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"Der Heilige Geist war und ist erfinderisch"

Die Reformation bewegt die Ökumene

Dr. Christiane Kohler-Weiß

Martin Luther wollte die Kirche erneuern, es folgte die Trennung. Christiane Kohler-Weiß ist Beauftragte der evangelischen Landeskirche in Württemberg für das Reformationsjubiläum. Weshalb sie im Gedenken an die Ereignisse vor 500 Jahren eine ökumenische Aufgabe sieht, erzählt sie im Interview.

Frau Kohler-Weiß, Ihre Kirche hat die Schwestern und Brüder anderer christlicher Konfessionen eingeladen, sich im Blick auf das Reformationsgedenken auf einen gemeinsamen Weg zu machen. Was hat sie dazu bewogen?

Christiane Kohler-Weiß: Das hat sowohl historische als auch theologische Gründe. In Westeuropa wurden ja viele Kirchen durch die Reformation geprägt, nicht nur die evangelische. In gewissen Sinne ist auch die heutige katholische Kirche eine „Kirche der Reformation“. Noch wichtiger ist aber, dass wir durch die Ökumene der letzten 50 Jahre so zusammengewachsen sind, dass wir uns selbst beschneiden würden, wenn wir ohne unsere Glaubensgeschwister 500 Jahre Reformation feiern wollten. Wenn man einmal verstanden hat, dass wir durch die Taufe alle Glieder am einen Leib Jesu Christi sind, dann gibt es keine evangelische Identität mehr ohne Ökumene. Und eine katholische auch nicht.

Welche Impulse kann Martin Luther für dieses ökumenische Miteinander heute geben?

Kohler-Weiß: Unsere Landeskirche hat sich für das Reformationsjubiläum die Losung „… da ist Freiheit“ aus dem Zweiten Korintherbrief gegeben. Da geht es um die innere Freiheit, die der Glaube an Jesus Christus schenkt. Ich hoffe, dass die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die Walter Kardinal Kasper in seinem Lutherbuch als sympathischste der reformatorischen Hauptschriften Luthers bezeichnet, im Rahmen des Projekts „Baden-Württemberg liest Luther“ in vielen ökumenischen Gruppen diskutiert wird. Die Frage, wie die Seele frei wird und Frieden findet, stellt sich heute nicht weniger dringlich als vor 500 Jahren. Luther ist durch seine Krisen und befreienden Erfahrungen geistlich inspirierend – sicher auch für Katholikinnen und Katholiken.

Welche Hoffnungen und Visionen haben Sie persönlich für den gemeinsamen Weg der Christinnen und Christen im Jahr des Reformationsgedenkens?

Kohler-Weiß: Ich bin sicher, dass wir uns selbst und einander als Kirchen nach diesem Jahr besser verstehen werden. Viele Evangelische machen durch die Erinnerung an die Impulse der Reformatoren – und auch  einiger Reformatorinnen – interessante Entdeckungen, was es eigentlich heißt evangelisch zu sein. Darauf wissen ja selbst engagierte Kirchenmitglieder oft keine richtigen Antworten. Je mehr man aber von sich selbst versteht, desto gesprächsfähiger wird man im Dialog mit anderen. Meine Vision ist, dass wir mehr und mehr staunen, welche geistlichen Gaben und Schätze es in allen Kirchen gibt. Der Heilige Geist war und ist erfinderisch.

Was wünschen Sie sich dabei konkret von der Katholischen Kirche?

Kohler-Weiß: Nichts anderes als von meiner Kirche. Dass wir den gemeinsamen ökumenischen Weg durch dieses Jahr ernsthaft und aufrichtig gehen. Er begann mit der wertschätzenden gegenseitigen Wahrnehmung am Reformationstag 2016, geht dann über die Buße und Bitte um Vergebung für gegenseitige Verletzungen in der Passionszeit hin zum Dank für gewachsene ökumenische Gemeinschaft am Pfingstmontag. An vielen Orten endet das Reformationsgedenken mit dem gemeinsamen Christusbekenntnis am 31. Oktober 2017. Auf diese Weise feiern wir das Reformationsjubiläum als Christusfest. Ich wünsche mir, dass Christus kräftig zum Leuchten kommt.

Welches Ziel auf dem gemeinsamen Weg sollte am 31. Oktober 2017 erreicht sein?

Kohler-Weiß: Ich wäre glücklich, wenn der Geist Jesu Christi aus allen Kirchen den geistlichen Hochmut vertreiben könnte. Dann sind auch viele konkrete Schritte auf dem Weg zur Einheit denkbar.

Haben Sie als Pfarrerin Situationen und Begegnungen erlebt, in denen Sie diesem Ziel schon nähergekommen sind?

Kohler-Weiß: In meiner Zeit als Gemeindepfarrerin in Meckenbeuren war die Ökumene sehr lebendig: Zahlreiche Gottesdienste im Kirchenjahr, Bibelwochen, diakonische Initiativen, die „Nacht der offenen Kirchen“ – alles war ökumenisch, bis hin zu einer Station an Fronleichnam am evangelischen Außenaltar. Am kostbarsten aber war das gegenseitige Vertrauen.

Markus Waggershauser - 08.11.2016

Person

Dr. Christiane Kohler-Weiß ist Pfarrerin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und zurzeit deren Beauftragte für das Reformationsjubiläum. Die 53-Jährige koordiniert Veranstaltungen der Lutherdekade und berät Kirchenbezirke und kirchliche Einrichtungen bei ihren Aktivitäten. Außerdem entwickelt sie Material für Kirchengemeinden. Die promovierte Theologin ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.