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"Gott hat viele Orte in der Welt"

Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr

Ute Augustyniak-Dürr zog vor neun Jahren mit ihrer Familie nach Israel ins palästinensische Autonomiegebiet, um dort als Lehrerin zu leben und zu arbeiten. Im vierten Teil der Sommerserie beleuchtet die Ordinariatsrätin das spannende Miteinander der Religionen.

Frau Augustyniak-Dürr, gab es an der christlichen Schule Talitha Kumi auch Kinder und Jugendliche anderer Religionen? Wie sah das Miteinander aus?

Ute Augustyniak-Dürr: In Talitha Kumi gibt es christliche und muslimische Schüler. Jüdische Kinder kommen wegen der anderen Unterrichtssprache und den unterschiedlichen Schulsystemen von Palästina und Israel nicht an diese Schule. Aber schon das Miteinander von Muslimen und Christen ist ein Lernfeld des gegenseitigen Respekts. Auch die muslimischen Schülerinnen trugen die Schuluniform und damit kein Kopftuch.

Gab es da keine Konflikte mit den muslimischen Familien?

Augustyniak-Dürr: Das war nicht immer leicht durchzuhalten, aber hier leistete der muslimische Religionslehrer viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern. In dieser Schule sei das Miteinander wie das in der Familie. In der Familie tragen die Mädchen auch kein Kopftuch. Dieses familiäre Miteinander wurde im täglichen Leben auch wirklich praktiziert. Dass die christlichen Kinder während des Ramadans dezent essen und die Fastenden respektieren, war eine Selbstverständlichkeit. An den jeweiligen Festen, an Ostern oder dem Id-al-Fitr am Ende des Fastenmonats Ramadan etwa, wurde für alle Gebäck mitgebracht
 
Was können Christen Ihrer Meinung nach zum Frieden im Nahen Osten beitragen?

Augustyniak-Dürr: Ein Beispiel, das mir dabei einfällt, ist ein Weinberg - seit Jahrzehnten im Besitz einer  christlichen palästinensischen Familie. Israel hatte eine Siedlung nach der anderen in die umliegenden Hügel gebaut und versucht, diesen Weinberg zu zerstören und das Land zu besetzen. Aber die Eigentümer hielten stand. Auf einem Schild am Eingang stand geschrieben: “We refuse to be enemies“ – Wir weigern uns Feinde zu sein. Als eines Tages eine Gruppe von jüdischen Siedlern mit Baggern die Zäune des Geländes einfuhr und begann, die uralten Olivenbäume auszureißen, bildeten die Menschen vor Ort – auch der Pfarrer der Gemeinde kam dazu – eine Menschenkette vor den Bäumen. Nach einem dramatischen Kräftemessen ließen die Siedler am Ende von ihrem Bemühen ab. In der Folge dieses von der Presse dokumentierten Übergriffs kam plötzlich eine Lieferung von 100 Olivenbäumen auf den Weinberg – gespendet von einer amerikanischen jüdischen Friedensorganisation.

Gibt es Unterschiede, wie Juden,  Muslime und Christen dort ihren Glauben praktizieren?

Augustyniak-Dürr: Als ich eines Mittags zur Schule in Jerusalem kam, um meinen Sohn abzuholen, wartete ich mit den Busfahrern vor der Tür, bis diese geöffnet wurde. Pünktlich um 12 Uhr breitete ein muslimischer Fahrer seinen Gebetsteppich aus und kniete sich nieder, ein jüdischer Fahrer daneben richtete sein Gesicht gegen die Mauer vor der Schule und betete mit den üblichen Schaukelbewegungen. Auch wir Katholiken haben ein Gebet um diese Stunde, aber ich fand es befremdlich, mit halblauter Stimme in das Gebet der beiden anderen mit meinem Gebet einzustimmen. Das öffentliche Bezeugen ihres Glaubens ist für die Juden und Muslime dort selbstverständlich. Wir Christen lassen uns – vor allem in Europa – ins Private zurückdrängen. Aber nur ein erkennbares, gelebtes Christentum ist ein Heilszeichen in der Welt.

Hat die direkte Begegnung mit Juden und Muslimen Ihren christlichen Glauben verändert?

Augustyniak-Dürr: Inhaltlich bin ich nie in eine wirkliche Auseinandersetzung mit Juden oder Muslimen über unseren Glauben gekommen, obwohl wir diese Themen in der Schule viel diskutiert haben. Es klingt vielleicht komisch, aber Menschen, die ehrfürchtig sind, die wissen, dass sie nicht das Maß aller Dinge sind, dass sie ihr Leben einem anderen als sich selbst verdanken und ihre Erkenntnisse immer begrenzt sind, die finden auch zu einem Miteinander. Ich bin nicht in meinem christlichen Glauben erschüttert worden, aber ich habe ihn um die Erkenntnis vertieft, dass Gott viele Orte in der Welt hat und dass wir auch von den anderen lernen können. Biblisch gesprochen ist es ganz einfach: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.

Interview: Markus Waggershauser - 23.08.2013

Person

Ute Augustyniak-Dürr (51) ist seit September 2011 als Ordinariatsrätin Leiterin der Hauptabteilung Schulen im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Von 2004 bis 2010 lebte die zweifache Mutter mit ihrer Familie im palästinensischen Autonomiegebiet in Israel. Sie unterrichtete an der vom Berliner Missionswerk getragenen Schule „Talitha Kumi“, die ihr Mann Dr. Georg Dürr leitete. Die Pädagogin mit Staatsexamen in Theologie und Germanistik fürs Lehramt war bis 2004 stellvertretende Schulleiterin am Rottenburger Gymnasium St. Meinrad und nach ihrer Rückkehr Lehrerin  am Kepler-Gymnasium in Reutlingen.

Alle Folgen der Serie „Leben in Palästina“