header_profil_960x161.jpg

Liturgie braucht Inszenierung

Mit Scherben vor das Kreuz

Wolfram Rösch

Wer liturgische Feiern leitet, muss Rolle und Person zusammenbringen, um glaubwürdig zu sein. In einem Kurs für Pastoral- und Gemeindereferenten und -referentinnen experimentierte Wolfram Rösch aus Schwäbisch Hall mit passenden Elementen für den Karfreitag, worüber er im Interview erzählt.

Herr Rösch, Sie leiten als Pastoralreferent am Karfreitag einen Familiengottesdienst und die Nachmittagsliturgie. Was sollen die Gottesdienstbesucher aus diesen Feiern mitnehmen?

Wolfram Rösch: Der Karfreitag ist durch eine große Nüchternheit geprägt. Ich denke, dass das auch auf die Gottesdienstbesucher abfärbt. Ich möchte, dass die Gottesdienstbesucher sich mit der Frage nach dem Sinn des Leids beschäftigen. Das hat für mich eine politische und spirituelle Dimension: Wo erlebe ich Menschen, die ganz unten sind? Wo erfahre ich zerbrochene Lebensentwürfe und wo geschieht in der Welt Unrecht? Auflösen werde ich die Fragen noch nicht, denn das geschieht an Ostern.

Welche Akzente setzen Sie in diesem Sinne bei der Gestaltung?

Rösch: Im Familiengottesdienst geht es an verschiedenen Stationen um Zerbrochenes. Die Idee dazu entstand in der Vorbereitungsgruppe. Wir wollen verschiedene Aspekte des Lebens wie Gemeinschaft, Freundschaft oder Misslungenes in Blick nehmen und jeweils mit einer Bibelstelle beleuchten. Anschließend schreiben wir Fürbitten auf und legen sie mit Scherben, die für das Zerbrochene stehen, vor das Kreuz. Im Nachmittagsgottesdienst werde ich nach der Predigt zuerst das Kreuz enthüllen. Dann sprechen wir die Fürbitten vor dem Kreuz und anschließend können die Gottesdienstbesucher mit ihren Anliegen vor das Kreuz treten.

Sollte man einen Gottesdienst durchstylen und inszenieren? Reicht da nicht einfach der Ablauf in den liturgischen Büchern?

Rösch: Stylen und inszenieren hat schnell einen negativen Klang. Mir ist die Ästhetik wichtig und die Frage, warum wir etwas machen. Warum zünden wir die Kerze an, warum stehen oder knien wir? Nicht weil es in irgendwelchen schlauen Büchern steht, sondern weil wir in den Zeichen und Gesten unser Leben reflektieren und vor Gott bringen dürfen. In einer Lichterfeier kann ich Kerzen mit Streichholz oder Feuerzeug anzünden. Wenn ich aber das Licht von dem einen Licht der Osterkerze nehme und damit die anderen Kerzen anzünde, merken die Leute schnell, dass sich dadurch das eine Licht ausbreitet. Inszenieren bedeutet die Handlung bewusst in Szene zu setzen. Wie muss ich sprechen, damit die Leute mich akustisch und den Inhalt des Textes verstehen? Wie muss ich mich bewegen, um präsent zu sein? Wo ist der Höhepunkt und wie halte ich den Spannungsbogen? Das muss man schon üben. Vom Organisten oder Chor erwarte ich auch, dass sie die Stücke vorher üben.

Wann erleben Sie selbst Gottesdienste als intensiv und dicht?

Rösch: Wichtig ist für mich eine gute Musik - vom gregorianischen Choral bis zum neuen geistlichen Lied, aber auch Instrumentalmusik oder Cross-over-Projekte. Die Liedtexte dürfen dabei nicht zu platt und plump sein, sondern heutige Glaubensfragen in dichterischer Form aufgreifen. Ich selbst möchte im Gottesdienst auch mitsingen können, nicht nur hören. Eine gute Predigt gibt mir Impulse selbst nachzudenken und erschließt mir neue Aspekte eines Bibeltextes. Im Gottesdienst soll außerdem die Wandlung zu spüren sein. Die ganze Gemeinde wandelt sich in den Gaben von Brot und Wein. Das kann durch die Präsenz des Gottesdienstleiters unterstützt werden, der ganz da ist und nicht beim Vater Unser im Messbuch blättert. Ein Gottesdienst ist für mich gelungen, wenn ich mit einem Lächeln aus der Kirche gehe, vielleicht das letzte Lied pfeife und mit anderen Gottesdienstbesuchern die Predigtgedanken austausche, eben die Verwandlung spüre.

Haben Sie schon mit anderen kreativen Gottesdienstformen Erfahrungen gesammelt?

Rösch: Es ist schade, dass beim Thema Gottesdienst viele ausschließlich an Eucharistie denken. Die vielen anderen traditionellen Formen wie Vigil, Lichtfeier oder die Tagzeitenliturgie sind fast in Vergessenheit geraten. Nicht wenige kommen mit der Eucharistie noch nicht zurecht. Sie benötigen Zeit und eine Katechese, um das Geheimnis, das wir dort feiern, auch in ihrem Leben zu erfahren. Da bieten andere Formen an Knotenpunkten des Lebens eine Chance. Wir feiern den Gottesdienst für Liebende, viermal im Jahr die Gedenkfeier für Trauernde, einen Segensgottesdienst für Firmlinge oder vor dem Abitur und regelmäßig einen meditativen Gottesdienst am Sonntagabend.

Markus Waggershauser - 17.04.2014

Person

Wolfram Rösch wechselte nach seiner Assistenzzeit in Bad Liebenzell als Pastoralreferent im Sommer 1997 nach Schwäbisch Hall. In den dortigen Gemeinden, die seit 1999 eine Seelsorgeeinheit und seit 2010 die Gesamtkirchengemeinde bilden, ist der 50-Jährige Pastorale Ansprechperson in St. Markus und Kindergartenbeauftragter. Firmvorbereitung, Erwachsenenbildung, Öffentlichkeitsarbeit und das Kriseninterventionsteam liegen ebenfalls in seinem Verantwortungsbereich. Neben der Familie - seine Frau und drei Kinder - engagiert er sich in der Freitzeit auch bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Kochteam der Schulmensa.