer gemacht und hat von ihm sehr viel Durchhaltevermögen verlangt. Es dauerte Jahre, bis er eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat, und erst danach konnte er intensiv Sprachkurse besuchen, seinen Studienabschluss anerkennen lassen und hatte einen uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Im Moment verändern sich die Bedingungen positiv hinsichtlich des Arbeitsverbots. Ein Flüchtling darf nach drei Monaten bereits arbeiten, wobei EU-Bürger Vorrang haben. Eine langfristige Integration ist dann erfolgreich, wenn wir die Menschen nicht nur willkommen heißen, sondern sie gleichwertig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen lassen.

Wie nehmen Sie die derzeitige Stimmung in der Gesellschaft wahr und wie kommt das bei den Flüchtlingen an?

Trabelsi: Ich denke, dass wir in Stuttgart eine sehr gute Stimmung haben. Das zeigt auch das ehrenamtliche Engagement und dass es in den vielen  Jahren, die ich in der Flüchtlingsarbeit tätig bin, zu keinen rassistischen Anschlägen oder Vorkommnissen kam. Allerdings gibt es auch vereinzelte ablehnende und diskriminierende Stimmen in den Stadtteilen, in denen bekannt wird, dass Flüchtlinge untergebracht werden. Die Flüchtlinge nehmen die hohe Spendenbereitschaft und Freiwilligenarbeit sehr positiv und dankbar an. Wir haben vereinzelt in Unterkünften Zimmerpaten, die sich ganz intensiv um eine Begleitung der Familien oder Einzelpersonen kümmern.

Welche Rolle spielen dabei die Kirchen und ihre Hilfswerke? Sähe das aus Ihrer Sicht ohne starkes christliches Engagement anders aus?

Trabelsi: Wir haben sicherlich den Vorteil als katholischer Verband, dass wir über die städtische Finanzierung der Flüchtlingshilfe hinaus Möglichkeiten haben, um eine noch intensivere soziale Arbeit vor Ort zu leisten. Als Beispiel möchte ich unser neuestes Projekt OMID, frühe Hilfen für traumatisierte Flüchtlinge, nennen, das allein aus dem Flüchtlingsfonds des bischöflichen Ordinariats und dem Caritasverband für Stuttgart finanziert wird. Der Verband ist seit 30 Jahren in der Flüchtlingshilfe tätig und hat auch in Zeiten, in denen wenige Flüchtlinge kamen, seinen Dienst aufrecht erhalten, weil wir das als grundlegende  Arbeit eines christlichen Verbandes verstehen. Den Begriff Nächstenliebe möchte ich nicht nur für christliches Engagement verwenden, da in den Freundeskreisen sich Menschen mit unterschiedlicher Kultur und Religion engagieren und auch ihr Antrieb ist die Nächstenliebe zu den Menschen, die unsere Unterstützung benötigen.

Markus Waggershauser - 17.03.2015

Person

Doris Trabelsi ist 56 Jahre alt und leitet als Diplompädagogin den Fachdienst Migration und Flüchtlinge im Caritasverband für Stuttgart e.V..