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Menschenrechte am Amazonas

"Sauberes Wasser ist wichtiger als Erdöl"

Indigene kämpfen im Amazonasgebiet um Menschenrechte

Patricia Gualinga

Patricia Gualinga ist eine mutige Frau, Katholikin und Umweltaktivistin aus dem Amazonasgebiet Ecuadors. Auf dem Weg zu einer Vorbereitungssitzung in Rom für die Amazonas-Synode 2019 war sie am Wochenende im Tagungshaus Weingarten der Akademie der Diözese, um dort einen Vortrag zu halten. Wir haben die Gelegenheit zu einem Interview mit der international bekannten Menschenrechtlerin genutzt.

Frau Gualinga, Sie sind zur Tagung „Zukunft mit indigenen Völkern Lateinamerikas“ nach Weingarten gekommen. Wie steht es denn um die Zukunft ihres eigenen Volkes der Kichwa, das im Sarayaku-Regenwald im ecuadorianischen Teil Amazoniens lebt?

Patricia Gualinga: Obwohl die Regierung unseres Landes bereits 1992 die Eigentumsrechte an 135.000 Hektar Regenwald an uns übertragen hat, stehen wir seit 20 Jahren unter permanenter Bedrohung internationaler Erdöl-Konzerne, die unser Land ausbeuten wollen und so die heute noch intakte Umwelt vergiften. Aber wir sind überzeugt, dass sauberes Wasser und reine Luft wichtiger sind als das Öl. Mit ihm können wir unsere Kinder nicht ernähren.

Wie äußert sich diese Bedrohung?

Gualinga: Das fängt an mit der Blockade von Zufahrtsstraßen und geht über gezielte Verleumdung weiter bis hin zu Morddrohungen, wie ich sie vor wenigen Monaten erhalten habe. Aber wir werden bis zum Letzten Widerstand leisten. Wir haben eine große, machtvolle Demonstration in der Hauptstadt Quito veranstaltet, waren dadurch zwei Wochen lang überall in den Medien. Wir haben nach zehn-jährigem Kampf vor dem interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gesiegt und dort durchgesetzt, dass wir konsultiert werden müssen im Falle von Großprojekten. Wir haben internationale Journalisten zu uns in den Regenwald eingeladen, um sie zu sensibilisieren. Nur mit Hilfe der Weltöffentlichkeit kann es uns gelingen, die Konzerne aufzuhalten, die an unser Land wollen, um es zu zerstören.

Man hat den Eindruck, der Protest auch in anderen Regionen Amazoniens wird hauptsächlich von Frauen getragen. Stimmt das so?

Gualinga: Ja. Hunderte von Frauen verschiedener Völker bilden inzwischen ein Netzwerk, das für die Erhaltung des Regenwaldes und das Leben seiner Einwohner kämpft. Wir sind wie ein Wespennest, in das man nicht hineinstechen sollte! Die Welt muss verstehen, dass Amazonien nicht nur eine ökonomische Ressource darstellt, sondern ein zentraler Faktor für die Zukunft unseres Planeten ist. Wir indigenen Völker leben nachhaltig und geben der Welt damit ein gutes Beispiel, wie man es auch machen kann. Man muss uns nicht mehr belehren. Man sollte unsere Würde respektieren. Wir wissen sehr genau, was wir tun.

Von Europa aus ist Amazonien viele tausend Kilometer entfernt. Warum liegt uns der Regenwald trotzdem sehr viel näher, als wir glauben?

Gualinga: Alles hängt doch zusammen. Wenn der Regenwald weiter zerstört wird, betrifft das auch die Europäer ganz direkt durch den Klimawandel. Die westliche Welt, in der es immer nur um Geld und Profit geht, ist krank! Sie braucht einen fundamentalen Bewusstseinswandel. Wir kämpfen in Amazonien nicht nur um unser eigenes Überleben, sondern für die ganze Welt. Sie könnte viel von uns lernen, wenn sie die Augen öffnet.

Welche Rolle spielen die Kirchen in diesem Kampf? Fühlen Sie sich ausreichend unterstützt?

Gualinga: Seit zwei, drei Jahren spüren wir wachsende Hilfe vor allem durch die katholische Kirche, der mein Volk der Kichwa mit rund 1.300 Mitgliedern angehört. Wir haben einen Papst, der nicht nur Lateinamerikaner ist, sondern in seiner ganzen Einstellung zur Schöpfung und zu den Menschen ein Vorbild. Die beiden Kardinäle Claudio Hummes aus Brasilien und Pedro Barreto aus Peru unterstützen uns sehr, inzwischen folgen ihnen auch andere Bischöfe nach. Insgesamt müssten aber noch mehr Kirchenvertreter aus ihrer Komfortzone heraus und sich an unsere Seite stellen. Auf die Kirche hören unsere Politiker weitaus mehr als auf uns Indigene.

Sie verbringen die nächsten Tage im Vatikan in Rom. Was genau tun Sie dort?

Gualinga: In Rom geht es um das dreijährige Jubiläum der päpstlichen Umweltenzyklika „Laudato si“ und die Vorbereitungen zur Amazonas-Synode 2019. Ich bin dort als Koordinatorin des kirchlichen Netzwerkes Pan-Amazoniens tätig. Danach geht es gleich zurück in den Regenwald nach Ecuador, wo wir am 25. Juli unsere Großveranstaltung „Sierra viviente“ mit Ausstellungen, Musik und verschiedenen Foren zur Zukunft Amazoniens organisieren. Unser Staatspräsident Lenín Moreno hat zugesagt zu kommen.

Frau Gualinga, gibt es eine Botschaft, die Sie an die Menschen in den modernen Industriegesellschaften richten möchten? Was können diese von den Indigenen lernen?

Gualinga: Egal ob am Amazonas, in Afrika oder in Australien: Wir Indigenen haben einen riesengroßen Erfahrungsschatz und versuchen bis heute, stets in Einklang mit der Natur zu leben und sie zu respektieren, nicht zu zerstören. Der ungebremste Konsum ist nicht die Zukunft. Am Ende ist alles miteinander verbunden. Eigentlich braucht man nur die Bibel zu lesen. Jesus Christus war ein Revolutionär, der Dinge verändert und Machtstrukturen in Frage gestellt hat! Oder der heilige Franz von Assisi: Er hat mit den Tieren und den Pflanzen gesprochen. Warum folgen wir nicht diesem Beispiel?

Thomas Brandl - 01.07.2018

Person

Patricia Gualinga kämpft als langjährige Führerin von Sarayaku, ein indigenes Volk im südlichen Amazonasgebiet, für Menschenrechte. Die Endvierzigerin, Tochter der Katecheten ihres Dorfes in Ecuador, ist Teil einer schnell wachsenden Frauenbewegung zum Schutz des Regenwaldes. Im Januar diesen Jahres erhielt sie Morddrohungen, worauf Amnesty International eine Kampagne zur Garantie ihrer Sicherheit startete.