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"Der Horizont weiter, der Blick schärfer"

Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr zwischen Palästina und Deutschland

Ute Augustyniak-Dürr zog vor neun Jahren mit ihrer Familie nach Israel ins palästinensische Autonomiegebiet, um dort als Lehrerin zu leben und zu arbeiten. Im letzten Teil der Sommerserie berichtet die Ordinariatsrätin von ihrer Rückkehr nach Deutschland.

Frau Augustyniak-Dürr, sind Sie froh nach sechs Jahren Palästina nun wieder in Deutschland zu sein?

Ute Augustyniak-Dürr: Ja und Nein. Es ist ein schlechtes Gefühl, Menschen in der Not zurückzulassen und in das komfortable, gesicherte Leben in Deutschland zurückzukehren. Und natürlich lernt man ein Land zu lieben, in dem man eine Heimat gefunden hat. In Talitha kannte ich nach sechs Jahren jeden Strauch und Baum. Die Wüste, dieser „heilige Boden“,  wo die Stille hörbar und das Nichts spürbar ist, fehlt mir. Andererseits war es von Anfang an klar, dass das Leben dort begrenzt ist. Auch unsere Kinder mussten ja in Deutschland wieder einen Anschluss an die Schule finden und deutsch lesen und schreiben lernen – in die andere Richtung wie hebräisch oder arabisch. Sie und auch wir Erwachsenen genießen nun vieles, was uns im Ausland gefehlt hat. Am Ende kommt es darauf an die Welten zusammenzubringen. Wir bleiben den Menschen im Nahen Osten verbunden und können auch von Deutschland aus viel tun.


Sie haben nach Ihrer Rückkehr erneut in einer baden-württembergischen Schule unterrichtet. Welche Umstellung fiel Ihnen am schwersten?

Augustyniak-Dürr: Ich habe eine ganze Zeit lang gebraucht, bis ich die deutschen Jugendlichen wieder verstanden habe. Sie erschienen mir sehr selbstbewusst, reich an Entfaltungsmöglichkeiten. Aber mir ist bei manchen Kindern und Jugendlichen auch eine hohe emotionale Bedürftigkeit entgegengeschlagen. So viel Instabilität, Aggression, Verlorenheit bei einer auf den ersten Blick so stabilen Welt um sie herum. Und natürlich hatte ich auch Heimweh nach meinen Schülern und Schülerinnen in Talitha, die sich spontan auf dem Gang bei mir untergehakt haben und fragten: Kif halik, habibti? – Wie geht es, mein Liebling? Der Weg zurück nach Deutschland kam mir erstaunlicherweise viel länger vor als der Weg nach Palästina, vielleicht, weil ich dort mit der Fremdheit gerechnet hatte und hier nicht.

Ein Jahr nach Ihrer Rückkehr berief Sie Bischof Gebhard Fürst als Leiterin der Hauptabteilung Schulen in der Diözese. Haben Erfahrungen aus Palästina Einfluss auf Ihre jetzigeTätigkeit?

Augustyniak-Dürr: Auch wenn die Tätigkeiten natürlich vollkommen andere sind, bin ich mit dem präsent, was ich durch die Zeit in Palästina und Israel  geworden bin. Mein Horizont ist weiter geworden, der Blick für das, worauf es ankommt, schärfer – auch im Bezug auf religiöse und  interreligiöse Bildung. Es war erstaunlich, wie unterschiedlich und teilweise falsch israelische und palästinensische Medien das gleiche Geschehen wiedergegeben haben. Deshalb möchte ich mir, wo immer es geht, ein eigenes Bild von etwas machen und im Kontakt mit den Betroffenen nach den besten Lösungen suchen. Und für unsere Religionslehrerinnen und -lehrer, aber auch für die Schuldekaninnen und -dekane ist es mir wichtig, dass sie „Rottenburg“ nicht als weit weg von ihrer Wirklichkeit erfahren, sondern die Schulabteilung für sie jederzeit ansprechbar und hilfreich ist.

Haben Sie einen Tipp für die katholischen Religionslehrerinnen und –lehrer hierzulande, wenn Sie die Themen Judentum und Islam behandeln?

Augustyniak-Dürr: Jede Religion ist gelebtes Leben. Auch wenn es manchmal je nach den geografischen Gegebenheiten schwer ist, eine Synagoge oder eine Moschee zu besuchen, so gibt es doch in unserer multireligiösen Gesellschaft oft schon in der Schule die Möglichkeit, mit Vertretern anderer Religionen in Kontakt zu kommen. Sich gegenseitig zu befragen und zu antworten führt oft zu einem viel tieferen Verständnis als ein Arbeitsblatt mit Buchwissen. Einzuüben gilt es in jedem Fall den Respekt vor religiösen Ausdrucksformen, die vielen Kindern und Jugendlichen von heute fremd sind.

Würden Sie heute nochmals den Schritt wagen, wenn Ihnen eine Stelle in Palästina angeboten würde?

Augustyniak-Dürr: Es gibt für alles im Leben den passenden Zeitpunkt, den Kairos. Aktuell stellt sich diese Frage nicht. Aber prinzipiell würde ich diesen Schritt jederzeit wieder wagen. In meinem Leben habe ich immer wieder erfahren, dass man dahin geführt wird, wo man aktuell richtig ist, und dass sich Unruhe breit macht, wenn eine Veränderung angezeigt ist.

Interview: Markus Waggershauser - 30.08.2013

Person

Ute Augustyniak-Dürr (51) ist seit September 2011 als Ordinariatsrätin Leiterin der Hauptabteilung Schulen im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Von 2004 bis 2010 lebte die zweifache Mutter mit ihrer Familie im palästinensischen Autonomiegebiet in Israel. Sie unterrichtete an der vom Berliner Missionswerk getragenen Schule „Talitha Kumi“, die ihr Mann Dr. Georg Dürr leitete. Die Pädagogin mit Staatsexamen in Theologie und Germanistik fürs Lehramt war bis 2004 stellvertretende Schulleiterin am Rottenburger Gymnasium St. Meinrad und nach ihrer Rückkehr Lehrerin  am Kepler-Gymnasium in Reutlingen.

Alle Folgen der Serie „Leben in Palästina“