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Jugendspirituelle Zentren

Jugendliche bekommen Lust auf Kirche

Aufbruch in jugendspirituellen Zentren

Stadtjugendseelsorger Wolfgang Müller inmitten von kreativen Jugendlichen

Die Lebenswelt junger Leute und traditionelle Angebote der Kirche haben scheinbar nur eine geringe Schnittmenge. Jugendkirchen suchen Wege, um den jungen Mitgliedern in der Kirche Raum für ihre Spiritualität zu geben. Stadtjugendseelsorger Wolfgang Müller rief ein Projekt in Ludwigsburg ins Leben.

Herr Müller, die Jugendkirche Ludwigsburg machte mit einem „Gebetskonzert“ auf sich aufmerksam. Was verbirgt sich dahinter?

Wolfgang Müller: „Gebetskonzert“ ist eine Gottesdienstform, mit der wir auf der Ebene moderner Musik die Botschaft des Evangeliums übersetzen. Ich gebe zu: die Töne sind ungewohnt in Kirchenräumen – rockig, rau, auch laut, aber eben auch unmittelbar. Die Gründung einer Band mit Jugendlichen war einer der ersten Schritte zum Aufbau der Jugendkirche Ludwigsburg. „DESERT EDEN“ – so heißt die Band – verkörpert schon jetzt diese neue Form von Kirchesein.

Trifft diese Form des Gottesdienstes das spirituelle Bedürfnis Jugendlicher?

Müller: In der ersten Viertelstunde sind die Jugendlichen eher geschockt: ihr aus der Kindheit übernommenes Gefühl von Kirche passt überhaupt nicht mehr. Nach der zweiten Viertelstunde sind sie in der Regel mit im Boot. Dann fällt der Samen sozusagen auf fruchtbaren Boden. Aber der Weg ist weit: wer den Kontakt zu Kirche und Gemeinde verloren hat – und das sind die meisten, lässt sich nicht durch eine einmalige Aktion gewinnen.

„Jugendspirituelle Zentren“, dieser Wunsch gehörte zu den drängendsten beim diözesanen [jugendforum]³ im letzten Jahr. Gehen andere Städte und Dekanate denselben Weg wie Ludwigsburg?

Müller: Die Forderung des Jugendforums ist ja, dass in jeder Region, ja sogar in jedem Dekanat ein Zentrum entsteht. Die Wege und Möglichkeiten hier sind vielfältig. Derzeit entsteht in Göppingen ein vergleichbares Projekt und die Bereitschaft ist auch woanders sehr hoch. Aber Jugendkirche fällt nicht vom Himmel. Es braucht dazu Weitblick, Mut und nicht zuletzt auch den inneren Willen, auf diese Karte zu setzen.

Konzentrieren sich die Jugendkirchen auf Gottesdienste oder gibt es weitere Aktionen?

Müller: Für mich ist Gottesdienst ein weiter Begriff. Überall, wo wir die Spuren Gottes in unserer Welt und in unserem Leben entdecken, erweise ich mir einen wahren Dienst. Die erste Großaktion ist zusammen mit Jugendlichen aus dem Ludwigsburger Osten entstanden. Mit einem Stuttgarter Graffiti-Künstler sprayten wir ein Wochenende lang die Betonwände vor den Jugendräumen. Das ist ein – zugegeben ungewöhnlicher –Weg zu entdecken, welche Begabungen Gott in einen gelegt hat.

Sie sind Initiator der Ludwigsburger Jugendkirche. Wie gingen Sie dieses Projekt an? Wie finden Sie Kontakt zu den jungen Menschen?

Müller: „Kommt und seht!“ sagt unser Gründer. An dieser Methode hat sich nicht viel geändert. Im Moment heißt das Motto „Jugendkirche ist DA!“. Da sein, wo Jugendliche sind, also auf dem Schulhof, an der Dönerbude, im Einkaufscenter. Dazu kooperiere ich eng mit der Kommune und den ökumenischen Partnern. Und natürlich sind die engagierten Jugendlichen in den Kirchengemeinden der Resonanzboden für das, was in Jugendkirche geschieht.

Als Pastoralreferent waren Sie bisher in der Gemeindeseelsorge. Was hat Sie an der Aufgabe des Stadtjugendseelsorgers gereizt?

Müller: Ich habe mich in der Gemeinde schon immer stark mit sozialer Jugendarbeit beschäftigt und dazu ein spirituelles Zentrum für Erwachsene geleitet. Jetzt kann ich beides verbinden und meine Erfahrung einbringen, dass es geht. Jugendliche sind schon spirituell, offen und bereit, wenn wir sie ernst genug nehmen, ihnen diese Tiefendimension zu erschließen. Jugendkirche kann so etwas werden wie ein Fitnesscenter für die Seele.

Was erhoffen Sie sich vom Dialogprozess in der Kirche, den ja auch das Katholikentagsmotto „Einen neuen Aufbruch wagen“ aufgreift?

Müller: Der sogenannte Dialogprozess erreicht die Jugendlichen nicht. Das Motto des Katholikentags wird in Ludwigsburg aber bereits konkret. In der Jugendkirche wird Aufbruch gelebt und erlebt. Und wenn es gut läuft, dann darf die Geschichte weitergehen. Ob wir ins „Gelobte Land“ kommen, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Vierzig Jahre Wüste sind erfahrungsgemäß schon drin, wenn man aufbricht. Aber auch in dieser Zeit ist einer ja trotzdem immer DA.

Interview: Markus Waggershauser - 14.05.2012

Person

Wolfgang Müller ist 46 Jahre alt und stammt aus einem kleinen oberschwäbischen Dorf im Kreis Sigmaringen. In Freiburg und Irland studierte er Theologie, bevor er 1991 in die Diözese Rottenburg-Stuttgart wechselte. Nach 16 Jahren Gemeindedienst in Kirchheim unter Teck arbeitet der Pastoralreferent nun seit Februar 2011 als Stadtjugendseelsorger in Ludwigsburg. Der Leadsänger der Band BLACK SHEEP ist auch privat missionarisch tätig in Sachen „Schwäbisches Kabarett“.