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Leben in Palästina III

Friede ist Respekt vor dem anderen

Mauerbau in Israel

Ute Augustyniak-Dürr zog vor neun Jahren mit ihrer Familie nach Israel ins palästinensische Autonomiegebiet, um dort als Lehrerin zu leben und zu arbeiten. Im dritten Teil der Sommerserie schildert die Ordinariatsrätin persönliche Erfahrungen im Nahostkonflikt.

Frau Augustyniak-Dürr, der Nahostkonflikt schwelt bis heute. Haben Sie von den Auseinandersetzungen damals etwas mitbekommen?

Ute Augustyniak-Dürr: Der Nahostkonflikt ist tagtäglich Teil des Lebens auf der Grenze zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. In unserem ersten Jahr pfiffen die Kugeln des israelischen Wachturms noch über unser Haus hinweg. Die Erfahrungen von Bomben und Panzern, Gefangennahme und Tod vieler Angehöriger prägten das Leben der Schülerinnen und Schüler. Viele von ihnen waren traumatisiert. Das israelische Militär war auch im sogenannten palästinensischen Autonomiegebiet immer bedrohlich gegenwärtig.

Waren Sie persönlich in den Konflikt involviert?

Augustyniak-Dürr: Als im Winter 2008/09 der Gaza-Krieg ausbrach und ich morgens durch das Tor der Schule Talitha Kumi mit unserem Sohn nach Jerusalem in seinen Kindergarten fuhr, waren die Blicke des Torwächters feindselig. Ich fuhr unser Kind nach Israel, von dem aus stündlich Gaza bombardiert wurde – keine 50 Kilometer von uns entfernt, zu denen, die den Palästinensern unermessliches Leid zufügten. Auch die freundlichen Grüße im israelischen Kindergarten waren verstummt, man musterte uns misstrauisch. Einmal bekam eine befreundete Ergotherapeutin eine SMS von ihrem Sohn, der an der Grenze zum Gaza- Streifen als Soldat stationiert war. Sie kommentierte das Gelesene bleich: „Mein Sohn, er verteidigt uns gegen Gaza. Noch lebt er.“ Das machte uns beide sprachlos. Nur in kleinen Portionen brach das Eis zwischen uns wieder.

Konnten Sie oder Ihre Schule in dieser Situation etwas unternehmen?

Augustyniak-Dürr: Die Schülerinnen und Schüler warteten verzweifelt auf Nachricht von ihren Verwandten in Gaza. Ihre Hilflosigkeit schlug in Aggression und Zerstörungswut um. Neben Orten des Gebetes in der Schule versuchten wir, Familien aus dem Gaza-Streifen herauszubekommen und vorübergehend im Internat der Schule in Sicherheit zu bringen. Am Ende gab Israel die Erlaubnis, Waisenkinder zu uns zu evakuieren Aber es gab es keine handlungsfähige Organisation in Gaza mehr, die diese Aktion hätte durchführen können. Die Zahl der Toten, stieg auf über 1000 Menschen, die meisten davon Zivilisten. Man braucht ein unendlich weites Herz, um diese abgrundtiefen Schmerzen auf beiden Seiten zu begleiten, ohne den letzten Funken an Liebe und Friedenswillen zu verlieren. Aber wenn man sich auf die Menschen vor Ort wirklich einlässt, dann muss man auch eine solche Situation bis zum Ende mitgehen, und sei der Weg noch so bitter.

Als Konfliktparteien werden meist jüdische Israelis und muslimische Palästinenser wahrgenommen. Welche Rolle spielte Ihre christliche Schule in diesem Spannungsfeld?

Augustyniak-Dürr: Das neun Hektar große, umzäunte  Gelände von Talitha Kumi hat einen Ausgang in die von Israel kontrollierte C-Zone und auf der gegenüberliegenden Seite einen Ausgang ins palästinensische Autonomiegebiet, der A-Zone. Sie war damit vielleicht der letzte Ort im Land, an dem sich Palästinenser und Israelis unkontrolliert treffen konnten. Im Gästehaus waren Seminare und mehrtägige Treffen möglich, die dem Frieden dienten. Eine Gruppe von Menschen beider Seiten, die Angehörige im gewaltsam Konflikt verloren hatten, wusste, dass nur ein Stoppen des Blutvergießens, nur Vergebung ein sicheres Leben garantieren kann und dass sie sich immer wieder treffen musste, um von Feinden zu Nachbarn zu werden mit einer gemeinsamen Liebe zu einem Land, das geteilt werden muss. Eine Gruppe von israelischen und palästinensischen Lehrern hatte sich zum Ziel gesetzt, ein gemeinsames Geschichtsbuch zu schreiben. Am Ende gab es ein Buch mit drei Spalten auf jeder Seite: Links die israelische Geschichte, rechts die palästinensische und dazwischen Platz für eigene Kommentare des Lesers. Der Frieden ist eine Frucht des respektvollen sich Verneigens vor dem anderen.

Gab es denn auch gemeinsame Projekte mit israelischen Schulen?

Augustyniak-Dürr: Es gab immer wieder Versuche, aber es gab auch unendlich viele Steine, die in den Weg gelegt wurden. Zum Beispiel bekamen die älteren palästinensischen Schüler keine Erlaubnis, zum Besuch der israelischen Partnerschule den Checkpoint zu überqueren. Viele dieser oft vom Ausland finanziell unterstützen Treffen und Seminare fanden deshalb in Europa oder den USA statt, denn dorthin durften alle gehen, wenn auch auf verschiedenen Wegen. Die Sehnsucht nach Frieden spielte in der Schule eine zentrale Rolle, und es gab viele Bemühungen, etwa durch ein Mediationsprojekt, durch die Ausbildung von Streitschlichtern, durch interreligiöse Projekte mit Schülern und Schülerinnen, Wege zum Frieden aufzuzeigen und sie an jedem Tag einzuüben.

Interview: Markus Waggershauser - 16.08.2013

Person

Ute Augustyniak-Dürr (51) ist seit September 2011 als Ordinariatsrätin Leiterin der Hauptabteilung Schulen im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Von 2004 bis 2010 lebte die zweifache Mutter mit ihrer Familie im palästinensischen Autonomiegebiet in Israel. Sie unterrichtete an der vom Berliner Missionswerk getragenen Schule „Talitha Kumi“, die ihr Mann Dr. Georg Dürr leitete. Die Pädagogin mit Staatsexamen in Theologie und Germanistik fürs Lehramt war bis 2004 stellvertretende Schulleiterin am Rottenburger Gymnasium St. Meinrad und nach ihrer Rückkehr Lehrerin  am Kepler-Gymnasium in Reutlingen.

Alle Folgen der Serie „Leben in Palästina“