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Unterricht zwischen Ichstärke und Tradition

Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr beim Unterricht in Palästina

Ute Augustyniak-Dürr zog vor neun Jahren mit ihrer Familie nach Israel ins palästinensische Autonomiegebiet, um dort als Lehrerin zu leben und zu arbeiten. Im zweiten Teil der Sommerserie gibt die Ordinariatsrätin einen Einblick in Chancen und Grenzen des Unterrichts.

Frau Augustyniak-Dürr, Sie haben sich nach Palästina nicht nur in eine andere Kultur aufgemacht. In welcher Sprache konnten Sie sich in und außerhalb der Schule verständigen?

Ute Augustyniak-Dürr: Die Unterrichtssprache war außerhalb des Deutschunterrichts Arabisch. Während unserer Zeit dort haben wir einen neuen Zweig mit dem Ziel internationales deutsches Abitur (DIAP) eingeführt, in dem neben der Landessprache ein Teil des Fachunterrichts wie Geografie, Biologie oder Geschichte in englischer und deutscher Sprache erteilt wurde. Die Schwierigkeiten, die meine palästinensischen Schüler und Schülerinnen mit der deutschen Grammatik hatten, hatte ich umgekehrt im Arabischen, das ich nach und nach lernte. So konnte ich die Unterschiede der beiden Sprachsysteme gut erklären. Wir haben viel miteinander gelacht und viel voneinander gelernt.

Wie sah bei Ihrer Ankunft ein gewöhnlicher Schultag aus?

Augustyniak-Dürr: In Talitha Kumi, einer christlichen Schule mit zirka 60 Prozent christlichen und 40 Prozent muslimischen Kindern und Jugendlichen, fing er um 7.40 Uhr mit einer Morgenandacht an, gestaltet vom Schulleiter, vom christlichen und gelegentlich auch vom muslimischen Religionslehrer oder von einer Klasse. Um 8 Uhr begann die erste von täglich bis zu acht Unterrichtstunden. Erst um 14 Uhr gingen oder fuhren die Schülerinnen und Schüler, üblicherweise mit einem Berg Hausaufgaben im Gepäck, nach Hause zum Mittagessen. Im lehrerzentrierten Unterricht ging es vor allem um das Reproduzieren von auswendig Gelerntem. Eigenständige Problemlösungen waren nicht gefragt.

Was konnten Sie als Lehrerin in diesem Schulsystem bewegen?

Augustyniak-Dürr: Wenn es für Palästina eine Zukunft gibt, dann ist Bildung einer der wichtigsten Wege dorthin. Es ging uns vor allem  darum, Lernen zu modernisieren, es motivierender, aber auch effizienter zu gestalten. Wir boten also Fortbildungen für unsere palästinensischen Kollegen in Freiarbeit, Gruppenunterricht, projektorientiertem Lernen an, es gab eine Schulentwicklung und die gesetzten Ziele wurden überprüft. Die Absolventen sollten auch für die Anforderungen gerüstet sein, die die Universität und das Leben in Deutschland an sie stellen. Die Einübung von Selbständigkeit, Ichstärke und einem demokratischen Miteinander schien uns dabei besonders wichtig zu sein. So richteten wir neben einem Elternbeirat auch eine SMV und eine Schulkonferenz ein. Das wurde vom Lehrerkollegium zuerst belächelt. Die Selbstbeschränkung des Mächtigen ist in einem Land, dessen Existenzrecht tagtäglich mit Füßen getreten wird und in dem Ohnmacht eine Grunderfahrung ist, ein hohes Risiko. Ein Mediationsprojekt, in dem gewaltlose Wege zum friedlichen Miteinander eingeübt wurden, eine Gruppe zur gemeinsamen Bildung von Jungen und Mädchen, Theater-, Kunst-, Sport- und Musikprojekte halfen zu Selbstvertrauen und Gemeinschaftssinn.

Ist eine christliche Schule in Palästina mit einer katholischen Schule in der Diözese Rottenburg-Stuttgart vergleichbar?

Augustyniak-Dürr: Selbstverantwortliches Lernen, vernetzter Unterricht, soziales Lernen, das alles ist in Deutschland viel leichter zu gestalten als in Palästina. Die Grundbedürfnisse sind ja alle gesichert. Gleichwohl gibt es auch Ähnlichkeiten: Dem Morgenkreis der Schule in unserer Diözese, in der der „Marchtaler Plan“ gilt, entspricht dort die Morgenbesinnnung. Auch in der christlichen Schule „Talitha Kumi“ steht das Kind und seine Bildung in der Mitte, ist alles auf sein Wohl ausgerichtet, aber die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, die Freiheit des Denkens und die Entwicklung zur Mündigkeit als Bildungsziele brauchen in Palästina viel Fingerspitzengefühl. Denn es steht uns Europäern nicht zu, Kinder durch die Förderung zu autonomem Denken von ihren Familien zu entfremden. Die Werte und Traditionen der Familie haben in Palästina ein viel höheres Gewicht als die des Individuums. Man braucht die Gemeinschaft zum Überleben. Entwicklungen sind deshalb nur langsam möglich, aber sie werden langfristig dem Land dienen.

Haben Ihre Kinder die Schule besucht, an der sie unterrichtet haben?

Augustyniak-Dürr: Unser älterer Sohn Jonas ist körperbehindert und brauchte eine spezielle Förderung, die es auf der palästinensischen Seite noch nicht gab. Er wurde in einem staatlichen jüdischen Kindergarten in Westjerusalem mitten im ultraorthodoxen Viertel Mea Shearim aufgenommen und auf Hebräisch unterrichtet. So ergaben sich gute Beziehungen und Freundschaften im jüdischen Jerusalem. Unser jüngerer Sohn Benjamin besuchte den arabischsprachigen Kindergarten in Talitha Kumi und später noch die Grundschule. Er sprach schon als Dreijähriger ebenso gut Arabisch wie Deutsch und außer seinem europäischen Aussehen unterschied ihn bald nichts mehr von den einheimischen Kindern. Als mein Mann den Fünfjährigen dazu ermahnte, er solle das Besteck zum Essen benutzen, konterte er selbstbewusst: "Wieso, Papa, die Araber essen alle mit den Händen."

Interview: Markus Waggershauser - 09.08.2013

Person

Ute Augustyniak-Dürr (51) ist seit September 2011 als Ordinariatsrätin Leiterin der Hauptabteilung Schulen im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Von 2004 bis 2010 lebte die zweifache Mutter mit ihrer Familie im palästinensischen Autonomiegebiet in Israel. Sie unterrichtete an der vom Berliner Missionswerk getragenen Schule „Talitha Kumi“, die ihr Mann Dr. Georg Dürr leitete. Die Pädagogin mit Staatsexamen in Theologie und Germanistik fürs Lehramt war bis 2004 stellvertretende Schulleiterin am Rottenburger Gymnasium St. Meinrad und nach ihrer Rückkehr Lehrerin  am Kepler-Gymnasium in Reutlingen.

Alle Folgen der Serie „Leben in Palästina“