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Geistliche Begleitung I

Grenzgängerin mit Liebe zur Kirche

Geistliche Begleitung feiert Jubiläum

Verena Nerz

Von Grenzerfahrungen geprägt – auch in der Kirche. Das Leben von Verena Nerz gewann dadurch Weite. Getragen von einem tiefen Glauben begleitet sie Menschen, die auf der Suche nach ihrem Weg im Glauben sind. Sie erzählt von ihrer Motivation und ihren Visionen.

Wer Probleme mit der Stimme hat, Frau Nerz, kommt zu Ihnen als Logopädin. Welche Menschen suchen Sie als Geistliche Begleiterin auf?

Verena Nerz: Es sind ganz normale Christen, die sich auf die Suche nach einem persönlich gelebten Glauben machen, aber auch kirchliche Mitarbeiter. Manche kommen im Kontext ihrer Ausbildung, andere wollen etwas für ihre geistliche Entwicklung tun, damit ihr Beruf nicht zu einem Job entartet.

Gibt es einen Unterschied zwischen Supervision, Coaching und Geistlicher Begleitung?

Nerz: Die Themen sind eigentlich die gleichen. Der Unterschied liegt in der Blickrichtung und in der Methodik. Beim Geistlichen Blick auf eine Situation geht es weniger um Hilfe, mehr um Wegbegleitung. Da frage ich: Wo berührt das Thema, das Sie schildern, Ihr Gottesbild oder Ihre Glaubensüberzeugungen? Gibt es Bilder aus Ihrer Glaubenspraxis, die Sie dabei weiterbringen? – Für mich sind die Mystikerinnen und Mystiker der vergangenen Jahrhunderte wichtige Helfer, außerdem die Musik, als eine der Sprachen Gottes.

Gibt es Erfahrungen in Ihrem eigenen Leben, die Sie für Geistliche Begleitung sensibel gemacht haben?

Nerz: Ich war als Kind schon sehr gläubig und mein ursprünglicher Berufswunsch war Therapeutin. Mit 17 Jahren habe ich geheiratet und war mit 21 wieder geschieden. Ich habe dann als junge Frau mit zwei kleinen Kindern einen Weg gesucht, wie ich schnell einen Beruf finde, der uns drei ernährt. Weil ich sprachbegabt bin und ein Studium nicht drin war, wurde ich Logopädin. Geistliche Begleitung habe ich in einer Gruppe erfahren durch Sießener Schwestern. Ich war ja als Geschiedene Außenseiterin innerhalb der Kirche und habe da so viel schwesterliche Verbundenheit erlebt.

Kommen zu Ihnen dann verstärkt Menschen, die sich auch als Außenseiter fühlen?

Nerz: Dass ich mich selbst an Grenzen bewegt habe, spricht andere Grenzgänger an. Ich bin aber zugleich sehr verbunden mit meiner Kirche. Ich habe eine Liebe zu dem, was geistig Kirche ist, unabhängig davon, durch wen und wie Kirche gerade realisiert wird. Menschen, die sich selber in dieser Spagat-Haltung befinden – verbunden da und dort und einen Weg suchend – fühlen sich wohl angesprochen durch meine Person.

Gab es Schlüsselerlebnisse für Sie als Geistliche Begleiterin?

Nerz: Ich erinnere mich an eine Frau mit großen verborgenen Begabungen. Aus ihrer Lebenskonstellation heraus hatte sie den Eindruck: Ich bin völlig unwichtig. In der Begleitung hat sie erkannt, dass sie das als Kind Gottes gar nicht nötig hat. Sie hat es geschafft sich an große Projekte zu wagen und sie hat es ganz brillant gemacht. Sie hat so viel positive Rückmeldung bekommen und konnte diese auch annehmen. Eine andere Frau kam mit der Frage, ob sie als Katholikin in ihrer Kirche heiraten kann und will. Sie hatte viele Verletzungen durch enggeführte Kirchlichkeit erlebt. Der Respekt in der Begleitung vor ihrem persönlichen Weg hat sie Kirche neu erleben lassen und ihr Bild von der römisch-katholischen Kirche ein Stück weit heilen lassen. Sie hat schließlich in der altkatholischen Kirche geheiratet. In der Begleitung hatte sie erkannt, dass sie ihren Glauben nicht als Einzelgängerin, sondern in Gemeinschaft – wenn auch in einem neuen institutionellen Rahmen – leben möchte.

Haben Sie auch aus der Perspektive dieser Menschen Anregungen für die Institution Kirche?

Nerz: Persönliche, selbstverantwortete Glaubensentwicklung ist in unserer Zeit wichtig. Die Kirche braucht vor der individuellen Vielfalt keine Angst zu haben. Unsere zentralen christlichen Aussagen sind so kostbar und attraktiv. Sich im Glauben auf den Weg zu machen kann auch auf Umwegen nirgends anders hinführen als zu Gott. Je mehr Christen authentisch und ansteckend gläubig sind, desto einladender sind sie für Menschen "außerhalb" der Kirche.

Interview: Markus Waggershauser - 09.10.2012

Person

Verena Nerz ist 56 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Die Transaktionsanalytikerin führt in Reutlingen eine Praxis für Logopädie, Beratung und Supervision. In Konstanz aufgewachsen lebt das Mitglied des Europäischen Verbandes für Supervision und Coaching EASC seit 1999 am Fuß der Schwäbischen Alb. Für Geistliche Begleitung qualifiziert sie eine zweijährige Ausbildung in Freiburg.