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Literatur und Theologie

"Lesen Sie, was Sie in die Finger bekommen und Ihnen gut tut"

Glauben mit und durch Literatur

Dr. Michael Krämer

Das Christentum ist eine Buchreligion, tat und tut sich aber mit Literatur außerhalb von Religion und Bibel oft schwer. Was ist richtig, was ist wahr? Was lohnt es sich zu lesen? Michael Krämer beleuchtet die Verbindung von Literatur und Theologie im Interview.

Herr Dr. Krämer, Sie beschäftigen sich auch als Theologe mit Gegenwartsliteratur. Finden sich dort Bezüge zur Bibel?

Michael Krämer: Die Bibel ist eine ganze Literaturbibliothek. Und Dichterinnen und Dichter, Schriftstellerinnen und Schriftsteller leben im großen Garten der geschriebenen Sätze. Insofern ist es kein Wunder, wenn die Bibel immer noch und auch in Zukunft Menschen, die schreiben, bewegt. In der Lyrik ist das am deutlichsten spürbar, weil diese Literaturgattung der Sprache und den sprachlichen Artikulationen am meisten auf den Grund geht. Dichter wie Celan, Kunze oder - um jemanden hier aus der Region zu nennen - Walle Sayer sind ohne Bezug zur Bibel oder auch zu liturgischen Kontexten kaum denkbar. Aber auch die erzählende Literatur lebt von religiösen, biblischen Anspielungen. Claudia Schreiber etwa mit einer faszinierenden Neu-Formulierung des aronitischen Segens. Gleichzeitig ist die Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum immer auch ein Kind der Aufklärung. Sie steht quasi zwischen Mythos und Logos. Im Narrativen kommen manchmal tiefere ethische Perspektiven zum Vorschein als in allen Predigten zusammen.

Bis vor 50 Jahren legte die Kirche fest, was Katholiken lesen dürfen und was nicht. Welchen Umgang mit Literatur empfehlen Sie modernen Christinnen und Christen?

Krämer: Ich finde es ausgesprochen schade, dass es keinen Index der verbotenen Bücher mehr gibt. Diese Liste wäre ein Muss für alle Christen. Wenn Gott sich als Logos outet, dann müssen Menschen lesen, denn es könnte sonst sein, dass sie etwas übersehen, was Gott ausmacht. Logos, das Wort, das mit Verstand gesprochen wird, dem kommen wir nur durch Lesen näher. Lesen Sie, was Sie in die Finger bekommen und Ihnen gut tut, den Rest lassen.

Wie beeinflusst das geschriebene Wort den Glauben der Menschen?

Krämer: In der Vielfalt der Aussagen, werden wir merken, dass am Ende über Gott wenig zu sagen ist. Alle menschlichen Aussagen über Gott sind ziemlich sinnlos. Ist Gott? Nein, er kann nicht sein, denn sonst wäre er Teil des geschaffenen Seins. Ist Gott nicht, das kann irgendwie auch nicht sein, denn sonst wäre es belanglos. Die Literatur arbeitet sich jedoch immer weiter ab an dem, was nicht zu sagen ist. Sie ist auf der Suche nach dem, was das Menschsein ausmacht. Und im Menschen, wo auch sonst nach christlichem Glauben begegnen wir Gott? Weil der Gottesname aber nach jüdischer Tradition nicht ersetzt werden kann durch andere Worte, macht deutlich, dass wir nach diesem Zeichen suchen und es finden können, eben auch in der Kunst, in der Literatur.

Wie kamen Sie selbst zur Theologie und zur Literaturwissenschaft und was brachte Sie dazu, beides zu verbinden?

Krämer: Im Noviziat bei den Jesuiten bin ich in der Bibliothek auf die Gegenwartsliteratur gestoßen. In der Schule wussten die Lehrer immer schon, was in der Literatur was bedeutet. Und das hat mich nie interessiert. Aber ich war sehr früh in meinen eigenen Bücherwelten aus der Stadtbücherei - manchmal unbekömmliche Kost. Mit 14 fand ich die Sprache Nietzsches genial und habe versucht genauso zu sprechen. Es hat mir kommunikativ nicht unbedingt weiter geholfen, auch nicht bei den angebeteten Damen. Nach dem Noviziat wollte ich Germanistik, Theologie und Philosophie studieren. Es kamen dann Sprach- und Religionswissenschaften dazu und schließlich die Indologie. Erschreckt und bewegt hat mich die Begegnung mit der Lyrik Paul Celans. Als Theologe habe ich dort Dinge entdeckt, die ein Germanist nicht finden kann. Und dann bin ich mit meinem germanistischen Wissen und Können in die Theologie und in die Exegese gegangen und habe dort Dinge entdeckt, die ein Theologe nie entdeckt hätte. Meine "Doktorväter" Franz Kamphaus und Johann Baptist Metz fanden diesen Ansatz spannend. So habe ich beides auch wissenschaftlich verbinden können und das dann später als Dozent fortsetzen können.

Hat die Beschäftigung mit Literatur Ihren eigenen Glauben im Laufe der Jahre verändert?

Krämer: Was heißt hier Glauben? Wenn es wie im allgemeinen Sprachgebrauch "Meinen" oder "für richtig Halten" meint, dann hat mich die Literatur um meinen Glauben gebracht. Richtig und falsch sind plötzlich keine Kategorien mehr, und wahr und falsch auch nicht. Und dabei geht es nicht darum, dass es nicht Wahres gäbe. Wie Liebe zum Beispiel. Und dass es nichts Richtiges gäbe, wie humanes Verhalten zum Beispiel. Aber Glauben ist ein Beziehungswort kein Aussagewort. Also dann doch: ja, die Beschäftigung mit Literatur hat mein Glauben sehr verändert, weil ich lernen musste, dass Glauben als Vertrauen auftritt, dass Glauben als Geschenk daherkommt. Für einen gegenwärtigen Menschen ist es fast unerträglich, nicht alles in der Hand zu haben. Aber in der Literatur habe ich entdeckt: Wir haben nichts in der Hand. Wir wissen nicht, was dieser Gott ist. Wir haben nicht mal unseren Jesus, weil der auch nicht zu haben ist. Der Geist ist so ungestüm, dass einem schlecht werden kann davon. Und da dann vertrauen? Glauben heißt etymologisch Geliebt werden wollen.

Markus Waggershauser - 30.06.2016

Person

Michael Krämer ist scheidender Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie stellvertretender Vorsitzender der Kirchlichen Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Baden-Württemberg. Der 65-Jährige stammt aus dem Ruhgebiet und studierte in Münster Theologie, Germanistik und Philosophie. Nach seiner Promotion über die Lyrik Celans lehrte er unter anderem als Dozent für praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Bielefeld. Neben dem kirchlichem Bereich engagiert sich der Autor auch in der Initiative Schreiben g.e.V. und im Verband Deutscher Schriftsteller.