header_profil_960x161.jpg

"Der Lebensweg Jesu an jeder Biegung"

Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr vor ihrer Schule in Palästina

Ute Augustyniak-Dürr zog vor neun Jahren mit ihrer Familie nach Israel ins palästinensische Autonomiegebiet, um dort als Lehrerin zu leben und zu arbeiten. Im ersten Teil der Sommerserie erzählt die Ordinariatsrätin über ihre Motivation zu diesem Schritt.

Frau Augustyniak-Dürr, 2004 tauschten Sie Ihr deutsches Klassenzimmer mit dem einer Schule in Palästina. Was hat Sie dazu bewegt?

Ute Augustyniak-Dürr: Ich habe es als außerordentliche Chance betrachtet, mit meinem Mann und unseren kleinen Kindern etwas ganz Neues zu wagen und eine Schule in einem solch interessanten Umfeld  mitzugestalten. Schon ihr Name ist Programm: „Talitha Kumi, Mädchen, steh auf!“ Das hat Jesus zu einem totgeglaubten Mädchen gesagt - und es erwachte zu neuem Leben. Diese Botschaft in das heutige Palästina zu übersetzen und sie erfahrbar zu machen hat mich ebenso gereizt wie in einem Land mit so unglaublichen Gegensätzen eine Zeit lang zu leben. Das war landschaftlich, kulturell, politisch und religiös Leben und Lebendigkeit in konzentriertester Form.

Wie haben Sie sich auf Ihre damals neue Tätigkeit vorbereitet?

Augustyniak-Dürr: Wir haben alles über Land, Leute, Politik, den Nahostkonflikt gelesen, was uns in die Hände kam. Wir haben den Kontakt mit Leuten gesucht, die sich in diesem Kulturraum auskennen, haben Arabisch-Sprachkurse besucht, so viele wir in einem knappen Jahr schafften. Aber auch das geordnete Verlassen der bisherigen Welt brauchte Zeit. Am Ende ist die wichtigste Vorbereitung vor allem das offene Herz, die wachen Sinne, die Bereitschaft, sich ganz und gar auf dieses große Lernfeld einzulassen.

Mit welchen unerwarteten Herausforderungen sahen Sie sich vor Ort konfrontiert?

Augustyniak-Dürr: Die begannen schon am Flughafen. Finden wir in der Menschenmenge den Fahrer, den die Schule geschickt hatte? Dann bei sommerlicher Hitze von über 40 Grad die Frage nach einem Essen, das unsere Kinder vertragen. Alle Produkte im Supermarkt waren nur arabisch oder hebräisch beschriftet - beides konnten wir bei unserer Ankunft noch nicht lesen. Im Schulleiterhaus in Talitha Kumi erwarteten uns im gesamten Innenraum statt eines Bodens große Sandhaufen. Wann die Renovierung fertig sei? Bald, inshallah, so Gott will - ein zwischen Tagen, Wochen und Monaten dehnbarer Begriff. Beim Versuch ein Auto zu kaufen hielt ein lässiger Verkäufer, das Hemd offen bis zum Bauchnabel, ein Bild des Autos in der einen und den Kaufvertrag in der anderen Hand. Vorsichtig fragten wir, ob wir das Auto denn zuerst sehen könnten? Er meinte das Auto stehe gerade in Zypern. Er überführe es nur, wenn wir es kaufen.

Hat für Sie bei diesem Wechsel auch der religiöse Aspekt eine Rolle gespielt, an der Wiege des christlichen Glaubens zu leben?

Augustyniak-Dürr: Natürlich spielte der religiöse Aspekt eine große Rolle. Zwei Kilometer von Bethlehem, fünf von Jerusalem entfernt zu wohnen, das bedeutete für mich als Christin ausgespannt zu sein zwischen Geburt und Tod Jesu, den Stationen seines Lebensweges an jeder Biegung zu begegnen. So nah an unseren Wurzeln zu sein, das war einfach großartig.

Würden Sie heute jungen Religionslehrerinnen oder –lehrern empfehlen, einen solchen Schritt zu wagen?

Augustyniak-Dürr: Besonders ihnen, aber eigentlich jedem Menschen. Mit den Augen des Fremden lernt man nicht nur viel über andere, sondern auch und gerade unendlich viel über die eigene Kultur, die Gesellschaft, die Religion. Man ist dauernd zur Auseinandersetzung mit den eigenen Werten, dem eigenen Selbst- und Weltverständnis gezwungen. Dass manche der religiösen Orte wie das in den Weihnachtsliedern besungene Betlehem dabei ein wenig entzaubert werden, andere dagegen im positiven Sinne geerdet, das gehört dazu.

Interview: Markus Waggershauser - 02.08.2013

Person

Ute Augustyniak-Dürr (51) ist seit September 2011 als Ordinariatsrätin Leiterin der Hauptabteilung Schulen im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Von 2004 bis 2010 lebte die zweifache Mutter mit ihrer Familie im palästinensischen Autonomiegebiet in Israel. Sie unterrichtete an der vom Berliner Missionswerk getragenen Schule „Talitha Kumi“, die ihr Mann Dr. Georg Dürr leitete. Die Pädagogin mit Staatsexamen in Theologie und Germanistik fürs Lehramt war bis 2004 stellvertretende Schulleiterin am Rottenburger Gymnasium St. Meinrad und nach ihrer Rückkehr Lehrerin  am Kepler-Gymnasium in Reutlingen.

Alle Folgen der Serie „Leben in Palästina“