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Prozessionsfest mit Raum für Ökumene

Wenn der evangelische Posaunenchor das katholische Fest begleitet

Posaunenchor an Fronleichnam in Tübingen (Foto: Markus Neff)

Seit Martin Riehle denken kann, gestaltet der evangelische Posaunenchor den katholischen Fronleichnamsgottesdienst der Tübinger Innenstadtgemeinden auf dem Marktplatz musikalisch. Der Dirigent - gerade in Elternzeit - gibt Einblick in seine Sicht des Feiertags.

Herr Riehle, wie haben Sie Ihren ersten Fronleichnamsgottesdienst auf dem Tübinger Marktplatz erlebt?

Martin Riehle: Den ersten Fronleichnamsgottesdienst auf dem Marktplatz habe ich als Kind erlebt. Da war der ganze Marktplatz voller Menschen und es roch nach Weihrauch. Das war eine ganz festliche Atmosphäre.

Was kommt denn bei Ihnen als Protestant an, warum die Katholiken dieses Fest feiern?

Riehle: Fronleichnam kenne ich als Hochfest des Leibes Christi in einer Eucharistiefeier. Und in Tübingen erlebe ich Fronleichnam immer als Feier der christlichen Gemeinschaft für ein friedliches und gutes Miteinander, in der Jesus mitten unter uns ist.

Gibt es Eigenheiten in der katholischen Liturgie, die für einen evangelischen Posaunenchor eher ungewohnt sind?

Riehle: Für uns sind viele liturgischen Bestandteile der katholischen Messe ungewohnt. Spannend ist das vor allem, weil viele Teile sofort ohne Ansage gespielt werden müssen und dann 25 Bläser ohne Verzögerung startklar sein müssen. Das Gloria nach der Vergebungsbitte, die Kyrierufe oder die Zwischengesänge bei den Lesungen sind Beispiele dafür.

Auf dem Platz beten Katholiken aller Tübinger Stadtkirchengemeinden und in den Häusern rundherum stehen die Menschen gerade auf und genießen den freien Tag mit einem Frühstück. Passt für Sie ein solcher Gottesdienst mitten in die Stadt?

Riehle: Gottesdienst außerhalb der Kirche hat in Tübingen ja eine große Tradition, ob an Palmsonntag auf dem Sternplatz,an Himmelfahrt im Botanischen Garten oder beim Inselgottesdienst auf der Neckarinsel. Da finden seit vielen Jahren ökumenische Gottesdienste statt. Draußen ist man der Schöpfung Gottes besonders nah. Das ist schön für mich. Und die Kirche kommt zu den Menschen und lädt zum Mitfeiern ein. Dafür ist der Marktplatz mitten in der Stadt genau der richtige Ort.

Fronleichnam und Ökumene bringen viele auf den ersten Blick nicht zusammen. Sehen Sie eine Verbindung?

Riehle: Fronleichnam ist auch für mich kein ökumenisches Fest. Es ist aber ein Fest mit Raum für Ökumene. Das spürt man auf dem Tübinger Marktplatz besonders und dazu gehört auch das selbstverständliche Mitwirken durch den evangelischen Posaunenchor.

Interview: Markus Waggershauser - 29.05.2013

Person

Martin Riehle ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Vor etwa 35 Jahren erlernte er selbst das Trompetenspiel im Tübinger Posaunenchor, den er seit 1999 dirigiert. Der Leiter des Bereichs Berufsschule in der kaufmännischen Wilhelm-Schickard-Schule in Tübingen beherrscht auch den Kontrabass und wirkt seit langem in Sinfonieorchestern und Kammermusikensembles der Region mit.